Waffendebatte in den USA Warum Trump sich ein Beispiel an Australien nehmen sollte

Nach einem Massaker mit 35 Toten hat die australische Regierung ihr Waffengesetz radikal verändert. Und ist heute sicherer als je zuvor.

Donald Trumps Waffengesetz: Ein Beispiel an Australien nehmen

CanberraSchüsse in Tasmanien – Hunderte, Tausende. Sie hallen bis heute nach. Wenn es einen Moment in der jüngeren Geschichte Australiens gibt, einen Moment, der das Land fundamental verändert hat – politisch, juristisch, gesellschaftlich – dann war es diese Stunde absoluten Terrors. Es war ein Sonntagnachmittag im April 1996: Martin Bryant, ein 28-Jähriger mit blonder Mähne, betritt das Café der Touristenanlage Port Arthur im Süden der australischen Insel.

Mit einem halbautomatischen Gewehr der Marke Colt erschießt er in 15 Sekunden 12 Menschen. Zehn weitere werden zum Teil schwer verletzt. Außerhalb des Cafés fliehen die Menschen.

Doch auch mit ihnen hat Bryant keine Gnade. Eine Mutter fleht um das Leben ihren beiden kleinen Mädchen. Bryant grinst nur und drückt ab. Schuss um Schuss, Magazin um Magazin. 35 Menschen sterben an diesem Tag, viele werden verletzt. Der Name Port Arthur ist zum Begriff des größten Massakers im modernen Australien geworden.

Nur Monate später, und eine Tat in diesem Ausmaß wäre kaum mehr möglich gewesen. Australien gilt als Paradebeispiel dafür, wie eine Nation sich entwaffnen kann, ohne entrechtet zu werden. In Rekordzeit hatte das Land Gesetze eingeführt, die nicht nur den Import von Schnellfeuerwaffen verboten haben, sondern auch deren Besitz.

Canberra begann, Halbautomaten zurückzukaufen. Der Protest gegen die Maßnahmen war laut und kam, ähnlich wie in den USA, aus den üblichen Ecken: Ultrarechte Nationalistengruppen, Schützenvereine, Jäger. Es hagelte Warnungen vor einer vermeintlichen Entwaffnung redlicher Bürger durch den Staat. Premierminister John Howard musste eine kugelsichere Weste tragen. So bedroht fühlten sich er und Mitglieder seiner Regierung.

Absurde Ängste verbreiteten sich in den Medien. Bei einer lange befürchteten Invasion des Kontinents durch „Chinesen“ und „Muslime“ könne man Frau und Kühe nicht mehr verteidigen, hieß es. „Seit ich ein Teenager bin, schlafe ich mit meinem geladenen halbautomatischen Gewehr neben dem Bett“, gab ein Baggerfahrer und Hobbybauer Peter zu Protokoll. Er wolle bereit sein, wenn „die Horden aus dem völlig überfüllten Indonesien“ kämen. Die würden schließlich nur darauf warten, „diesen, unseren fast leeren Kontinent, zu besiedeln“.

Doch die Australier, die so gerne den Mythos zelebrieren, ein rebellisches, antiautoritäres Volk von Pionieren im Stile von „Crocodile Dundee“ zu sein, sie taten, was sie eigentlich immer tun: Sie folgten dem, was ihnen die Politiker vorschreiben. In diesem Fall zu Recht. Das Programm wurde zum vollen Erfolg. Tonnen von Waffen wurden auf Polizeidienststellen im ganzen Land abgegeben, die Besitzer vom Steuerzahler entgeltet. Die Gewehre landeten im Schmelzofen. Zehntausende.

Seither ist das Land eines der sichersten der Welt, was den Gebrauch von Feuerwaffen angeht. Wer ein Gewehr kaufen will - Einzelschuss nur, mit kleinem Magazin -, muss zwingende Gründe haben.

Betätigung in der Landwirtschaft gilt als einer, Mitgliedschaft in einem Schützenklub als weiterer. Angst vor einer Invasion gilt nicht. Wer eine Waffe besitzen darf, nach Absolvierung eines Tests und einer wochenlangen Wartezeit, muss sich an strikte Vorschriften halten, was Transport, Aufbewahrung und Sicherheit angeht. Es ist sogar vorgeschrieben, wie der Waffenschrank montiert sein muss. Die Polizei führt Stichkontrollen durch. Die Lizenz wird alle paar Jahre überprüft.

Seit 22 Jahren hat es nun in Australien keine Massenschiesserei mehr gegeben. Die Zahl der Gewaltverbrechen mit einer Feuerwaffe ist auf ein Minimum geschrumpft. 2014 fiel die Mordrate auf unter eine Person pro 100.000 Einwohnern – ein Fünftel im Vergleich zu den USA.

Bei gerade mal 32 (1990 waren es noch 307) der insgesamt 238 Tötungsdelikte waren Feuerwaffen involviert, in einer Nation von 24 Millionen Menschen. In der amerikanischen Stadt Chicago mit etwa 2,7 Millionen Einwohnern wurden im letzten Jahr mehr als 500 Menschen erschossen.

Auch die Selbstmordrate unter Verwendung einer Feuerwaffe ist in Australien nach Port Arthur um 80 Prozent zurückgegangen. Heute bescheinigen selbst damalige Kritiker, das Land sei sicherer. Schützen haben sich längst an die verschärften Bedingungen gewöhnt. Und die Chinesen und Muslime haben Australien trotz der „Entwaffnung“ nicht überfallen. Das hält aber Leute wie Peter nicht davon ab, weiter mit dem Gewehr neben dem Bett zu schlafen. Allerdings ist es heute eine Schrotflinte. Mit zwei Patronen.

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