WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Wahlen in der Türkei Wer wird den inflationären Saustall aufräumen?

Seite 2/2

Währungsverfall

Wahrscheinlich, dass man dort dem Präsidenten empfahl, die Sache lieber jetzt noch schnell über die Bühne zu bringen, bevor die Misere bei den Wählern ankommt. Schnell verteilte man obendrein noch Wahlgeschenke – so bekam jeder Rentner noch rechtzeitig vor der Wahl eine Einmalzahlung in Höhe von 1000 Lira, knapp 180 Euro.

Dass eine harte Zeit bevorsteht, zeigt der rapide Verfall der türkischen Währung. Bekam man Anfang 2016 für einen Euro noch drei türkische Lira, sind es heute über fünf. Darunter leiden viele türkische Unternehmen, die in den letzten Jahren Kredite in Dollar und Euro aufgenommen haben. Deren Schuldenlast steigt – schon mussten einige Konzerne die Banken um eine Umschuldung bitten. Der Abwärtstrend der Lira beschleunigte sich in den Wochen vor der Wahl nochmals rapide. Nur eine Leitzinserhöhung der Zentralbank auf 17,75 Prozent konnte ihn vorübergehend bremsen.

Egal, wer die Wahlen gewinnt, er wird den inflationären Saustall aufräumen müssen. Nötig sind noch höhere Leitzinsen, und das birgt die Gefahr einer Inflation – gleichzeitig sind noch immer zehn Prozent aller Türken arbeitslos. „In den letzten beiden Jahren wurde das Wachstum künstlich aufgebläht“, sagt Necep Bagoglu von der Germany Trade & Invest (GTAI) in Istanbul. „Der Wahlgewinner muss das jetzt ausbaden.“

Was passiert bei der Türkei-Wahl am Sonntag?

Die zweite große Baustelle der türkischen Wirtschaft ist das Leistungsbilanzdefizit. Hohe Energieimporte vor allem aus Russland stehen zu geringen Exporten gegenüber. Deswegen ist das Land auf einen steten Zustrom von ausländischem Kapital angewiesen. Das aber kommt nur, wenn es der neuen Regierung gelingt, Vertrauen wiederherzustellen. Mit Erdogan an der Spitze ist das momentan kaum mehr vorstellbar. Noch im Mai polterte er auf einer Konferenz in London, die eigentlich dazu da war, bei internationalen Geldgebern für den Investitionsstandort Türkei zu werben, er werde im Fall eines Wahlsiegs, die Zentralbank stärker kontrollieren. Augenblicklich sackte die türkische Lira um mehrere Prozent nach unten.

Doch auch ohne einen Staatschef, der sich in bizarrer Umdrehung ökonomischer Fakten wiederholt dafür ausgesprochen hat, die Zinsen zu senken, um die Inflation zu bekämpfen, wird eine Trendumkehr schwierig. Die Zinswende in den USA sorgt zusätzlich für einen Kapitalabfluss aus Schwellenländern wie der Türkei.

Sollte es dem hemdsärmeligen Ince tatsächlich gelingen, die Wahl am kommenden Sonntag zu gewinnen, er wird ein schweres Erbe antreten müssen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%