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Weltwirtschaft Neue Weltwährung Yuan

Das internationale Währungssystem steht vor einer Zäsur. Während die Schuldenwährungen Dollar und Euro an Vertrauen verlieren, treibt die Regierung in Peking den Aufstieg des Yuan zur globalen Leitwährung voran. Chinas Exportwirtschaft kann von diesem Aufbruch profitieren. Unternehmen und Anleger im Westen auch.

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Yuan-Dollar-Wechsel Quelle: AP

Liebhaber kleiner Leckereien kommen in China voll auf ihre Kosten. Landauf, landab kredenzen Restaurants und Teeküchen die beliebten Dim Sum (kleine Leckerbissen, die das Herz berühren). Mit Fleisch, Meerestieren, Ei oder Süßem gefüllt, werden die gedämpften Teigtäschchen meist zu chinesischem Tee gereicht.

Anfang vergangener Woche gab es ein ganz besonderes Dim Sum. Nicht für Feinschmecker, sondern für institutionelle Investoren: Der niederländisch-britische Konsumgütergigant Unilever platzierte in Hongkong als erstes europäisches Unternehmen eine Dim-Sum-Anleihe, ein in Yuan denominiertes Schuldpapier. Die Nachfrage nach der 300-Millionen-Yuan-Anleihe (rund 46 Millionen Dollar) war so groß, dass Unilever nur 1,15 Prozent Zinsen bieten musste. Mit dem dafür eingesammelten Geld will das Unternehmen sein China-Geschäft ausbauen.

Gerringere Dollar-Abhängigkeit

Im August vergangenen Jahres war bereits die US-Fastfoodkette McDonald’s mit einer Dim-Sum-Anleihe über 200 Millionen Yuan vorgeprescht, der amerikanische Baumaschinenhersteller Caterpillar folgte im November mit einer Anleihe über eine Milliarde Yuan.

Noch sind Dim-Sum-Anleihen nicht mehr als kleine Leckerbissen. In der zweiten Jahreshälfte 2010 kamen lediglich Papiere im Gesamtwert von knapp 36 Milliarden Yuan auf den Markt. Für dieses Jahr rechnen Experten mit einem Anstieg auf 120 Milliarden Yuan. Kaufen können die kleinen Köstlichkeiten bisher nur institutionelle Investoren in Hongkong.

Doch das könnte sich bald ändern.Peking plant, seine Währung auf den internationalen Devisenmärkten zu etablieren – und macht dem Dollar und dem Euro Konkurrenz. Das Kalkül: Wickelt China seinen Waren- und Kapitalverkehr in Yuan ab, tragen die Handelspartner das Wechselkursrisiko. Chinas Abhängigkeit vom Dollar, die das Exportgeschäft in die USA unattraktiv macht, wenn der Dollar an Wert verliert, verringert sich deutlich.

Chinas Vorteil beim Wirtschaftswachstum Quelle: IWF

Der Vorstoß in die erste Liga der Weltwährungen ist – typisch China – generalstabsmäßig geplant und könnte aus dem Lehrbuch der Makroökonomie stammen. „Um eine Währung zur globalen Leitwährung zu machen, muss man sie erst im internationalen Güterhandel etablieren, danach im Kapitalverkehr und für Finanzgeschäfte. Ist sie weit genug verbreitet, wird sie auch von anderen Zentralbanken als Reservewährung akzeptiert“, erklärt Rolf Langhammer, Vizepräsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Bisher, so Langhammer, machten die Chinesen alles richtig.

