Weltwirtschaft "In Brasilien braut sich ein Sturm zusammen"

Brasiliens Wirtschaft rutscht immer tiefer in die Krise – auch eine Folge der katastrophalen Wirtschaftspolitik von Präsidentin Dilma Rousseff.

Brasiliens Präsiedentin Dilma Rousseff Quelle: REUTERS

Vermutlich ahnte Präsidentin Dilma Rousseff, dass ihr kein leichtes Jahr bevorstehen würde, als sie am 1. Januar ihre zweite Amtszeit antrat. Kurz zuvor hatte sie mit Joaquim Levy ausgerechnet einen Banker zum Finanzminister ernannt – also jemanden, der angeblich den armen Brasilianern das Essen vom Tisch raubt, wie sie noch im Wahlkampf behauptet hatte. Doch jetzt braucht sie den Chicago-Ökonomen nicht nur, um die maroden Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen. Sondern auch, um ihr eigenes politisches Überleben zu sichern.

Wachstums- und Inflationsrate in Brasilien (Für eine Großansicht auf das Bild klicken)

Brasiliens Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren kaum gewachsen. Als Rousseff bei der ersten Sitzung des neuen Kabinetts befand, allenfalls „kleine Korrekturen“ der Wirtschaftspolitik seien notwendig, um Brasilien wieder auf Erfolgskurs zu bringen, erntete sie bei Experten nur Kopfschütteln. Denn seit Anfang Januar erschüttert eine schlechte Nachricht nach der anderen die Wirtschaft. „In Brasilien braut sich ein Sturm zusammen“, sagt Ilan Goldfajn, Chefökonom von Itau Unibanco. Analysten befürchten, dass die Wirtschaftsleistung der siebtgrößten Wirtschaft der Welt dieses Jahr um mindestens ein Prozent sinken könnte. Die Unternehmer geizen mit Investitionen, die Konsumenten halten ihr Geld zusammen.

