WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Weltbank-Präsident Robert Zoellick "Ich glaube nicht an einen Absturz"

Der Weltbank-Präsident Robert Zoellick über die Euro-Krise, die fehlende Vision für die Entwicklung der EU und warum es trotz aller Ängste Grund zur Hoffnung gibt.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Weltbank-Präsident Robert Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Zoellick, was macht Ihnen derzeit mehr Sorgen – eine aufkommende Rezession oder die Schieflage im Welthandel?

Zoellick: Die Weltbank konzentriert sich auf Schwellen- und Entwicklungsländer. Da war die Erholung bis in den Spätsommer hinein ganz gut auf dem Weg. Jetzt, mit den Problemen im Euro-Raum und in den USA, beobachte ich eine gewisse Schadenfreude, dass sich zur Abwechslung mal die entwickelten Länder darum kümmern müssen, ihr Haus in Ordnung zu bringen. Aber die Krise der Staatsanleihen, der Absturz der Aktienmärkte, all das hat gravierende Auswirkungen auch auf die Entwicklungsländer. Investoren ziehen ihr Geld zurück. Das nimmt zwar den Aufwertungsdruck aus den Währungen, aber die neue Sorge ist, dass sich der Verlust an Vertrauen in Europa und in die USA auch auf die Schwellen- und Entwicklungsländer überträgt. Das würde das Wachstumsklima schwer beeinträchtigen.

Das klingt, als würden Sie schon bald eine weltweite Rezession befürchten.

Ich glaube nicht an einen erneuten Absturz – nicht global und auch nicht in den USA. Aber die Risiken überwiegen, und es hängt viel davon ab, was jetzt in der Euro-Zone passiert. Bislang haben die Europäer versucht, ihr Problem durch Liquiditätshilfen zu lösen. Ich will das nicht kritisieren, aber das löst das Problem nicht. So gewinnt man nur Zeit – und diese sollten die Verantwortlichen in Europa weise nutzen.

Und wie?

Mal sorgen sich die Menschen um die Staatsverschuldung, mal um die Banken. Was Europa fehlt, ist ein umfassender Ansatz, der für beide Probleme eine gemeinsame Lösung bietet und eine Antwort auf die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands gibt. Die deutschen Steuerzahler fragen sich, wie lange sie für die Krise zahlen müssen. Aber sie vermissen vor allem, dass ihnen die politische Führung sagt, in welche Richtung sich ihr Europa überhaupt entwickeln soll. Die entscheidende Frage ist doch, ob die Menschen und Regierungen in Europa eine politische und finanzielle Union errichten wollen, um die Währungsunion zu ergänzen.

Was, wenn sie das nicht wollen?

Dann müssen sie eben entscheiden, wie sie mit überschuldeten Staaten umgehen, die nicht wettbewerbsfähig sind. Vieles in der Politik geschieht in der Art des Durchwurstelns, aber die Wirtschaft und die Märkte brauchen Orientierung und Klarheit. Als vor gut 20 Jahren der Ostblock zusammenbrach, entwickelte Bundeskanzler Helmut Kohl eine Vision, wie sich die Dinge entwickeln könnten. So etwas fehlt jetzt völlig, und je länger dies andauert, desto mehr Geld kostet es und desto weniger Handlungsoptionen wird es geben.

Sie vermissen eine Art Zehn-Punkte-Plan zur Lösung der Euro-Krise?

Politiker müssen den Entscheidungen voraus sein, und Deutschland spielt schon wegen seiner Größe eine wichtige Rolle in Europa. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy steht vor Wahlen, Italien befindet sich in Turbulenzen, Großbritannien ist nicht Teil der Euro-Zone. Wo soll die Lösung also herkommen?

Vielleicht fehlt eine solche Vision deswegen, weil die deutschen Steuerzahler fürchten, sie würden in einer Fiskalunion ständig zur Kasse gebeten werden.

Das wäre auch keine langfristig tragbare Situation. Aber umso mehr müssen die Regierungen entscheiden, welche Union mit welchen Strukturen sie stattdessen haben wollen. Und dann müssen sie diese Vision ihren Bürgern erklären und den Parlamenten die nötigen Entscheidungen vorlegen. Sie müssten den Bürgern auch erklären, warum die Euro-Zone Bestand haben soll und was die Rückkehr der D-Mark für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft bedeuten würde. Im Augenblick ist es doch so: Der Deutsche Bundestag hat trotz aller Kritik mit überwältigender Mehrheit beschlossen, mehr Geld in den Rettungsfonds zu geben, aber keiner weiß, wohin das Geld wirklich gehen soll. Wenn die Menschen wüssten, wofür das Geld ausgegeben wird, gäbe es vielleicht mehr Unterstützung für diese Hilfen. Und noch einmal: Diese Frage betrifft natürlich Europa. Aber solange sie offenbleibt, hat dies Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft bis hin zu den Entwicklungsländern.

Viele dieser Länder haben ihre Schuldenkrisen erfolgreich überstanden. Wie lautet deren Rat?