Dollar unter Druck

Der Aufstieg des Yuan spiegelt wider, wie mächtig China in der Weltwirtschaft bereits geworden ist. Seit vergangenem Jahr ist das Reich der Mitte die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. In wenigen Jahren wird China die USA als größte Ökonomie der Erde ablösen. Qu Hongbin, China-Analyst bei der britischen Bank HSBC in Hongkong, ist überzeugt: „Die Weltwirtschaft steht an der Schwelle zu einer Finanzrevolution von historischem Ausmaß. “

Der Zeitpunkt für den Vormarsch des Yuan könnte nicht besser sein. Fast ein Jahrhundert hat Amerika die Weltwirtschaft dominiert – und der Dollar die Finanzmärkte regiert. Wie die Aktie eines Unternehmens reflektierte der Greenback die wirtschaftliche Potenz und die Innovationskraft der amerikanischen Wirtschaft. Mit keiner anderen Währung ließen sich international Handelsgeschäfte so bequem finanzieren wie mit dem Dollar. Der riesige und hochliquide US-Kapitalmarkt bietet Anlegern die Chance, ihr Geld anzulegen und wieder abzuziehen, ohne dadurch die Kurse durcheinanderzuwirbeln.

Bis heute werden wichtige Güter wie Öl, Metalle, Rohstoffe und Agrarprodukte in Dollar abgerechnet. Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich war der Dollar im vergangenen Jahr an rund 85 Prozent aller Devisenmarkttransaktionen beteiligt. Der Euro kam auf einen Anteil von 39 Prozent, der Yuan auf 0,1 Prozent. Zudem entfallen auf den Dollar mehr als 61 Prozent der globalen Währungsreserven, deutlich mehr als auf den Euro (27 Prozent) oder das britische Pfund Sterling (4,1 Prozent). „Der Dollar bestimmt die Regeln auf den internationalen Märkten“, sagt Marc Chandler, oberster Währungsstratege der US-Investmentbank Brown Brothers Harriman.

Chinas Vorteil bei den Staatsschulden Quelle: IWF

Doch die Frage ist: Wie lange noch? Die Probleme, denen die amerikanische Wirtschaft gegenübersteht, sind riesig. Die milliardenschweren Konjunkturprogramme haben große Löcher in den Staatshaushalt gerissen. Das Defizit wird sich in diesem Jahr auf 1400 Milliarden Dollar belaufen, rund neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Der Schuldenstand ist seit der Finanzkrise von 62 auf knapp 93 Prozent des BIPs in die Höhe geschnellt. Der nötige Schuldenabbau droht im kleinlichen Parteiengezänk zwischen Demokraten und Republikanern auf der Strecke zu bleiben.

Auch die Unternehmen und privaten Haushalte in den USA sind hoch verschuldet. Rechnet man ihre Kreditmarktschulden und die des Staates zusammen, ergibt sich eine Summe von rund 52 000 Milliarden Dollar, das entspricht 355 Prozent des BIPs. „Das Wohl und Wehe der amerikanischen Wirtschaft ist von Krediten abhängig“, urteilt Harm Bandholz, US-Chefvolkswirt der italienischen Bank UniCredit. Mittelfristig lege das den Grundstein für eine neue Krise.

Rache ist unmöglich

Der enorme Schuldenstand erhöht den Druck auf die Fed, die Geldpresse immer schneller laufen zu lassen. Denn eine höhere Teuerungsrate lässt den Schuldenstand real dahinschmelzen. Für die USA ein verlockender Weg. Denn fast die Hälfte der US-Staatsanleihen ist im Besitz von Ausländern – und die haben keine Möglichkeit, sich an der Wahlurne für Inflation zu rächen.

Entsprechend kritisch stehen ausländische Investoren dem Ankauf von Staatsanleihen durch die US-Notenbank Fed gegenüber. Bis Juni dieses Jahres will Fed-Chef Ben Bernanke Staatsanleihen für insgesamt 600 Milliarden Dollar kaufen. Im Gegenzug pumpt er frisches Zentralbankgeld in das Bankensystem.

Noch zögern die Geschäftsbanken, neue Kredite zu vergeben. Was aber passiert, wenn die Konjunktur sich weiter festigt und die Nachfrage nach Krediten steigt? Ökonomen fürchten, dass es der Fed am Willen und der Kraft fehlt, die überschüssige Liquidität rechtzeitig abzusaugen. Die Folge wäre Inflation.