Das Ende des Wachstums
Brasilien: Schwache Strukturen bremsen das große PotenzialDie größte Volkswirtschaft Lateinamerikas will nicht mehr so recht anlaufen. Wuchs sie 2010 noch um über sieben Prozent, hat sie seitdem nicht einmal mehr drei Prozent erreicht. Der IWF korrigierte seine aktuelle Prognose sogar noch nach unten. Unter den Schwellenländern wurde die Prognose für Brasilien am stärksten gekürzt. Hier sieht der IWF im laufenden Jahr ein Wachstum von 0,3 Prozent und im nächsten Jahr von 1,4 Prozent. Im Juli rechnete der IWF noch mit 1,3 Prozent und zwei Prozent Plus. Langfristig sehen mehrere Studien nach wie vor ein großes Wachstumspotenzial für Brasilien. Das liegt vor allem an dem Rohstoffreichtum des Landes, der gut funktionierenden Landwirtschaft und der großen und konsumfreudigen Bevölkerung. Kurz- und mittelfristig seien die Aussichten allerdings unsicher. So bemängeln Analysten die hohen Steuern und das komplizierte Steuersystem. Weitere Wachstumshemmnisse sind die marode brasilianische Infrastruktur und die schwerfällige Bürokratie. Hohe Löhne und Finanzierungskosten sowie protektionistische Handelsregeln halten Investoren derzeit auf Abstand. Auch qualifizierte Arbeitskräfte sind Mangelware - die Arbeitsproduktivität in der sechst größten Volkswirtschaft der Welt liegt 30 bis 50 Prozent unter dem europäischen Niveau. Die Arbeitslosenquote ist mit 5,6 Prozent relativ moderat. Brasiliens Präsidentin Dilma Roussef hat nach ihrem knappen Wahlsieg viel zu tun, wenn sie die Potenziale ihrer Volkswirtschaft ausreizen will. Quelle: dapd
„Sollte das Wachstum jetzt geringer ausfallen, wird die Regierung alle Instrumente nutzen, um eine Konjunkturabkühlung zu verhindern“, erwartet José Carlos de Faria, Chefökonom der Deutschen Bank in São Paulo. Unterstützung erhält die Konjunktur dadurch, dass derzeit staatliche und private Infrastrukturprojekte für umgerechnet rund 180 Milliarden Euro bis 2014 umgesetzt werden. Und Brasilien verfügt über Spielraum für weitere Stimulierungen. Die Devisenreserven sind hoch, ausländisches Kapital strömt weiter ins Land, und auch die Notenbank kann die Zinsen noch senken. Doch Wachstumsraten von über sieben Prozent wie 2010 sind außer Sichtweite: Nach einer Umfrage der Zentralbank rechnen die führenden Investmentbanken damit, dass Brasilien 2013 rund vier Prozent wachsen wird. Alexander Busch Quelle: AP
Russland: Die Wirtschaftssanktionen sind nicht Russlands größtes ProblemDer größte Flächenstaat hat sich selbst in eine Krise manövriert. Die politische Machtdemonstration in der Ukraine kostet Russlands Wirtschaft Kraft. Erst im vergangenen Monat hat die US-Ratingagentur Moody's die Kreditwürdigkeit Russlands deswegen von „Baa1“ auf „Baa2“ herabgestuft – damit liegt die Bonität Russlands nur noch knapp über dem Ramschniveau. Auch der Ausblick für die zukünftige Entwicklung ist negativ. Die Sanktionen des Westens belasten die mittelfristigen Wachstumsaussichten. Der IWF geht davon aus, dass die russische Wirtschaft in diesem Jahr um 0,2 Prozent und im nächsten Jahr um 0,5 Prozent wachsen wird. Allerdings sind die Wirtschaftssanktionen nicht das größte Problem Russlands. Der Absturz des Rubels und des Ölpreises machen der Wirtschaft viel mehr zu schaffen. Quelle: picture-alliance/ dpa
Gazprom profitiert zwar von dem Ende des Gasstreits zwischen der Ukraine und Russland – gute Zukunftsaussichten sehen aber anders aus. Der Ölpreis ist aufgrund der nachlassenden Weltkonjunktur von 107 Dollar pro Fass auf 86 Dollar gefallen. Für die vom Öl und von Gas abhängige russische Wirtschaft birgt das große Probleme – Russland generiert rund die Hälfte seiner Einnahmen aus dem Verkauf von Öl und Gas. Die Schwäche des Rubels drückt das Wachstum ebenfalls und kostet Russland monatlich Milliarden. Seit Januar ist der Kurs des Rubels um 20 Prozent gefallen. Das führt dazu, dass die Importe teurer werden. Der Lebensmittelpreis ist beispielsweise im September um zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Quelle: dpa
Indien: Eine Wirtschaft auf ReformkursGemessen an den Bevölkerungszahlen ist Indien die zweitgrößte Wirtschaft der Welt. Auch in Bezug auf das Wirtschaftswachstum war Indien lange Zeit weltspitze. 2010 wuchs die Wirtschaft noch um über zehn Prozent – 2014 sind es vergleichsweise nur noch magere fünf Prozent. Gemessen an den westlichen Industrieländern ist diese Quote allerdings immer noch beeindruckend. Für 2015 erwartet der IWF, dass die indische Wirtschaft wieder stärker anzieht. Ein Wirtschaftswachstum von 6,5 Prozent wird erwartet. Besonders tragen dazu die Bereiche Elektrizität, Gas- und Wasserversorgung sowie Finanzen an. Analysten fühlen sich in ihrer Annahme bestätigt: Sie mutmaßten, dass das zuletzt verhältnismäßig enttäuschende Wirtschaftswachstum auf eine ineffiziente Wirtschaftspolitik zurückzuführen ist. In den letzten beiden Jahren wuchs die indische Wirtschaft um weniger als fünf Prozent. Der neue Premierminister Narenda Modi reformiert das Land. So erneuert er beispielsweise die indischen Arbeitsgesetze, die zum Teil noch aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft stammten, die 1974 endete. Quelle: ap
Problematisch ist für Indien die nach wie vor hohe Abhängigkeit von der Landwirtschaft. Zwar macht sie mittlerweile nur noch 14 Prozent der Wirtschaftsleistung aus, von ihren Erträgen hängt aber immer noch das Wohl von 40 Prozent der Bevölkerung ab. Der Monsunregen, der für die Landwirtschaft existenziell ist, fiel in diesem Jahr nur schwach aus. Ein weiteres Problem ist die Teuerung, die Indien nicht in den Griff zu kriegen scheint. Im Juli lagen die Verbraucherpreise Indiens über acht Prozent über dem Vorjahreswert. Der Notenbankgouverneur Raghuram Rajan hat sich deshalb verpflichtet, den Anstieg der Konsumentenpreise bis 2015 auf unter acht Prozent zu drücken. Quelle: dpa
China: Vom Bauernstaat zur modernen DienstleistungsnationVon 2002 bis 2012 wuchs Chinas Wirtschaft um unfassbare 170 Prozent. Doch die Zeiten des Super-Wachstums scheinen vorerst vorbei zu sein. Im dritten Quartal 2014 ist die chinesische Wirtschaft so langsam gewachsen wie seit 2009 nicht mehr. Der IWF geht aber nach wie vor von Wachstumsraten über sieben Prozent aus. China ist aber nur scheinbar geschwächt. Die Staatsführung will die Wirtschaft neu ausrichten und ist bereit, dafür geringeres Wachstum hinzunehmen. Der Kurs scheint erfolgreich. Alleine in den ersten acht Monaten dieses Jahres wurden in China zehn Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen. Ein moderner Dienstleistungsstaat will China werden. Dienstleistungen trugen im ersten Halbjahr 2014 mit 46 Prozent mehr zum BIP bei als die Industrie. Die Hightech-Industrie legte um 12,4 Prozent zu. Zu den neuen Motoren der chinesischen Wirtschaft zählt auch das Online-Geschäft, das um fast 50 Prozent zulegte. Quelle: dpa

