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Waffen-Hamsterkäufe in den USA Mit dem Revolver gegen das Virus

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Amokläufe führen in den USA verlässlich zu mehr Schusswaffenkäufen

Amokläufe und die darauffolgenden Debatten führen in den USA verlässlich zu mehr Schusswaffenkäufen, ob aus Furcht vor der nächsten Tat oder verschärften Gesetzen, die es erschweren könnten, sich in Zukunft damit auszustatten. Schindler sagt, es sei „komplett irrational, sich eine Waffe zu kaufen, weil man denkt, man könnte es bald nicht mehr. Der Präsident kann den Leuten die Waffen nicht wegnehmen.“ Um an dem Recht auf Waffenbesitz politisch oder verfassungsrechtlich zu rütteln, müssen der Kongress, der Senat und die große Mehrheit der Bundesstaaten dem zustimmen. Das sei „auf lange Sicht sehr unwahrscheinlich“, so Schindler.

Florida verschärfte nach dem Parkland-Attentat 2018 seine Waffengesetze, indem es unter anderem das Mindestalter auf 21 Jahre setzte und eine dreitägige Warteperiode einführte. Vom Giffords Law Center, einem nationalen Rechtsinstitut in San Francisco, das sich gegen Waffengewalt einsetzt, bekommt das Rentnerparadies nun statt der schlechtesten Note F ein C-. Außer in Florida müssen Waffenverkäufer nur in fünf weiteren Staaten und im District of Columbia (D.C.) eine Warteperiode einhalten. Zum Zeitpunkt der Untersuchung waren es noch neun und D.C.

Laut dem Giffords Law Center ist Kalifornien der sicherste Bundesstaat. Hier kommen 7,45 Todesopfer durch Waffengebrauch auf 100.000 Einwohner. Landesweit liegt die Rate bei knapp zwölf Toten pro 100.000 Bürger. Führend sind dabei die Südstaaten wie Mississippi (22,8) oder Alabama (21,7). Nirgendwo sonst sterben so viele Menschen durch den Einsatz von Schusswaffen im Verhältnis zur Bevölkerung. Häusliche Gewalt und Straßenkriminalität sind dabei viel häufiger die Gründe als Amokläufe. Schindler und König betonen in ihrer Studie, dass rund 99 Prozent der Schusswaffen-Morde nichts mit Amokläufen zu tun haben.

Präsident Donald Trump sprach sich mehrmals für schärfere Überprüfungen aus – allerdings immer dann, wenn wieder eine Tat passiert war. 2019 starben an einem Wochenende bei zwei verschiedenen Massenschießereien 31 Menschen. Trump wies Anwälte und Berater an, mögliche Gesetzesänderungen auszuloten. Doch er stellte immer wieder fest, dass er unter den Republikanern nicht den nötigen Rückhalt für ernsthafte Veränderungen hat. Und selbst an vorderster Front dafür einzustehen, mit dem Risiko zu scheitern, das tut er nicht.

Im Wahlkampf werde die Waffengewalt keine große Rolle spielen, glaubt Schindler. „Themen wie die Krankenversorgung sind aktuell in den USA wesentlich wichtiger. Die Frage bleibt, wie stark zukünftige Amokläufe – die es wohl leider geben wird – den Waffenbesitz zurück auf die Agenda bringen.“

Joe Biden hat in diesem Punkt gegenüber Bernie Sanders einen Vorteil. Das liegt nicht nur an Bidens politischem Einsatz gegen Waffen, mit dem er sich schmückt. Das Thema ist Sanders‘ Schwäche, ein Angriffspunkt, den Biden für sich nutzt. Zweimal, 1993 und 2005, hatte Sanders für die Belange der Waffenlobby gestimmt. Biden provozierte vor einigen Wochen ein Eingeständnis Sanders'. Es sei ein Fehler gewesen, die Immunität für Waffenproduzenten im Senat zu unterstützen, sagte der Sozialist. Schon Hillary Clinton hatte Sanders im Wahlkampf 2016 vorgeworfen, mit der Lobby kooperiert zu haben. Über jeden wahltaktischen Opportunismus erhaben war er in der Vergangenheit nicht.

Sanders‘ Schwachpunkt aggressiv auszunutzen, wie Biden es tut, scheint nahezuliegen. Doch der Politikstratege Corey Ciorciari, der Clinton damals auf diesem Feld beriet, sagte dem US-Magazin „The Atlantic“, Clintons Entscheidung, Sanders auf diese Weise anzugreifen, sei umstritten gewesen. Unter den Demokraten habe immer der Konsens bestanden, dass es ein wichtiges Thema sei, aber keines, das man im Umfeld der Vorwahlen aufkommen lasse. Diese Übereinkunft ist seither Geschichte.

Schindler und König haben die Studie zur Veröffentlichung in einem renommierten Journal eingereicht und warten nun auf grünes Licht von Seiten der Herausgeber. „Wir haben die Studie bislang nicht beworben, weil wir noch nicht alle wissenschaftlichen Prozesse durchlaufen haben“, sagt Schindler. Wichtig sei nur, „dass sie am Ende angemessen publiziert wird“. Ob die Studie vor oder nach der Präsidentschaftswahl am 3. November in den USA erscheint, sei ihnen nicht so wichtig, sagt Schindler, „aber je früher, desto besser“.

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