Jean Claude Trichet und Zhou Quelle: dapd

An den Finanzmärkten schwindet denn auch das Vertrauen in den Dollar. Sein Wechselkurs gegenüber den wichtigsten Handelspartnerwährungen sinkt, obwohl sich die Konjunktur erholt. „Für eine Leitwährung ist das kein gutes Zeichen“, urteilt Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Barry Eichengreen, Professor an der University of California in Berkeley, schließt sogar einen Dollar-Crash nicht aus. Ausländische Investoren, so fürchtet er, könnten sich wegen der hohen Staatsschulden bald vom Dollar abwenden.

Die US-Bürger tun es schon jetzt. Umfragen zufolge wollen 16 Prozent der Amerikaner die Fed am liebsten abschaffen. Das Misstrauen in die US-Notenbank und den Dollar ist so groß, dass das Parlament im US-Bundesstaat Utah vor Kurzem beschloss, Gold- und Silbermünzen als konkurrierende gesetzliche Zahlungsmittel zuzulassen. Es fehlt nur noch die Unterschrift des Gouverneurs.

Trauerspiel um den Euro

Kaum besser ist es um den Euro bestellt. Einst als Symbol eines prosperierenden Europas gestartet, ist sein Ruf durch die Finanz- und Schuldenkrise schwer ramponiert. Der Einheitszins der Europäischen Zentralbank (EZB) hat die Länder der Euro-Zone wirtschaftlich auseinanderdividiert, statt sie zusammenzuschweißen.

Den Krisenländern Griechenland und Portugal mangelt es weiter an einem funktionierenden Geschäftsmodell, in Irland drohen marode Zombiebanken den Staat in die Pleite zu treiben, und Spaniens Banken sitzen auf einem Pulverfass uneinbringlicher Immobilienkredite.

Die Euro-Regierungen haben mit dem Geld der Steuerzahler milliardenschwere Rettungsschirme aufgespannt, die vor allem den Gläubigern der Krisenländer, in erster Linie Banken und Versicherungen, nutzen. Unter ihrem Chef Jean-Claude Trichet kauft die EZB Staatsanleihen der Krisenländer an und gibt ihnen so Anreize, sich noch mehr zu verschulden. Die Währungsunion ist zu einer Transfer- und Schuldenunion mutiert.

Wechselkurse von Yuan, Euro und Dollar Quelle: Morgan Stanley

Die Hoffnung mancher Politiker, die Euro-Rettung werde die europäische Integration vorantreiben und den Euro stärken, dürfte sich als Wunschdenken erweisen. Denn Europa ist nicht Amerika. Werden zwischenstaatliche Transfers von den US-Bürgern als Akt nationaler Solidarität zwischen armen und reichen Bundesstaaten akzeptiert, so lösen sie in der Euro-Zone Absetzbewegungen und Ressentiments aus. Deutsche, Niederländer und Finnen fragen sich, warum sie für die Haushaltssünden der Griechen, Iren und Portugiesen bezahlen sollen. „Je mehr die Euro-Zone zur Transferunion wird, desto größer wird der Widerstand in den Zahlerländern“, urteilt Deutsche-Bank-Chefökonom Mayer.

Aufstieg des Yuan

An den Finanzmärkten sind daher alle Hoffnungen, der Euro könne dem Dollar als Weltleitwährung Paroli bieten, zerstoben. „Niemand weiß, wie es weitergehen wird in der Euro-Zone. Die Schuldenkrise ist ungelöst. Was passiert mit Griechenland? Welche Auswirkungen hätte ein Austritt Griechenlands oder eines anderen Mitglieds aus der Gemeinschaft? Gibt es einen Plan B, wenn die Euro-Zone auseinanderbricht? Nein!“, fasst Investmentbanker Chandler die Skepsis an den Finanzmärkten zusammen.

