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Wikileaks-Informant vor US-Militärgericht Verräter, Spion, Held oder einfach völlig naiv?

Nach drei Jahren Untersuchungshaft steht Wikileaks-Informant Bradley Manning vor dem US-Militärgericht. Es geht um Krieg und Verrat und um die Naivität eines orientierungslosen, intelligenten jungen Mannes.

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Schwere Vorwürfe zum Prozessauftakt gegen den mutmaßlichen Wikileaks-Informanten Bradley Manning: Ihm droht lebenslange Haft. Quelle: AP

Eine kleine versprengte Truppe hat sich in Fort Meade, nördlich der amerikanischen Hauptstadt Washington, eingefunden. Es sind überwiegend ältere Amerikaner, die vor der Militärbasis mit Pappschildern stehen - Kriegsveteranen aus dem Vietnamkrieg, ein paar Irak-Krieg-Veteranen. „Freiheit für Bradley Manning“ haben sie auf Plakate gemalt. Für sie ist der junge Soldat Manning kein Verräter von Militärgeheimnissen der US-Armee, sondern ein Held, einer der die schmutzige Wahrheit über den Irak-Krieg an die Öffentlichkeit gebracht hat.

Drei Jahre nach der Festnahme des Wikileaks-Informanten Bradley Manning auf einem US-Militärstützpunkt in Bagdad im März 2010, hat in Fort Meade das Gerichtsverfahren gegen den US-Soldaten begonnen.

Die Vorwürfe des US-Militärgerichts wiegen schwer: Die Staatsanwaltschaft wirft dem heute 25-jährigen Obergefreiten vor, der Internet-Enthüllungsplattform Wikileaks mehr als 700.000 geheime Dokumente zugespielt zu haben. Damit habe der Angeklagte die nationale Sicherheit der USA und Menschenleben gefährdet. Außerdem habe er damit den Feind unterstützt. Zudem habe der Angeklagte mit dem Wikileaks-Gründer Julian Assange direkten Kontakt gehabt.

Der versteckt sich immer noch in der Botschaft von Ecuador in London, die ihm politisches Asyl gewährt. Assange entzieht sich damit einer Auslieferung nach Schweden, wo ihm Vergewaltigung vorgeworfen wird. Sobald er die Botschaft verlässt droht ihm die Verhaftung. Der Wikileaks-Gründer befürchtet aber eigentlich eine Auslieferung von Stockholm in die USA. Hier droht ihm wegen der Enthüllung der geheimen US-Dokumente lebenslange Haft.

Wer aber ist dieser junge Soldat Manning? Ein Spion, ein Held, ein Verräter, ein naiver Weltverbesserer? In einer Kleinstadt in Oklahoma im Mittleren Westen der USA ist er aufgewachsen. Er zog nach der Scheidung seiner Eltern mit der Mutter nach Wales in Großbritannien. Früh beschäftigte er sich mit Computern. Der begabte junge Mann, in der Schule oft gehänselt, nahm Kontakt zu Hackerszene auf.

Nach der Schule kehrte er in die USA zurück, hielt sich mit irgendwelchen Jobs über Wasser – der Job bei der US-Armee war offensichtlich eine Notlösung. Im Jahre 2009 kam er mit seiner Einheit in den Irak. Dort habe er psychische Probleme bekommen und einen Zusammenbruch erlitten. Auch seine Homosexualität habe ihm Probleme bereitet.

Geheimdokumente stünden für die nicht sichtbare Realität

Cyber-Attacken
Juli 2001: Angriff auf das Weiße Haus
September 2007: Luftabwehr manipuliert
September 2007: Behörden blockiert
Dezember 2009: Drohne angezapft
Im Auftrag chinesischer Regierungsstellen kapern Hacker 15 Prozent des weltweiten Internet-Verkehrs und leiten ihn für 18 Minuten nach China um. Darunter befinden sich riesige Datenpakete vom Pentagon, anderen amerikanischen Regierungs- und Militärstellen sowie vom US-Softwareriesen Microsoft und dem US-Computerbauer Dell. REUTERS
Virenattacke auf das iranische Atomkraftwerk Bushehr. Der mit hohem Aufwand entwickelte Cyber-Schädling Stuxnet sabotiert die Steuerung von Industrieanlagen. Das Virus ist so raffiniert, dass es sogar ein bereits desinfiziertes System erneut befallen und danach unentdeckt bleiben kann. dpa

Mannings Posten im Irak: Nachrichtenstation. Als Geheimdienstanalyst hatte der damals 22 Jahre alte Obergefreite Zugang zu Diplomatendepeschen, höchst vertraulichen Protokollen des US-Militärs. Was er da zu lesen bekam, hätte wahrscheinlich jedem halbwegs intelligenten jungen Menschen ziemliche Zweifel an Recht und Sinn dieses Krieges gegen den Irak gebracht. Was er etwa auch an die Internet-Plattform Wikileaks weiterleitete, war ein Video, das den tödlichen Beschuss von Zivilisten durch US-Kampfhubschrauber zeigt. Weltweit sorgte das Video, veröffentlicht im April 2010 von Wikileaks, für Empörung.

Aufgeflogen ist Manning selbst durch Verrat: Ein Hacker, mit dem er online über seine Zusammenarbeit mit Wikileaks geplaudert hatte, verriet ihn.

Anfang dieses Jahres äußerte er sich erstmals ausführlicher über seine Motive. Er habe geglaubt, eine Debatte über "Außenpolitik und den Krieg allgemein" auslösen zu können. Die Geheimdokumente stünden für „die nicht sichtbare  Realität der Konflikte im Irak und in Afghanistan“, sagte der Angeklagte. In zehn der 21 Punkte umfassenden Anklage erklärte sich Manning für schuldig. Ihm droht eine lebenslange Haft.

Der Prozess gegen Manning wird nach einer Entscheidung der Richterin Oberst Denise Lind teilweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, um zu verhindern, dass weitere geheime Militärinformationen veröffentlicht werden. Bürgerrechtler haben der US-Militärjustiz Geheimniskrämerei vorgeworfen, was potenzielle Informanten abschrecken solle. Das sei eine Bedrohung für die Presse- und Meinungsfreiheit.
Das Gericht hat Termine bis Ende August angesetzt und wird möglicherweise bis zu 100 Zeugen hören. In den Zeugenstand dürfte neben mehreren US-Botschaftern auch einer der Elitesoldaten treten, die im Mai 2011 Al-Kaida-Chef Osama bin Laden in seinem pakistanischen Versteck töteten. Das Gericht will durch diese Aussage aufklären, ob die von Manning weitergereichten Informationen direkt vom Al-Kaida-Chef verwertet wurden. „Manning kannte die Folgen seines Handelns und hat sie missachtet“, sagte Staatsanwalt Joe Morrow.

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