Deren Botschaft an die Europäer lautet, es handelt sich um unser gemeinsames Problem, also findet bitte eine Lösung. Sie werden es auch erleben, dass die Entwicklungsländer in den nächsten Monaten den Internationalen Währungsfonds zunehmend unter Druck setzen werden, mit Europa in der Art umzugehen, wie dieser mit ihnen umgegangen ist. Immerhin finanzieren auch diese Länder den Fonds.

Das Problem der überbordenden Staatsverschuldung stellt sich nicht nur in Europa, sondern auch in den USA. Sind die Risiken für die Entwicklungsländer ähnlich?

Das amerikanische Problem ist womöglich genauso ernst wie das europäische, aber die Märkte werden weniger sensibel darauf reagieren.

Warum?

Der Dollar gilt immer noch als ein sicherer Hafen. Wenn es in der Welt Probleme gibt, werden US-Staatsanleihen gekauft. Die US-Regierung hat daher kein Problem, sich zu finanzieren. Klar, wir müssen zu Einsparungen im Haushalt kommen. Aber das heißt nicht unbedingt Ausgaben kürzen, man kann sie auch weniger stark steigen lassen. Ein gutes Zeichen ist auch, dass jetzt die Diskussion über eine Steuerreform in Gang kommt, die auf eine breitere Bemessungsbasis und niedrigere Steuersätze abzielt. Und darüber hinaus sollten die USA ihre Handelspolitik aktivieren, denn offener Handel hilft nicht nur dem Wachstum, sondern befördert auch den strukturellen Wandel. Außerdem sitzen die amerikanischen Unternehmen auf jeder Menge Cash. Kommt die Nachfrage in Gang, können sie damit schnell Arbeitsplätze schaffen.

Um die USA ist es also besser bestellt als um Europa?

Vorsicht! Die fundamentalen Daten sind ernst – in den USA, in Europa und in Japan. Nur die Märkte reagieren derzeit besonders sensibel auf die Herausforderung, die die Euro-Zone hat, um einige ihrer Mitglieder zu stützen. Dies liegt an der besonderen Natur des Euro-Systems. Ansonsten sind die Probleme mit Schulden, Ausgaben und Produktivität in allen drei Regionen gleich, wenn man davon absieht, dass die demografische Entwicklung in den USA günstiger ist.

Taugen Europa, die USA und Japan, alles schuldenfinanzierte Wohlfahrtsstaaten, noch als Vorbild für die Schwellenländer?

Die Chinesen beantworten diese Frage so: Wir wollen nicht Wohlfahrt verteilen, sondern Wohlstand erarbeiten.

Und die soziale Frage bleibt offen?

Die Entwicklungsländer verfügen über eine Menge interessanter Beispiele, wie soziale Sicherheitsnetze sehr effizient gestaltet werden können. Ein Modell wurde in Mexiko entwickelt, dann von Brasilien übernommen, und wir werden es jetzt in rund 40 weiteren Ländern einführen. Die Idee ist, Geld unter konkreten Auflagen an den Teil der Bevölkerung zu geben, der die Hilfe wirklich nötig hat. Das betrifft in der Regel 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung. Bedingung ist immer, dass die Empfänger ihre Kinder in die Schule schicken. Mexiko und Brasilien wenden dafür gerade mal rund ein Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts auf. Das finde ich sehr effizient, von einem solchen Modell könnten auch Industrieländer lernen. In den USA und in Europa herrscht die Vorstellung, alle Bürger müssten vom Sozialsystem gleich behandelt werden. Die Leistungen gehen an Leute mit niedrigen und mit hohen Einkommen. Warum konzentriert man es nicht auf die Bedürftigen? Und noch einen anderen Punkt würde ich gerne ansprechen. Ich glaube, das wäre interessant für Ihre Leser.

Nur zu...

Deutsche Unternehmen, insbesondere solche aus dem Mittelstand, sind zwar sehr erfolgreich im Export. Sie haben aber das Wachstumspotenzial, das Schwellen- und Entwicklungsländer bieten, noch nicht voll erkannt. China zum Beispiel verbraucht mehr als die Hälfte des Zements auf der Welt und rund 40 Prozent aller Eisenerze. Aber es sind nicht nur China, Indien oder Indonesien, auch das südliche Afrika wuchs in den zehn Jahren vor der Finanzkrise mit Raten von fünf bis sechs Prozent pro Jahr und ist dabei, sich zu erholen. In vielen dieser Länder sieht es aus wie in Europa vor 60 Jahren. Dort gibt es einen enormen Nachholbedarf an Infrastruktur, Energieversorgung, regionaler Integration und in der Entwicklung des privaten Sektors. Hier sind deutsche Unternehmen spitze, sie sollten sich einbringen in ein neues multipolares Wachstumssystem. Solange wir diese enormen Wachstumschancen haben, bin ich optimistisch. Aber: Erst müssen wir die Gegenwart bewältigen, dann kommt die Zukunft.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%