Ein schwacher Dollar, ein strauchelnder Euro – die Gelegenheit für China, seine Währung als internationales Zahlungsmittel in Stellung zu bringen, könnte nicht besser sein. Noch ist der Wechselkurs des Yuan fest an den Dollar gekoppelt, der Kapitalverkehr mit dem Ausland stark reguliert, der heimische Finanzmarkt erst im Aufbau. Doch die Geschichte des Dollar zeigt, wie schnell eine Währung quasi aus dem Nichts zur globalen Leitwährung aufsteigen kann.

In nur zehn Jahren, von 1914 bis 1924, gelang es dem Dollar, das britische Pfund als dominierende Weltreservewährung abzulösen. Entscheidend war dabei der Federal Reserve Act von 1913, mit dem die USA ihren Bankensektor liberalisierten und die Notenbank Fed schufen. Das Gesetz erlaubte den Geschäftsbanken, Filialen im Ausland zu betreiben und -Geschäfte mit verbrieften Handelskrediten abzuwickeln – zwei entscheidende Voraussetzungen dafür, den Dollar als internationales Zahlungsmittel zu etablieren.

Chinas Vorteil beim Leistungsbilanzsaldo Quelle: IWF

Die Fed nahm in Dollar verbriefte Handelskredite entgegen und refinanzierte dadurch die Kreditinstitute. Mit dem -Welthandel wuchs der Markt für Dollar-Handelskredite. Der Greenback wurde für Privatanleger, Unternehmen und ausländische Zentralbanken attraktiv – und stieg zur globalen Leitwährung auf.

„2020 wird der Yuan auf Augenhöhe -neben dem Dollar stehen“, prophezeit Eichengreen – entsprechende politische Rückendeckung vorausgesetzt.

Vorteile für Unternehmen

Daran wird es nicht fehlen. Für China wäre es ein Riesenerfolg, zumal der Yuan noch eine junge Währung ist. 1949, kurz nach der Machtergreifung der Kommunisten, schuf Mao Tse-tung das chinesische Geld. Im Alltag heißt das Zahlungsmittel oft Renminbi, die „Volkswährung“, so wie es im kommunistischen China die „Volkszeitung“, den Volksgerichtshof oder die Volksbefreiungsarmee gibt.

Wie häufig bei großen Reformen, geht Peking auch bei der Internationalisierung des Yuan Schritt für Schritt vor. Im vergangenen Jahr erlaubte die Regierung knapp 70 000 Unternehmen, ihren Außenhandel in Yuan zu fakturieren. Anfang März dehnte Chinas Zentralbank die Regel auf alle Firmen des Landes aus. Seither können sich die Unternehmen ihre Lieferungen, etwa nach Deutschland, in Yuan bezahlen lassen. Rechnungen über Produkte, die sie im Ausland einkaufen, können sie in chinesischer Währung begleichen.

Für Chinas Unternehmen – vom Großkonzern bis zu mittelständischen deutschen Niederlassungen vor Ort – hat das viele Vorteile. „Wir erhalten dadurch viel mehr Kalkulationssicherheit“, sagt Ulrich Mäder, Chef von Polymax. Das Unternehmen produziert im ostchinesischen Ningbo seit mehr als drei Jahrzehnten Textilien. Die Jacken und Mäntel liefert die Firma unter anderem an große Modemarken in Deutschland und Frankreich. Abgerechnet wird meist in Euro. Wertet dieser zum Dollar, an den der Yuan gekoppelt ist, ab, verliert der Exporteur Geld.

Nun aber kann Mäder seinen Kunden in Deutschland die Jacken und Mäntel in Yuan in Rechnung stellen. Vor wenigen Tagen hat er mit dem ersten Kunden in Deutschland die probeweise Fakturierung in chinesischer Währung besprochen.

