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Wirtschaftliche Entwicklung in Russland Putins teure Abenteuer

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Das russische BIP schrumpft - die Stimmung ist gut

Im laufenden Jahr wird das russische Bruttoinlandsprodukt (BIP) statt um 2,7 Prozent sogar um 3,8 Prozent schrumpfen, schätzt die Weltbank. Putin beteuerte Mitte Oktober, die wirtschaftliche Krise des Landes sei überstanden, es gehe wieder aufwärts. In Wahrheit aber ging die Industrieproduktion im September um 3,7 Prozent zurück, die Kapitalinvestitionen sanken gar um 5,6 Prozent, die Inflationsrate liegt mittlerweile im zweistelligen Bereich. Der private Konsum ist eingebrochen – kein Wunder, fielen doch die Realeinkommen der Russen seit Jahresbeginn um nicht weniger als zehn Prozent.

Dennoch ist die Stimmung im Land erstaunlich gut, allen Lohnsenkungen und Anleitungen zur Kurzarbeit zum Trotz – und sie wird sogar immer besser, je weiter man sich von der Hauptstadt Moskau entfernt, etwa in die westsibirische Provinzstadt Tomsk.

Warum Putins Champagner so teuer ist
Die Russen sind für ihren Wodka bekannt. Doch sie stellen auch Weine und Champagner her. Im südrussischen Abrau-Durso, in der Krasnodar-Region nahe der Schwarzmeerküste, liegen die Weinberge des russischen Oligarchen Boris Titow. Quelle: Bloomberg
Abrau-Durso wurde vor 145 Jahren vom russischen Zaren Alexander II. gegründet, nachdem er in Frankreich einen Champagner gekostet hatte. Quelle: Bloomberg
Nach Angaben der Tageszeitung „Die Welt“ sind in Abrau-Durso im vergangenen Jahr 27 Millionen Flaschen abgefüllt worden. Der auf dem Weingut produzierte Schampus wurde zuletzt unter anderem bei den Olympischen Spielen in Sotschi ausgeschenkt. Die Weine werden in den feinsten Moskauer Hotels angeboten. Quelle: Bloomberg
Exekutivdirektor Petr Sleptschenko versichert, dass das Gut nicht unter den wirtschaftlichen Sanktionen des Westens gegen Russland leidet: „Wein und Sekt sind Nischenprodukte, die nicht auf der Liste der verbotenen Güter stehen.“ Quelle: Bloomberg
Mit einer Lampe inspiziert eine Mitarbeiterin die Inhalte der Sektflaschen. 16 Länder nehmen laut „Die Welt“ derzeit die Weine und Schaumweine ab. Quelle: Bloomberg
Die Ware soll perfekt sein. Deswegen inspizieren zwei Mitarbeiterinnen fertige Flaschen des russischen Champagners auf dem Produktionsband. Quelle: Bloomberg
Die fertigen Weine stehen auf den Speisekarten von mehr als 85 Restaurants in Moskau. Eine Flasche kostet bis zu 10.000 Rubel, umgerechnet 200 Dollar. Quelle: Bloomberg

Dort sind die Cafés und Restaurants in der historischen Innenstadt mit ihren hübschen Holzhäusern prall gefüllt. „Die Russen verstehen nicht, was Rezession bedeutet, sie geben aus, was sie haben“, sagt Anatoli Karlow und fährt in seinem Geländewagen über den ersten Neuschnee in einen Vorort von Tomsk. Dort baut der Mediziner eine Fabrik zur Entwicklung von Gelenkimplantaten aus Keramik. Sein Betrieb ist ein Tochterunternehmen des thüringischen Mittelständlers Moje. Kapital aus Deutschland macht die Expansion möglich.

Karlow selbst will von Rezession ebenfalls nichts hören, er sieht sich als ein Krisenprofiteur. Im Gesundheitssektor gehe die Regierung landesweit dazu über, bevorzugt heimische Produkte einzukaufen, etwa von Karlows Firma. „Importsubstitution“ lautet das neue Zauberwort russischer Wirtschaftspolitiker, seit hohe Importpreise infolge der Rubel-Schwäche und westlicher Sanktionen die Einfuhren drosseln. „Die Regierung hätte damit schon vor 20 Jahren beginnen sollen“, sagt Karlow. Inzwischen sei es nämlich für russische Unternehmen kaum mehr möglich, mit dem technologischen Fortschritt der Welt Schritt zu halten – auch da der Ölreichtum vergangener Jahre zum Nichtstun verführt und Unternehmertum gebremst hat.

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    Aber selbst wenn Unternehmer Karlow davon profitiert, weiß er doch, dass die Importsubstitution kein Allheilmittel für eine Volkswirtschaft sein kann. Und seine schmucke Heimat Tomsk könnte zeigen, wie Innovation in Russland wieder funktioniert. Die Bevölkerung von derzeit 565.000 Einwohnern wächst, auch wegen der neun Universitäten, die zu den besten des Landes zählen. Die Stadt hat zwei Sonderwirtschaftszonen mit Niedrigsteuern für forschende Unternehmen eingerichtet. „Es geht uns nicht in erster Linie darum, Investoren anzuziehen“, sagt Vizegouverneur Nikolai Glebowitsch. „Wir müssen dafür sorgen, dass die hoch Qualifizierten hier bleiben und etwas auf die Beine stellen.“

    Doch die strukturellen Probleme des gewaltigen Landes sind auch in Tomsk zu spüren, sagt Glebowitsch: „Seit mehr als einem Jahr sind Kredite außerhalb des Großraums Moskau nicht mehr verfügbar.“ Das bremse Privatleute bei ihren Investitionen. Überdies fehlten auch dieser Region Mittel, um mit einer aktiven Wirtschaftspolitik systematisch Nutzen aus dem niedrigen Rubel-Kurs zu schlagen und Exporte anzukurbeln.

    Es wäre Sache des Kreml, eine schlüssige landesweite Strategie zur Modernisierung der Wirtschaft und geringerer Abhängigkeit von Rohstoffen vorzulegen. Die Blaupause dafür haben einheimische und internationale Ökonomen längst skizziert: Putins Regierung müsste den Druck der Sanktionen und den billigen Rubel nutzen, um die heimische Produktion endlich massiv auszubauen. Zudem wären niedrigere Steuersätze für die verarbeitende Industrie auf Kosten der Exporteure von Rohöl vonnöten, ebenso wie niedrigere Zölle. Investoren benötigten leichteren Zugang zu günstigen Krediten, und zahlreiche Wirtschaftsmonopole müssten fallen.

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