Weltwirtschaftsgipfel 2009 Globales Brainstorming in Davos

Nie zuvor kamen so viele Teilnehmer zum Weltwirtschaftsforum nach Davos. Die weltweite Krise gibt dem Treffen eine neue Daseinsberechtigung.

WEF-Gründer Klaus Schwab Quelle: Laif

Natürlich wird es wieder diese typischen Momente geben. Wenn hoch bezahlte Manager, die Millionenbeträge bewegen, leger gekleidet beisammensitzen und staunend herausfinden, was ihnen Menschen jenseits der Vorstandsetagen zu sagen haben. So wird es an diesem Freitag sein, wenn im Arvenstübli des Hotels Schweizerhof in Davos Shakespeares Drama „Wie es Euch gefällt“ auf dem Programm steht. Regisseur Richard Olivier, Sohn des großen britischen Schauspielers Sir Laurence Olivier, wird dann den versammelten Führungskräften darlegen, was sie im 21. Jahrhundert von Shakespeares Figuren lernen können.

Solche Veranstaltungen, zu anderen Zeiten für vielbeschäftigte Spitzenkräfte Grund genug, Davos zu besuchen, werden in diesem Jahr anregendes Beiwerk bleiben. Das 39. Weltwirtschaftsforum (WEF), das an diesem Mittwoch beginnt, wird vielmehr ganz im Zeichen der weltweiten Rezession stehen. „Die Welt nach der Krise gestalten“, lautet das Motto der viertägigen Veranstaltung im Schweizer Luftkurort.

In Krisenzeiten gewinnt das Forum an Bedeutung

Wie ein roter Faden zieht sich die Krisenbewältigung durch das Programm, das in sechs Kategorien unterteilt ist. Die Stabilisierung des globalen Finanzsystems und die Belebung des weltweiten Wirtschaftswachstums gehören zu den Themen, aber auch eine effektive und langfristig angelegte globale, regionale und nationale Regierungs- und Führungskunst.

Es wäre zynisch, das WEF als Krisengewinnler darzustellen, aber in Zeiten weltweiter Unsicherheit gewinnt ein Diskussionsforum mit globaler Teilnehmerschaft an Bedeutung. Ganz unbescheiden kündigen die Organisatoren an, 2009 werde eines der wichtigsten Treffen seit der Gründung des WEF im Jahr 1971.

Das Bedürfnis, sich in Krisenzeiten auszutauschen, scheint groß. Mehr als 2500 Teilnehmer aus 96 Ländern haben sich angemeldet, so viele kamen noch nie nach Davos. 41 Staats- und Regierungschefs wollen mit dabei sein, doppelt so viele wie in anderen Jahren. Neben Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich auch der russische Ministerpräsident Wladimir Putin angekündigt. Bei einer solchen Teilnehmerschaft verblasst schon fast der G20-Gipfel vom November, bei dem in Washington immerhin Länder vertreten waren, die zusammen 90 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes ausmachen.

Treffpunkt für die Entscheider der Welt

Das WEF wird nun wieder zu dem, was es eigentlich sein will: ein Ort der Begegnung für die Entscheider der Welt. In den vergangenen Jahren hatten Besucher mitunter den Eindruck, dass Davos mit dem Aufgalopp der Prominenz aus dem Showbusiness zu einer Bühne für hoch bezahlte Hollywoodstars verkomme. Die Einlagen der Schauspielerinnen Sharon Stone und Angelina Jolie missfielen allenthalben, weil sie mit ihren glamourösen Weltverbesserungsgesten so gar nicht zum Geist von Davos passten.

Diesmal nun hat WEF-Gründer Klaus Schwab den Teilnehmern harte Kost verordnet. „Wir haben zwei Aufgaben“, sagt der Ökonomieprofessor. „Wir müssen beim Krisenmanagement helfen und die Welt nach der Krise gestalten.“ Wie schwierig Politikern und Konzernlenkern allein das Krisenmanagement fallen wird, verdeutlichten vergangene Woche neue Konjunkturdaten. Die EU-Kommission prognostizierte, dass das Bruttoinlandsprodukt in Europa in diesem Jahr um 1,8 Prozent schrumpfen werde. Für Deutschland sagte die Kommission sogar ein Minus von 2,3 Prozent voraus.

