Winterolympiade in China Markt hilft mehr als Moral

Für einen Boykott der olympischen Spiele ist es zu spät. Doch je kritischer die Öffentlichkeit, die Konsumenten und die Medien die Wahl von Austragungsorten kommentieren, in denen die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, desto geringer fällt für die großen Sponsoren irgendwann der Anreiz aus, in solche Wettkämpfe zu investieren. Quelle: Imago

Weltweite Proteste begleiten den Start der Winterwettkämpfe in China. Verhallen die Appelle ungehört? Nur auf den ersten Blick, denn solche Spiele schaden dem Image der Sponsoren. Ein Kommentar.

  • Teilen per:
  • Teilen per:

Für einen Boykott der Olympischen Winterspiele in China ist es am Tag der Eröffnung wahrlich zu spät. Treffen würde man damit vor allem jene Athleten, die sich jahrelang vergeblich vorbereitet haben, nicht aber die Machthaber in Peking. Die setzen hinter der glänzenden Fassade perfekt organisierter Wettkämpfe ihren Kurs der Unterdrückung ebenso ungerührt fort wie die Misshandlung von Minderheiten, etwa der muslimischen Uiguren in der Provinz Xinjiang.

Ob Olympia in China oder Fußball-WM in Katar – wenn man es den schlimmsten Diktaturen der Welt künftig nicht mehr ermöglichen will, sich im Glanz sportlicher Großereignisse zu sonnen, dann hilft der Markt mehr als die Moral. Über die Austragungsorte entscheiden internationale Sportfunktionäre, wie das Olympische Komitee oder der Weltfußballverband Fifa. Eine führende Rolle spielen dabei die Sponsoren und Unternehmen, die Sportereignisse für Werbung und Ansehen nutzen wollen. Ohne Imagekampagnen und Marketing kein Geld und ohne Geld keine Spiele – das ist der Kern aller Entscheidungen.

Olympische Spiele, Fußballmeisterschaften und andere Turniere sind eben auch ein riesiges Geschäft. Und je kritischer die Öffentlichkeit, die Konsumenten und die Medien die Wahl von Austragungsorten kommentieren, in denen die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, desto geringer fällt für die großen Sponsoren irgendwann der Anreiz aus, in solche Wettkämpfe zu investieren. Lagerhaft und Gehirnwäsche in China, hunderte Tote beim Bau der Spielstätten in Katar – welche Firma von Weltrang möchte ihren Auftritt und ihre Imagekampagnen auf Dauer schon mit solchen Begleitumständen belasten?

Der Abscheu und Protest potenzieller Kunden kann eine enorme Wirkung entfalten, wenn sich die moralische Ablehnung konkret mit einem Produkt verbindet. In China appellieren die Menschenrechtsgruppen jetzt sehr öffentlichkeitswirksam an die Sportler, keine Trikots aus Baumwolle zu tragen, weil ein Großteil der chinesischen Baumwolle, die weltweit in Sporttextilien verarbeitet wird, aus der Provinz der unterdrückten Uiguren stammt. Insofern kann der Markt nicht nur moralisch sein, weil hier die Kaufentscheidungen zunehmend kritischer Konsumenten wirken. Nein, der Markt kann auch eine Macht entfalten, die da ansetzt, wo es den Sportfunktionären am meisten weh tut: beim Geld.

Dieser Beitrag entstammt dem neuen WiWo-Newsletter Daily Punch. Der Newsletter liefert Ihnen den täglichen Kommentar aus der WiWo-Redaktion ins Postfach. Immer auf den Punkt, immer mit Punch. Außerdem im Punch: der Überblick über die fünf wichtigsten Themen. Hier können Sie den Newsletter abonnieren.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%