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Weltbank-Chef Chance für einen Neubeginn

Der Mediziner, Anthropologe und Gesundheitsexperte Jim Yong Kim kann der Entwicklungshilfebank neues Leben einhauchen. Der zukünftige Präsident der Weltbank bringt frische Perspektiven, Expertise bei der Arbeit mit Entwicklungsländern und den unbedingten Willen zur Veränderung mit.

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New World Bank President Jim Yong Kim Quelle: REUTERS

Mit Jim Yong Kim leitet ab 1. Juli ein Außenseiter die Weltbank in Washington. Der 52-jährige ist weder Politiker, noch Banker noch Ökonom. Stattdessen hat er jahrelang das gemacht, wofür die Entwicklungshilfebank primär steht: den ärmsten Ländern in der Welt zu helfen. Als Mediziner und Gesundheitsexperte hat er in verschiedenen Projekten die gesundheitliche Lage der Menschen weltweit verbessert. Seine Gesundheitsprogramme etwa in Haiti oder Peru nahmen sich andere Länder zum Vorbild. Auch seine Arbeit bei der Weltgesundheitsorganisation hat für Veränderung gesorgt. Maßnahmen zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten sind durch seine Arbeit neu entwickelt worden.

Als Präsident der Weltbank - eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit 187 Mitgliedstaaten - hat der in Südkorea geborene Amerikaner nun die Chance, der 68 Jahre alten Organisation, neues Leben einzuhauchen. Bisher bestimmten hauptsächlich die entwickelten Nationen und größten Anteilseigner - allen voran die USA und Europa - wo und wie Kredite welchen Ländern gewährt wurden, um Armut zu bekämpfen und Wachstum in den ärmsten Ländern anzukurbeln. Diese Staaten finanzieren die Bank auch hauptsächlich. Zum 30. Juni 2011 hatte die Weltbank Kredite in Höhe von insgesamt 258 Milliarden Dollar vergeben.

Zunehmend fordern die Entwicklungsländer zu Recht mehr Einfluss und Mitspracherecht bei den Entscheidungen der Weltbank. Der erfahrene Gesundheitspolitiker Kim hat sich durch sein Engagement und seine jahrelange Arbeit mit Entwicklungsländern einen guten Namen gemacht. Nun muss er beweisen, dass er in der Weltbank mit ihren weltweit über 9.000 Mitarbeitern frischen Wind einbringen kann, dass er den Problemen und Wünschen der Entwicklungsländer mehr Gehör verleiht und bisherige Perspektiven kritisch hinterfragt. Das ist seine Chance als Außenseiter in der Entwicklungspolitik. Einfach wird das nicht, denn die Entscheidungen über die Ausrichtung der Bank werden maßgeblich in den Regierungen der Mitgliedsländer gefällt.

Immerhin - Freunde bescheinigen Kim einen unbedingten Willen zur Veränderung und eine große Kompromissbereitschaft. Das sind gute Voraussetzungen, um sich in dieser internationalen Organisation durchsetzen zu können. Es ei ein einmaliges Ereignis in der Historie der Bank, lobte Mark Weisbrot vom amerikanischen Thinktank Center for Economic and Policy Research in Washington, die Wahl Kims zum neuen Weltbank-Chef. Der Akademiker Kim, zurzeit Präsident einer renommierten amerikanischen Universität, dem Dartmouth College, sei mit keinem seiner Vorgänger bei der Weltbank zu vergleichen, so Weisbrot.

Letzter Präsident von Amerikas Gnaden

Jim Yong Kim, left, greets an unidentified woman at a cultural center in Lima, Peru Quelle: dapd

Nachdem US-Präsident Barack Obama Kim als Kandidaten für den Weltbank-Chefposten Mitte März vorgeschlagen hatte, tourte dieser durch verschiedene Länder, um für sich und seine Kandidatur zu werben. Er gewann die Unterstützung Kanadas, Mexicos, Südkoreas, Japans und Russland. Dennoch werde Kim wohl der letzte Präsident der Organisation sein, den die Amerikaner bestimmten, so Weisbrot. Aus puren Traditionsgründen kommt der Präsident der Weltbank aus den USA, während die Europäer den Chefposten beim Internationalen Währungsfonds (IWF) stellen.

Doch der Widerstand gegen diese politische Auswahl wächst in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Erstmals stellten diese Gegenkandidaten auf. Einige schickten Nigerias Finanzministerin Ngozi Okonjo-Iwela ins Rennen um den Chefposten bei der Weltbank, andere den früheren kolumbianischen Finanzminister José Antonio Ocampo. Die Entwicklungsländer seien zwar damit gescheitert, einen Kandidaten an die Spitze der Weltbank zu bringen, aber immerhin habe ihre Kandidatur geholfen, den seit Jahrzehnten gleich ablaufenden Prozess zu verändern, in dem sich erstmals überhaupt Kandidaten aus Entwicklungsländern zur Wahl gestellt hätten, sagte Okonjo-Iweala nach der Kims Ernennung.

Kim kommt selbst aus einer Flüchtlingsfamilie. Seine Eltern flüchteten in den 50er Jahren aus dem damaligen Entwicklungsland Südkorea in die USA als Kim fünf Jahre alt war. Zuvor war Kims Vater im Alter von 17 Jahren aus Nordkorea geflohen. Er sah seine Eltern, Brüder und Schwestern nie wieder. Kim wuchs in der ländlichen Kleinstadt Muscatine im US-Bundesstaat Iowa auf. Er studierte Medizin und Anthropologie und hat zwei Doktortitel. Lange widmete sich Kim der Forschung. Er konzentrierte sich auf die Aids- und Tuberkulose-Forschung und gründete die private Organisation Partners in Health, die sich die gesundheitliche Behandlung von Menschen in armen Ländern auf die Fahnen geschrieben hat. Von 2003 bis 2007 arbeitete er bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für eine Initiative, die Bedürftige in Entwicklungsländern mit Aids-Medikamenten versorgen sollte. Kritik, er hätte nicht genügend Entwicklungspolitik-, Finanz und Management-Erfahrung weist der Amerikaner zurück. Die wirtschaftliche Entwicklung und der Kampf gegen Armut seien derart komplexe Themen, dass eine einzige Disziplin ohnehin nicht ausreiche, um sie voranzutreiben. Die Weltbank habe viele extrem erfahrende Volkswirtschaftler, sagte Kim in einem Interview mit der New York Times. „Ich kann es kaum erwarten, mit ihnen zu arbeiten.“

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