Ab Mai drohen Wasserrationierungen

Obendrein droht nun auch noch ein Wasser- und Strommangel. Die Staudämme im Südosten sind leer, es fehlt Wasser vor allem in den Großstädten, und es kommt zu stundenlangen Blackouts. Die Regenzeit ist fast vorbei, ab Mai wird es ernst. Dann drohen tagelange Wasserrationierungen in São Paulo, Rio de Janeiro und Belo Horizonte, den größten industriellen Ballungszentren des Landes. Im Wahlkampf hatte Rousseff noch erklärt, dass weder Wasser noch Strom fehlen würden – und verzichtete auf Notfallpläne.

Brasilien

Ähnlich fatal wirkt sich nun aus, dass Rousseff die Tarife für Strom, Benzin und Bustickets seit Jahren künstlich niedrig gehalten hat, um die Inflation zu bremsen. Jetzt musste Kassenwart Levy angesichts der Haushaltskrise alle Subventionen streichen – und die künstlich unterdrückte Inflation schießt nach oben. Während die größten Volkswirtschaften weltweit unter Deflationsangst leiden, haben Regierung und Zentralbank in Brasilien größte Mühe, die Geldentwertung unter sieben Prozent zu halten.

Auch das Defizit im Staatsbudget ist größer als gedacht. Der von Levy angekündigte Primärüberschuss dürfte sich nach einem Kassensturz in ein Loch von 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung verwandeln. Der Finanzminister versucht jetzt mit Steuererhöhungen und Ausgabenstreichungen, sein Budgetziel zu erreichen – was die Rezession weiter verschärft. Wegen des Inflationsdrucks wird auch die Zentralbank ihren hohen Leitzins von 12,5 Prozent kaum lockern können.

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