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Wettbewerbsfähigkeit Frankreich eifert Deutschland nach

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Die Chefin des französischen Arbeitgeberverbandes Medef, Laurence Parisot, läutete vor wenigen Wochen die Alarmglocke. Bewaffnet mit neuen Statistiken des europäischen Eurostat-Amtes, trat sie vor die Presse. Der bis zum Jahr 2000 bestehende Lohnkostenvorteil der französischen Industrie von 15 Prozent – der „einzige Wettbewerbsvorteil“ gegenüber Deutschland – sei weggeschmolzen. Mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von 37,20 Euro lagen die französischen Lohnkosten im dritten Quartal 2010 um 23 Prozent über den deutschen (30,20 Euro). Das nationale Statistikamt Insee korrigierte das veröffentlichte Zahlenwerk später wegen angeblicher Berechnungsfehler. Die negative Tendenz zulasten Frankreichs sei zwar richtig, doch der Lohnkostenabstand geringer.

Vor allem der rasante Anstieg des gesetzlichen Mindestlohns Smic und damit der niedrig qualifizierten Einkommensgruppen hatte katastrophale Auswirkungen. Hinzu kam die stufenweise Umsetzung der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, mit der französische Arbeitnehmer auf Druck der Gewerkschaften ab Ende der Neunzigerjahre beglückt wurden. Der Staat gewährte den Unternehmen im Gegenzug Abgabenerleichterungen, die seitdem das Staatsbudget mit jährlich 22 Milliarden Euro belasten, und schuf Möglichkeiten, die Arbeitszeiten zu flexibilisieren. Das funktionierte bei Großkonzernen. Es stellte aber viele Mittelständler vor unüberwindliche Probleme.

Ein deutscher Vollzeitbeschäftigter arbeitet heute Eurostat zufolge eine Stunde und zwölf Minuten länger pro Woche als sein französischer Kollege. Das konnte auch nicht durch eine lange Zeit höhere, inzwischen aber deutlich gesunkene  Produktivität kompensiert werden. Dazu kommt eine sehr hohe Steuer- und Abgabenbelastung für die Unternehmen, die nach Angabe der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit über 44 Prozent so hoch ist wie kaum sonst wo.

Druck der Gewerkschaften

Frankreichs Unternehmen sind in hohem Maße an der Finanzierung der defizitären Sozialversicherung (vor allem Renten- und Krankenversicherung), aber auch der Familienleistungen beteiligt. Die Lohnnebenkosten betragen laut Arbeitgeberverband inzwischen mehr als 50 Prozent des Bruttolohnes. Das schmälert den Gewinn und führt dazu, dass vielen Unternehmen die Mittel für Investitionen fehlen.

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    Unter Druck stehen die Unternehmen auch wegen der Gewerkschaften, die viel stärker als in Deutschland noch auf Klassenkampf setzen. Eine Kultur der Mäßigung zum Wohl der Betriebe und zur Sicherung der Arbeitsplätze gibt es bei den französischen Gewerkschaften nur in Ansätzen. Während sich deutsche Arbeitnehmervertreter mit den Arbeitgebern zusammensetzen und Bündnisse für Arbeit schmieden, um betriebsbedingte Kündigungen zu verhindern und sich dafür bei Lohnerhöhungen zurückhalten, sind die französischen Gewerkschaften mit Streiks noch immer schnell bei der Hand. Erst seit wenigen Jahren gibt es ein vorsichtiges Umdenken. „Doch noch immer wird hier meist erst gestreikt und dann verhandelt“, beklagt ein französischer Unternehmer, „in Deutschland ist das umgekehrt.“

    Während Großkonzerne zähneknirschend die hohen Löhne zahlen, leiden die kleinen und mittleren Betriebe des Landes. Anders in der Bundesrepublik. Dort tragen sie den Fortschritt und investieren kräftig. Die Innovationskraft französischer Mittelständler ist nur gering. Sie melden nur halb so viele Patente an wie deutsche Wettbewerber. Ihre Anfälligkeit für Währungs- oder Preisschwankungen ist entsprechend größer.

    Geringe Wettbewerbsfähigkeit

    Es fehlen den Franzosen große, weltweit erfolgreiche Mittelständler wie Haribo, Würth, Kärcher oder Miele – also leistungsfähige Unternehmen, die viel in die Forschung und in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren. Frankreich gibt mit 2,2 bis 2,3 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt weniger für Forschung und Entwicklung aus als Deutschland – die Investitionsquote beträgt hier 2,6 bis 2,7 Prozent. Dass es nicht noch weniger ist, liegt vor allem daran, dass der französische Staat viel für Forschung ausgibt. Die Unternehmen halten sich dagegen zurück.

    Den französischen Produkten fehlt häufig ein Alleinstellungsmerkmal wie es beispielsweise die Fabrikate, Geräte und Innovationen des deutschen Maschinenbaus haben. „Die qualitative Wettbewerbsfähigkeit der französischen Produkte ist gering. Die Waren können deshalb nicht teuer verkauft werden“, beklagt Henrik Uterwedde, stellvertretender Leiter des Deutsch-Französischen Instituts (DFI) in Ludwigsburg. Hinzu kommt: Der Kostenvorteil der französischen Hersteller hat sich während der letzten zehn Jahre immer mehr verringert, während Deutschland seinen Vorsprung bei der Produktqualität ausbaute – so ein Ergebnis der Regierungsstudie zur sinkenden Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs.

    Die Präsenz französischer Unternehmen in Wachstumsmärkten wie China, Indien oder Brasilien ist grundsätzlich immer noch schwach. Der Fokus liegt auf Europa. Deutsche Unternehmen exportieren heute nach Brasilien, Russland, Indien und China über 40 Prozent mehr als ihre Wettbewerber aus Frankreich.

    Hinzu kommt: Das für Deutschland so typische Zusammenspiel von Unternehmen, Verbänden und politischen Entscheidungsträgern auf lokaler und regionaler Ebene fehlt jenseits des Rheins weitgehend. Auch schlagkräftige Netzwerke, sogenannte Cluster, sind in Frankreich eher selten. In Deutschland existieren diese Cluster zum Beispiel im baden-württembergischen Maschinenbau oder in der Biotechnik rund um die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) Aachen, wo Hersteller und Zulieferer mit Forschungsinstituten, Fachhochschulen, Technologiezentren und Kommunen Hand in Hand arbeiten.

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