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Wirtschaft Fahndung nach liberalen Märkten

Die Idee der Freiheit war der Kern des Liberalismus. In der Folge zeigten sich rasch seine Grenzen, doch stets war sein Ziel auch die Freiheit der Märkte. Wer aber heute einen wirklich freien Markt sucht, muss ans andere Ende der Welt fahren.

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Schafe in Neuseeland Quelle: getty images

Der Begriff des Wirtschaftsliberalismus ist nicht fest umrissen, sondern hat sich durch die Jahrhunderte hinweg immer wieder neue Formen gegeben. Im Mittelpunkt stand dabei durchweg die Frage, wieviel Markt und Staat eine Gesellschaft braucht und wie die wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen gewährleistet werden kann.

Im 17. und 18. Jahrhundert galt es zunächst, die Freiheit des Einzelnen gegen einen übermächtigen Staat durchzusetzen. Der Moralphilosoph und Ökonom Adam Smith erhob in seinem Werk "Wohlstand der Nationen" die unsichtbare Hand zum obersten Prinzip des Wirtschaftens: Das eigennützige Streben des Menschen steigert - von unsichtbarer Hand getragen - die Wohlfahrt der gesamten Gesellschaft.

Selbstregulierender Markt

Der Staat wird zum Regulieren der Wirtschaft nicht mehr gebraucht, der Markt reguliert sich selbst.  Nur ohne staatliche Eingriffe, so der Ökonom Jean Baptiste Say, bilden Angebot und Nachfrage ein Marktgleichgewicht, das den optimalen Preis widerspiegelt. 

Generationen von Ökonomen knüpften an diese Ideen an: Freier Wettbewerb, freier Handel, Privateigentum und Vertragsfreiheit wurden zu den Grundsäulen des klassischen Wirtschaftsliberalismus. Dem Staat blieb einzig die Rolle, die Freiheit des Marktes und seiner Akteure zu sichern, also die staatliche Ordnung zu garantieren.Im Zuge der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts und der Weltwirtschaftskrise der 1920er und 1930er Jahre geriet der Laissez-faire-Liberalismus jedoch in Misskredit. Wirtschaftsliberale mussten erkennen, dass der freier Markt nicht nur von staatlicher Intervention, sondern auch durch Kartelle bedroht werden kann, dass die unsichtbare Hand große Wohlstandsgefälle erzeugt und Wirtschaftskrisen ohne Eingreifen des Staates aus dem Ruder laufen.

Vordenker wie Alexander von Rüstow und Wilhelm Röpke forderten daher in den 1930er Jahren eine Erneuerung des Wirtschaftsliberalismus: Alles Wirtschaften sollte grundsätzlich frei sein, doch der Staat muss dem Markt Rahmen und Grenzen setzen. Die neuen Liberalen erkannten im Gegensatz zu ihren Vorgängen Marktversagen ausdrücklich an und gestanden dem Staat neue Aufgaben zu: Er sollte die Konzentration von Marktmacht verhindern, Konjunkturschwankungen dämpfen und den sozialen Ausgleich fördern.

Der neue Liberalismus lehnte zwar den interventionistischen Wohlfahrtsstaat der Keynesianer ab, er machte sich aber  genauso wenig mit dem Marktfundamentalismus des Laissez-faire gemein. Ein dritter Weg des "Neo-Liberalismus" entstand, der das Verhältnis von Markt und Staat neu auszubalancieren suchte und für einen sozial verantworteten Liberalismus eintrat.  In Deutschland prägte die Freiburger Schule mit Walter Eucken (1891-1950) mit dem Ordoliberalismus diesen Weg, der der Bundesrepublik mit der Sozialen Marktwirtschaft  nach dem 2. Weltkrieg einen rasanten wirtschaftlichen Aufstieg bescherte. Wo heute der Ausdruck "neoliberal" oft abwertend mit verengter Marktradikalität gleichgesetzt wird, bezeichnete er damals die bessere Alternative hierzu.

Neuordnung des Wirtschaftsliberalismus

Doch der Wirtschaftsliberalismus wandelte sich weiter. Nach der gescheiterten keynesianschen Wirtschaftspolitik der Sechziger und Siebziger Jahre wurde das Verhältnis von Markt und Staat wieder neu austariert. Die Chicagoer Schule um den US-Ökonomen Milton Friedman gewann massiv an Einfluss. Sie setzte auf eine neue Marktfreiheit, die den Staat zurückdrängen sollte: Staatliche Aufgaben sollten privatisiert, die Staatsquote reduziert und der Waren- und Kapitalverkehr dereguliert werden. Privatisierung, Liberalisierung und Deregulierung wurden zu den Schlüsselbegriffen des Wirtschaftsliberalismus der Achtziger und Neunziger Jahre. Seine kleinste Einheit bildete der Homo oeconomicus - der rational handelnde, von Eigeninteresse getriebene, nutzenmaximierende Akteur des Marktes, der allzeit klare Präferenzen besitzt und seine wirtschaftlichen Entscheidungen unter vollständiger Information trifft.

Die aktuelle Weltwirtschafts- und Finanzkrise hat diesen marktnahen Liberalismus erneut in Misskredit gebracht. Forderungen nach einem neuen Verhältns von Markt und Staat werden laut. Die Deregulierung und Liberalisierung der Finanzmärkte sei zu weit gegangen, heißt es nun, das Versagen der Märkte offenkundig. Auch der Homo oeconomicus steht auf dem Prüfstand - Rationalität und Informiertheit werden ihm nur noch eingeschränkt zugestanden. Der Wirtschaftsliberalismus steht nun einmal mehr vor der Aufgabe, sich neu zu denken.

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