WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Wirtschaftslage Wie Südafrika sich selbst demontiert

Korruption, Bürokratie, Rassismus: Südafrika wird mehr und mehr zum Krisenstaat. Eine Streikwelle bringt die Wirtschaft in die Schieflage, die Präsident Zuma ignoriert. Der Staat scheint nur noch einen Anker zu haben.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Kapstadt Als begnadeter Redner wird Südafrikas Präsident Jacob Zuma sicher nicht in die Geschichte eingehen. Selbst das Ablesen vom Blatt bereitet dem 71-Jährigen oft mächtig Probleme. Umso mutiger war es von seinen Beratern, ausgerechnet Zuma in der vergangenen Woche in den Ring zu schicken, um einer Reihe internationaler Handelshäuser zu versichern, dass Südafrika alles tun werde, um den jüngsten Einbruch seiner Wirtschaft zu stoppen. Der Grund: Einen Tag vor der Rede hatte Afrikas größte Volkswirtschaft Wachstumszahlen präsentiert, die viele Investoren schockiert und die Landeswährung Rand zum Absturz gebracht hatten.

Obwohl Zuma in seiner Ansprache diesmal etwas weniger langweilig daherkam, beschleunigte der Präsident zunächst sogar den Absturz der Währung, weil er weder konkrete Schritte ankündigte, um die tiefen Strukturprobleme zu beheben noch erklärte wie er den schwer angeschlagenen Bergbausektor unterstützen wolle, der immerhin für 50 Prozent der südafrikanischen Exporte verantwortlich ist.

Die eigentlichen Gründe für den schleichenden Niedergang der südafrikanischen Volkswirtschaft wie die ausufernde Korruption, das enorme Ausmaß der Bürokratie oder die Tatsache, dass die Hautfarbe am Kap inzwischen mehr zählt als die Kompetenz des Einzelnen, erwähnte Zuma hingegen erneut mit keinem Wort.

Die meisten Beobachter gingen mit seiner bislang vielleicht wichtigsten Rede im Zuge seiner vierjährigen Amtszeit entsprechend hart ins Gericht: Viel zu spät habe der Präsident versucht, ein brennendes Gebäude mit einem kleinen Eimer Wasser zu löschen. Dabei hätte er den Schwelbrand längst erkennen müssen, kritisierte das renommierte Johannesburger Wochenmagazin „Financial Mail“. Schneller als erwartet sei Südafrika nun in eine Schieflage geraten.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Zu den vielen Versäumnissen zählt das Blatt neben der schwachen Führung vor allem die wirtschaftsfeindliche Haltung der Regierung, eine inkompetente Verwaltung sowie die ausgeprägte Feindschaft zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. „Südafrikas Wirtschaft ist seit dem Ende der Apartheid vor 20 Jahren nicht mehr so führungslos dahin getrieben“ schimpfte auch der Topökonom Iraj Abedian von Pan African Capital Holdings. Selbst die Rezession vor vier Jahren habe nicht so negativ gewirkt.


    Südafrikas Wachstum ist drastisch abgekühlt

    Tatsächlich ist Südafrikas Wachstum im vergangenen Jahr aus einer ganzen Reihe von Gründen drastisch abgekühlt. Ganz obenan stehen dabei die völlig aus dem Ruder gelaufenen landesweiten Streiks und die damit verbundenen Produktionsausfälle in einer Reihe von Branchen wie dem Bergbau und der Landwirtschaft. An der Substanz des Landes nagen aber auch der Absturz der Währung sowie die seit Monaten fallenden Rohstoffpreise. „Die Politik geht der Wirtschaft in Südafrika stets voraus.

    Genau deshalb leidet die Wirtschaft nun auch besonders unter dem fast völligen Mangel an politischer Führung“ resümiert Colen Garrow, ein unabhängiger Analyst. Ganz ähnlich sieht das Iraj Abedian: „Wenn sich jetzt nicht schnell Grundsätzliches verändert, gerät das Land in eine Abwärtsspirale aus schwachem Wachstum, steigenden Schulden, weniger Jobs und vor allem immer größerer sozialer Unzufriedenheit“, warnt der langjährige Regierungsberater.

    Dabei war noch vor drei Jahren die Hoffnung unendlich groß gewesen, dass durch die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 auf das politische Wunder des friedlichen Wandels unter Nelson Mandela nun auch ein rasanter wirtschaftlicher Aufbruch folgen würde. Zumal Südafrikas Regierung das sportliche Großereignis damals zum Allheilmittel für die von der Apartheid geschlagenen Wunden verklärte: Jobs, Wachstum, Frieden und Harmonie der Rassen – alles sollte die WM bringen. Doch tatsächlich ist wenig daraus geworden.

