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Weltordnung Die Rettung der Welt ist vorbei

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Schiedsrichter und Weltpolizist

Zu verstehen ist das Pathos nur, wenn man sich das schiere Ausmaß des moralischen Bankrotts der alten Ordnung vor Augen führt. Ein dynastisch regiertes, imperiales Europa, ausgezogen, um die Welt unter sich aufzuteilen, richtet sich seit 1914 waffenstarr im Stellungskrieg zugrunde. Allein die beiden Versuche der Entente-Mächte im April 1917, ein bisschen Bewegung in die Westfront zu bringen, kosten 600.000 Soldaten das Leben.

Kein Wunder, dass Wilson, der tiefgläubige Sohn eines Calvinisten-Pfarrers, ausgestattet mit reichlich Selbst- und Sendungsbewusstsein, politisch groß geworden im Geist eines progressiven Reformglaubens, zum idealistischen Höhenflug ansetzt, um den ersten Auftritt der Amerikaner auf der Weltbühne einem höheren Ziel zu weihen: der Zukunft einer im „Völkerbund“ geeinten Welt, unter Einschluss der Deutschen übrigens, sofern sie sich ihres Regimes entledigen.

Für die meisten Europäer sind die USA kein beargwöhnter Hegemon, sondern eine Verheißung, ein „Leuchtturm, der der Welt die Wege“ weist (Ralph W. Emerson). Franzosen, Briten und Italiener sind dankbar, als die USA durch ihr Eingreifen den Krieg beenden; die Deutschen erhoffen sich vom „unparteiischen Sieger“ einen milden Verständigungsfrieden. Als Wilson um die Jahreswende 1918/19 in Europa eintrifft, um die Nachkriegswelt zu ordnen – es ist die erste Auslandsreise eines US-Präsidenten überhaupt –, wird er in Paris, London und Rom wie ein Heilsbringer gefeiert. Was damals möglich scheint, noch glühende Hoffnung ist: dass die Globalisierung von Volksherrschaft und Marktwirtschaft unter US-Führung gelingt.

Und heute? Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um Wilsons „liberalen Internationalismus“ als Geschichte einer hochfliegenden Idee und ihrer andauernden Enttäuschung zu lesen. Der Frieden von Versailles verschärfte den Nationalismus in Europa, die USA zogen sich enttäuscht auf sich selbst zurück. Sie wünschten vom „Rest der Welt bloß in Ruhe“ gelassen zu werden (General Tasker Bliss), verhängten hohe Schutzzölle, kosteten ihre finanzielle Vorherrschaft aus und betrachteten Europa als Absatzmarkt: „Amerikas Geschäft ist das Geschäft“ (Präsident Calvin Coolidge, 1924).

Die Geschichte der freien Marktwirtschaft
Metamorphose IIn der Frühphase des Kapitalismus werden aus Landarbeitern Handwerker: Webstuhl im 19. Jahrhundert in England. Quelle: imago / united archives international
Metamorphose IIMit der Industrialisierung werden aus Handwerkern Arbeiter: Produktion bei Krupp in Essen, 1914. Quelle: dpa
Metamorphose IIIIm Wissenskapitalismus werden Arbeiter zu Angestellten und Proletarier zu Konsumenten: Produktion von Solarzellen in Sachsen. Quelle: dpa
Ort der VerteilungsgerechtigkeitDen reibungslosen Tausch und die Abwesenheit von Betrug – das alles musste der Staat am Markt anfangs durchsetzen. Quelle: Gemeinfrei
Ort der KapitalkonzentrationDer Börsenticker rattert, die Märkte schnurren, solange der Staat ein wachsames Auge auf sie wirft Quelle: Library of Congress/ Thomas J. O'Halloran
Ort der WachstumsillusionWenn Staaten Banken kapitalisieren, sind das Banken, die Staaten kapitalisieren, um Banken zu kapitalisieren... Quelle: AP
Karl MarxFür ihn war der Unternehmer ein roher Kapitalist, ein Ausbeuter, der Arbeiter ihrer Freiheit beraubt. Quelle: dpa

In der bipolaren Welt nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich verstanden sich die USA nicht mehr als Schiedsrichter, sondern als machtvoll auftrumpfender „Weltpolizist“. Gewiss: US-Präsidenten von Kennedy bis Reagan griffen zu einer demokratischen Missionierungsrhetorik, wie Wilson sie vorgeprägt hatte, und nach dem Fall der Mauer glaubten Bush senior und Clinton, der Vermehrung der Demokratien stünde nun nichts mehr im Wege.

Und doch haben die USA spätestens mit ihrer Nahostpolitik nicht nur die Ambition als ethischer Hegemon, sondern auch jede Möglichkeit einer „moralischen Außenpolitik“ des Westens verspielt. Es ist dieses Vakuum, in das China, Russland und die Türkei nun stoßen: mit antiliberalem Nationalismus, der auf moralische Neutralität – die „Nichteinmischung in innere Angelegenheiten“ – pocht.

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