Der Weltrisikobericht, den das WEF in jedem Jahr kurz vor dem Treffen zur Einstimmung veröffentlicht, überbringt eine ähnlich schlechte Botschaft. Ein Wachstumseinbruch in China sowie ein weiterer Verfall der Börsenkurse rund um die Welt werden als bedeutende Risiken in diesem Jahr aufgelistet, deren Wahrscheinlichkeit gestiegen sei. „Der Wirtschaftsausblick für 2009 ist düster für die meisten Wirtschaften“, heißt es zusammenfassend.

Entsprechend gewichtig kommen auch viele Veranstaltungen aus dem offiziellen WEF-Programm daher. So wird der Spitzenökonom Xavier Sala-i-Martin eine Diskussion zum Thema „Unangenehme Lehren aus den globalen Ungleichgewichten“ leiten. Ökonomie-Nobelpreisträger Robert Engle wird an einer Diskussion teilnehmen, die unter der filmreifen Überschrift angekündigt wird: „36 Stunden im September: Was lief falsch?“

Stephen Roach, Chairman Morgen Quelle: REUTERS

Was erwarten die Teilnehmer in diesem Jahr von Davos? Stephen Roach, renommierter Ökonom und Chairman der Investmentbank Morgan Stanley Asia, wünscht sich ein kollektives Schuldbekenntnis. „Politiker, Notenbanker, Konzernlenker waren alle Teil einer Ära des Exzesses.“ Er glaubt, die Krise könne nur bewältigt werden, wenn die Ursachen ehrlich erforscht werden. Eingeständnisse wünscht sich Roach vor allem von den Notenbankern und Aufsichtsbehörden. Aber dass die ausgerechnet in Davos ihre Fehler bekennen, ist unwahrscheinlich, schon gar nicht in öffentlich zugänglichen Sitzungen. Da dürften viele zu Zweckoptimismus und zu gestanzten Formeln greifen, so wie Siemens-Chef Peter Löscher, der in seiner Grußbotschaft für das WEF betont: „Ich bin optimistisch, dass wir die Finanzkrise relativ schnell bewältigen“, um anschließend mehr statt weniger Globalisierung zu fordern.

Was kann ein informelles Treffen wie das WEF überhaupt leisten? „Davos ist keine Veranstaltung, bei der Entscheidungen getroffen werden“, warnt WEF-Gründer Schwab vor zu hohen Erwartungen, „hier können Meinungen gebildet werden.“ Das mag banal klingen, ist aber in einer Krise durchaus bedeutend, bei deren Bewältigung es immer noch an weltweiter Abstimmung mangelt. So hat Pascal Lamy, Generaldirektor der Welthandelsorganisation WTO, Davos in den vergangenen Jahren immer wieder dazu genutzt, um bei informellen Gesprächen am Rande des offiziellen Programms die Stimmung in den Mitgliedsländern zu sondieren oder um zerstrittene Handelspartner wie Amerikaner, Brasilianer und Inder miteinander ins Gespräch zu bringen. Das hat zwar nicht dazu geführt, dass die aktuelle Welthandelsrunde abgeschlossen werden konnte, aber immerhin ist eine gewisse Dynamik in den Liberalisierungsversuchen geblieben.

Attac organisiert Gegenveranstaltung

Wie in jedem Jahr mobilisieren auch diesmal die Globalisierungskritiker gegen das WEF. Attac organisiert unter dem Titel „Das andere Davos“ eine Gegenveranstaltung, auf der ebenfalls die Ursachen der Finanzkrise erörtert werden sollen. Kritisch merken die Organisatoren an, dass ausgerechnet Finanzdienstleister wie Morgan Stanley, Credit Suisse und UBS, die in den vergangenen Monaten für Negativ-Schlagzeilen gesorgt haben, zu den strategischen Partnern des WEF gehören, das die Welt verbessern will.

WEF-Gründer Schwab ficht das nicht an. Er hofft, dass die Wichtigen der Welt Davos in diesem Jahr nutzen werden, um sich miteinander auszutauschen, wie in einem globalen Brainstorming. „Wenn wir ein Maximum an Interaktion erreichen und sicherstellen, dass alle verstehen, was auf dem Spiel steht“, sagt Schwab, „dann haben wir unser Ziel erreicht.“

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