    Vielleicht ist genau deshalb die Enttäuschung nun auch so groß und entlädt sich Jahr für Jahr in immer heftigeren und gewalttätigeren Streiks. Vorläufiger Höhepunkt dieser verheerenden Entwicklung war der Streik in einer Platinmine bei Rustenburg im August vergangenen Jahres, in dessen Verlauf bei Zusammenstößen zwischen der Polizei und den Minenarbeitern mehr als 40 Menschen ums Leben kamen. Längst ist klar geworden, dass vor allem die vergifteten Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zur eigentlichen Achillesferse des Landes geworden sind.
    Bezeichnend dafür ist, dass Südafrika im vergangenen Jahr mehr Arbeitstage durch Streiks verloren hat als jedes andere Land der Welt – siebenmal mehr als noch 2008. In einer Studie des Schweizer Weltwirtschaftsforums landete die Kap-Republik in diesem Jahr bei der Bewertung der Zustände auf dem Arbeitsmarkt unter 144 Ländern auf dem letzten Platz.

    Das erklärt auch, warum seine Wirtschaft im vergangenen Quartal derart stark eingebrochen ist. Mit einem nun für 2013 projizierten Wachstum von allenfalls etwas mehr als zwei Prozent ist das Land meilenweit von jenen sieben Prozent entfernt, die es zum Abbau seiner extrem hohen Arbeitslosigkeit von inoffiziell fast 40 Prozent eigentlich benötigt.


    Nelson Mandela scheint der einziger Anker der Krisennation

    Hoffnungslosigkeit bestimmt inzwischen den Alltag vieler Südafrikaner, und die nach fast 20 Jahren an der Macht verschlissene und in interne Richtungskämpfe verstrickte Regierung des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) zeigt sich völlig überfordert vom gigantischen Reformbedarf des Landes, das neben den wirtschaftlichen Problemen und grassierender Armut weiterhin auch unter einer erschreckenden Gewaltkriminalität leidet. Kein Wunder, dass das Schicksal des greisen Freiheitskämpfers und Ex-Präsidenten Nelson Mandela die Menschen immer wieder derart bewegt. Obwohl der 94-Jährige sich schon seit Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat und sich auch längst nicht mehr zu aktuellen Fragen äußert, könnte man glauben, das Schicksal von Südafrika hinge noch immer allein an ihm – dem Mann, der die Befreiung von der Apartheid wie kein anderer symbolisiert. Wie tief die Südafrikaner ihren Gründervater ins Herz geschlossen haben, wird immer dann deutlich, wenn Mandela wie zuletzt mehrfach mit schweren Infekten ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Dann leidet das ganze Land mit.
    Der große alte Mann bleibt der symbolische Fixpunkt der Nation, die ansonsten in einem Strudel von Konflikten steckt. Gerade die neuerliche Eskalation an der Streikfront könnte für das Land schon bald schlimme Folgen haben, zumal in diesem Monat die Lohverhandlungen beginnen. Martin Zimmermann, Chef der südafrikanischen Daimler-Tochter, warnte erst kürzlich ausdrücklich davor, dass die zerrütteten sozialen Beziehungen den geplanten Ausbau des Werks in der Küstenstadt East London gefährden könnten.

    Unruhe lösen in der Wirtschaft die auch in diesem Jahr wieder extrem hohen Lohnforderungen der Gewerkschaften von bis zu 20 Prozent aus, zumal die Firmen zusätzlich unter einer Kostenexplosion bei Strom, Diesel und Stahl leiden – und die Produktivität erschreckend niedrig ist . Während viele Unternehmer angesichts der Militanz der Gewerkschaften den Glauben an eine Wende zum Besseren verloren haben und aussteigen, drohen die Gewerkschaftsbosse mit massiven Streiks.

    Erst vergangene Woche traten Angehörige der Polizeigewerkschaft in den Ausstand, nun drohen weitere Arbeitsniederlegungen im Platin- und Goldsektor.
    Als Reaktion auf die jüngste Streikwelle ist der Rand letzte Woche auf seinen tiefsten Stand gegenüber dem Euro seit Beginn der weltweiten Finanzkrise vor über vier Jahren gefallen. Seit Jahresbeginn hat die südafrikanische Landeswährung insgesamt mehr als zwölf Prozent verloren. In den letzten zwölf Monaten waren es sogar 25 Prozent. Ein Alarmsignal, gilt eine Währung doch als der Aktienkurs eines Landes.
    Doch anders als in der Vergangenheit scheint die Regierung diesmal keine Lösung für die Misere parat zu haben, etwa die Einigung auf einen Sozialkontrakt zwischen Geschäftswelt, Gewerkschaften und Regierung. Peter Montalto von Handelshaus Nomura glaubt auch, dass gegenwärtig vermutlich nur eine Schockbehandlung Südafrika aus seiner langen Apathie reißen und den überfälligen Kurswechsel einleiten könne. Der Absturz der Währung sei ein erster Schritt. Erst wenn das Land richtig leide, werde es vielleicht die Reformen einleiten, die zu seiner Gesundung unabdingbar seien.

    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%