Die Yuan-Fakturierung hat auch für die Importeure in Deutschland Vorteile. Weil diese den chinesischen Lieferanten das Wechselkursrisiko und die Umtauschkosten abnehmen, können sie im Gegenzug Preisnachlässe aushandeln. Deutsche Exporteure profitieren ebenfalls von der Fakturierung in Yuan. Für sie ist es ein zusätzliches Verkaufsargument, wenn sie den chinesischen Abnehmern die Zahlung in Yuan anbieten. Ihre Stellung im chinesischen Markt verbessert sich dadurch.

Umtauschgrenzen

Voraussetzung für die Fakturierung in der chinesischen Währung ist ein Yuan-Konto. „Die Nachfrage danach ist vor allem bei kleineren und mittelständischen Unternehmen sehr groß“, weiß Ardalan Gharagozlou, Leiter des Devisenhandels Europa der Deutschen Bank in Frankfurt. Die Deutsche Bank bereitet in Singapur, Hongkong, Frankfurt und London die Einrichtung von Yuan-Konten vor. Zudem bietet sie ihren Kunden Instrumente an, um das Wechselkursrisiko abzusichern.

Das Zentrum für den Handel mit Yuan ist Hongkong. Mehr als 370 Milliarden Yuan, etwa 56 Milliarden US-Dollar, liegen bereits auf Hongkonger Konten. Das sind fast fünf Prozent der gesamten Einlagen der Stadt. Ökonomen erwarten, dass die Yuan-Bestände in der Sonderverwaltungszone bis zum Jahresende auf 1000 Milliarden Yuan steigen.

Das Volksgeld wird in Hongkong zunehmend zum allgemein akzeptierten Zahlungsmittel. Viele Bürger wollen bei den Banken ihre Hongkong-Dollar in Yuan umtauschen, weil sie auf eine Aufwertung der chinesischen Währung im Zuge der Internationalisierung setzen. Um die Spekulation einzudämmen, mussten die Behörden bereits Obergrenzen für den täglichen Umtausch festlegen.

Der zunehmenden Nachfrage nach Yuan dürfte bald ein größeres Angebot folgen. Denn nach dem Warenhandel macht sich China daran, den Kapitalverkehr mit anderen Ländern schrittweise auf Yuan umzustellen. So dürfen chinesische Unternehmen seit Anfang des Jahres Inves-titionen im Ausland in Yuan vornehmen, etwa bei Übernahmen oder Fusionen. Seit Januar bietet die Bank of China in New York Kunden außerdem Yuan-Konten an. Bis zu 4000 Dollar am Tag dürfen sie in die chinesische Währung umtauschen.

Seit Kurzem dürfen die Bürger in Wenzhou, einer Stadt im Osten Chinas, im Rahmen eines Pilotversuchs ihre Yuan in Dollar umtauschen und damit im Ausland investieren. Ein einzelnes Investment darf allerdings drei Millionen Dollar nicht übersteigen. Zudem erwägt China, im Ausland deponierte Yuan für Direktinvestitionen in China zuzulassen.

Holpriger Weg

Um den Einsatz von Yuan im internationalen Zahlungsverkehr zu beschleunigen, hat Chinas Zentralbankchef Zhou Xiaochuan mit einigen Schwellenländern Swap-Abkommen vereinbart, die es den Zentralbanken erlauben, sich in China mit Yuan einzudecken.

Experten erwarten, dass Chinas Regierung den Kapitalmarkt bald noch schneller öffnen muss. „Einmal angestoßen, dürfte die Entwicklung eine Eigendynamik entfalten, die die Regierung zwingt, immer schneller weitere Schritte zu ergreifen“, glaubt Ashley Davies, Analyst der Commerzbank in Singapur.

