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Waffen-Hamsterkäufe in den USA Mit dem Revolver gegen das Virus

Dutzende Menschen stehen vor einem Waffengeschäft in Culver City, Kalifornien, Schlange. Coronavirus-Ängste lösten einen Ansturm auf Waffen und Munition aus. Quelle: AP

Die Coronakrise kurbelt die Nachfrage nach Schusswaffen in den USA an. Eine Studie zeigt, wie Amokläufe dennoch verhindert werden könnten.

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In diesen Tagen stehen die Menschen in den USA nicht nur vor den Supermärkten Schlange. Auch vor Waffengeschäften warten die Bürger auf Einlass. Der Grund: Sie wollen sich eine Pistole oder ein Gewehr kaufen, weil sie wegen der Coronakrise Versorgungsengpässe und Plünderungen fürchten. So meldete beispielsweise der amerikanische Online-Munitionshändler Ammo.com zwischen dem 23. Februar und Ende März ein Umsatzplus von 792 Prozent verglichen mit dem knapp 40-tägigen Zeitraum davor. US-Präsident Donald Trump spricht von einer beispiellosen Nachfrage nach Schusswaffen unter den Amerikanern. „Menschen kaufen wegen dieses Seuchenanstiegs Waffen in einem Ausmaß, das man davor nicht gesehen hat“, sagte Trump am Sonntagabend bei seiner täglichen Pressekonferenz zur Coronakrise im Weißen Haus.

Das Thema Waffenkäufe bewegt auch den Präsidentschaftswahlkampf. Der demokratische Kandidat Joe Biden erklärt, er werde im Falle eines Wahlsiegs den Zugang zu Waffen erschweren, um das Land sicherer zu machen. Zweimal schon hat er es mit der US-Waffenlobby NRA aufgenommen – und zweimal gewonnen. So zumindest steht es auf der opulenten Wahlkampf-Seite des Bewerbers für die Präsidentschaftskandidatur.

Tatsächlich war Biden in den Neunzigerjahren als US-Senator an Gesetzen gegen Waffenmissbrauch beteiligt. Gebracht hat das langfristig allerdings wenig. Heute ist die Zahl der Todesopfer wieder auf dem Niveau von damals. 2017 starben fast 40.000 Menschen durch Schusswaffen.

Drei von fünf US-Bürgern sprachen sich 2019 in einer Umfrage von Pew Research für härtere Waffengesetze aus. In ihren Wahlprogrammen versprechen Biden und Bernie Sanders, Bidens zurückgefallener Verfolger im Rennen um die Nominierung, die „Epidemie der Waffengewalt“ zu beenden. Doch das wird nicht leicht angesichts der Macht der NRA und dem Verfassungsrang, den der Waffenbesitz genießt. Der zweite Zusatzartikel von 1971 verbietet es der Bundesregierung, das Recht der Bürger zu beschneiden, „Waffen zu besitzen und zu tragen“. Zwar ist die Interpretation des Artikels juristisch äußerst umstritten. Um die hohe Anzahl an Opfern zu senken, ist eine Verfassungsänderung allerdings gar nicht zwingend erforderlich.

Schon kleinere gesetzliche Einschränkungen auf Ebene der Bundesstaaten, etwa die zeitverzögerte Ausgabe einer Waffe an den Kunden nach einem Kauf, zeigen Wirkung. Das bestätigen die beiden deutschen Ökonomen David Schindler und Christoph König in ihrer Studie „Impulse Purchases, Gun Ownership and Homicides: Evidence from a Firearm Demand Shock“.

Die Wissenschaftler der Universitäten Tilburg und Bristol stellen fest: Steht eine Handfeuerwaffe dem Käufer nicht unmittelbar zur Verfügung, sinkt die Mordrate im Vergleich zu Bundesstaaten ohne ein solches Verzögerungsgesetz um zwei Prozent. Neben dieser Frist, die von wenigen Tagen bis einigen Monaten reichen kann, ist eine Kauflizenz für Waren ein zweites effektives Mittel. Deren Beantragung kann ebenfalls zeitintensiv sein. Der Gesetzgeber könnte die Todeszahlen also signifikant reduzieren – ohne den zweiten Zusatzartikel anzutasten.

Schindler und König gingen in ihrer Studie der Frage nach, ob eine höhere Verbreitung von Schusswaffen kausale Effekte auf Kriminalität und Mordraten hat. Dafür zogen sie die Zeit nach der Wiederwahl Barack Obamas als US-Präsident im November 2012 heran. Damals, im Dezember 2012, kam es zu einem Amoklauf an einer Grundschule in Newtown, Connecticut. An der Grundschule hatte ein junger Mann 26 Menschen getötet, die meisten davon Kinder im Alter von sechs und sieben Jahren. Weil die Bürger fürchteten, nach dem Attentat könnte es zu einer gesetzlichen Einschränkung des Rechts auf Waffenbesitz kommen, vervielfachten sich die Käufe von Pistolen und Sturmgewehre daraufhin über etwa sechs Monate laut dem US-Sender CNBC um bis zu 400 Prozent.

Die Ökonomen untersuchten für die Zeit des Nachfrageschubs von Ende 2012 bis Mitte 2013, ob sich impulsgesteuerte Käufer, die wegen des Massenmordes und der Obama-Wiederwahl eine Waffe besorgen wollten, durch eine zeitliche Verzögerung von ihrem Kauf abbringen ließen. Ob also die Affekthandlung, in den Laden zu gehen mit dem Ziel, möglichst sofort eine Pistole zu bekommen, verpuffte, wenn dieses Ziel nicht unmittelbar erreicht wurde. Die Analyse zeigt, dass die Anzahl der Waffenverkäufe in Staaten mit Verzögerungen weniger stark anstieg als in denen ohne.

In ihrer Studie machen Schindler und König zudem deutlich, dass nicht nur die Anzahl der Käufe niedriger ist als in Bundesstaaten ohne Verzögerungsgesetze, sondern auch die Anzahl der mit Schusswaffen verübten Tötungsdelikte. 200 Menschenleben hätten den Berechnungen der Wissenschaftler zufolge gerettet werden können, wenn Verzögerungen bei der Ausgabe der Waffen in allen US-Bundesstaaten in Kraft gewesen wären.

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