Allerdings: Ein Selbstläufer wird das nicht. Denn je stärker China seine Kapitalverkehrskontrollen lockert, desto mehr spekulatives Kapital fließt über die Grenzen. Das setzt den Yuan unter Aufwertungsdruck. Hält China am festen Wechselkurs zum Dollar fest, muss die Notenbank in großem Stil Dollar an und Yuan verkaufen. Das bläht die Geldmenge auf und treibt die Preise in die Höhe. China wird daher nicht umhinkommen, den Wechselkurs des Yuan freizugeben. Das aber setzt voraus, dass sich das Land zuvor aus seiner Abhängigkeit von den Exporten befreit und die Binnennachfrage stärkt. Der neue Fünfjahresplan der Pekinger Machthabern zielt genau darauf ab.

Auch in puncto Rechtssicherheit und Eigentumsgarantie muss China noch gewaltig nachlegen. Wer will schon in eine Währung investieren, wenn er sich nicht sicher ist, ob er seine Rechtsansprüche vor unabhängigen Gerichten durchsetzen kann?

Hinzu kommt, dass der chinesische Markt für Anleihen – die wichtigste Anlage für ausländische Währungsreserven – im Vergleich zu den USA noch Zwergenformat hat. Die Marktkapitalisierung beläuft sich auf umgerechnet 2,5 Billionen Dollar. Zum Vergleich: Am US-Markt werden Unternehmens-, Banken- und Staatsanleihen für 25 Billionen Dollar gehandelt.

Weltwirtschaft profitiert

Dennoch: China wird alles daransetzen, die Hindernisse aus dem Weg zu räumen, um den Yuan bis 2020 als Leitwährung zu etablieren. Dann soll Shanghai nach dem Willen Pekings internationales Finanzzentrum sein. Und das geht nicht ohne eine frei handelbare Währung. „Der Westen hat China bisher immer unterschätzt, den Fehler sollten wir nicht wiederholen“, warnt Eichengreen.

Schafft es der Yuan, sich in den nächsten Jahren als große Leitwährung neben Dollar und Euro zu etablieren, hätte das für die Weltwirtschaft große Vorteile:

Das Weltwährungssystem würde auf mehreren Stützpfeilern ruhen. Das mindert das Ausmaß von Wechselkursschwankungen. Strömen Anleger in Krisenzeiten bisher in den Dollar, dürften sich die Kapitalströme in Zukunft auf mehrere Währungen verteilen. „Keine Währung wird dann mehr so extrem aufwerten wie der Dollar nach der Lehman-Pleite“, sagt Eichengreen.

Mit der Abrechnung des Warenverkehrs in Yuan verlagert China das Wechselkursrisiko auf seine Handelspartner. China muss sich dann nicht mehr um den Wechselkurs sorgen und kann eine an den binnenwirtschaftlichen Erfordernissen ausgerichtete Geldpolitik betreiben. Statt massenhaft Devisen anzuhäufen, kann die Zentralbank für stabile Preise sorgen und Immobilienblasen bekämpfen. Davon profitiert auch die Weltwirtschaft.In einem multipolaren Währungssystem kann kein Land mehr so maßlos über seine Verhältnisse leben wie die USA. Weil sich die Anlage der weltweiten Ersparnisse auf mehrere Währungen verteilt, werden exzessive Importüberschüsse nicht mehr quasi automatisch durch Kapital aus dem Ausland finanziert. Das zwingt die Länder zu mehr finanzpolitischer Disziplin und verhindert Konsumexzesse.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Kapitalzuflüsse Vermögenspreise in die Höhe treiben und Finanzkrisen erzeugen, sinkt.In einem multipolaren Währungssystem stehen die Leitwährungen im Wettbewerb. Schlechte Wirtschaftspolitik schreckt Investoren ab und treibt sie in andere Währungen. Das zwingt die Regierungen zu einer besseren Politik.

Es sind wohl auch diese Überlegungen gewesen, die Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao im Januar im Kopf hatte, als er sagte: „Das derzeitige Währungssystem ist ein Produkt der Vergangenheit.“ Für Amerika mag der Abschied vom Dollar-Monopol bitter sein. Für die Weltwirtschaft bricht damit eine bessere Zeit an.

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