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Wissenschaftler berechnen Kurz, aber heftig: USA erlebten wohl kürzeste Rezession aller Zeiten

Steil runter, dann steil rauf: Das US-amerikanische Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging im zweiten Quartal 2020 auf das Jahr hochgerechnet um 31,4 Prozent zurück, dann über 33 Prozent hinauf. Quelle: dpa

Ein Forscher-Komitee hat Anfang und Ende der wirtschaftlichen Talfahrt in den USA bestimmt. Ergebnis: Die Rezession 2020 dauerte wohl nur wenige Monate. Und: Die US-Wirtschaft hat den Schwächeanfall längst hinter sich.

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Der Corona-Schock in den USA war kurz, aber heftig: Als die Krise die US-Wirtschaft im Frühjahr 2020 mit voller Wucht erfasste, ging diese zwar tief in die Knie, kam aber rasch wieder auf die Beine. Experten gehen davon aus, dass die Phase der Rezession nur wenige Monate dauerte - eine rasante, aber historisch kurze Talfahrt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging im zweiten Quartal 2020 auf das Jahr hochgerechnet um 31,4 Prozent zurück, bevor es im Sommer wieder um 33,4 Prozent nach oben schoss.

In den bis Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreichenden Annalen der US-Wirtschaft hat es bislang wohl keine Rezession gegeben, die derart kurz ausgefallen ist. Die bislang kürzeste Schrumpfphase gab es Anfang 1980, als die Wirtschaft sechs Monate in Folge auf Talfahrt ging – wenig später gefolgt von einer weiteren Rezession.

Die Dauer einer solchen Konjunkturtalfahrt zu bestimmen, obliegt in den USA einem Expertenzirkel der renommierten Forschungsorganisation National Bureau of Economic Research (NBER). Dieses sogenannte Business Cycle Dating Committee hat bislang lediglich den Startpunkt der Talfahrt terminiert, und zwar auf die Zeit nach Februar 2020. Gespannt wartet die Fachwelt darauf, auf welchen Zeitpunkt sich die Auguren für das Ende festlegen. „Ich denke, das NBER-Komitee wird zu dem Ergebnis kommen, dass sie im April oder Mai 2020 endete“, vermutet Ökonom David Wessel von der Washingtoner Denkfabrik Brookings Institution. Auf jeden Fall habe die Wirtschaft die Rezession längst hinter sich, konstatiert Josh Bivens vom Economic Policy Institute in der US-Hauptstadt.



Die alte Faustregel der Volkswirte, wonach eine Rezession eine wirtschaftliche Talfahrt von mindestens zwei Quartalen in Folge ist, gilt für das NBER-Komitee allerdings nicht als Richtschnur. Es versteht unter einer Rezession einen beträchtlichen Rückgang der ökonomischen Aktivitäten, der weite Teile der Wirtschaft erfasst und mehr als ein paar Monate dauert – wobei die Experten angesichts des historischen Konjunktureinbruchs das zeitliche Kriterium diesmal flexibel auslegen dürften.

Bei der Bestimmung des Rezessionsendes schauen die Forscher nicht nur auf die Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt, sondern auch auf die Entwicklung am Arbeitsmarkt und die persönlichen Einkommen der Bürger, wobei staatliche Transferleistungen ausgeklammert werden.

Die Barschecks der Regierung von US-Präsident Joe Biden im Kampf gegen die Coronakrise haben allerdings zuletzt gerade dazu beigetragen, dass die Wirtschaft wieder kräftig Fahrt aufgenommen hat. Sie legte im ersten Quartal auf das Jahr hochgerechnet um 6,4 Prozent zu. Viele Experten erwarten, dass das Vorkrisenniveau bereits im laufenden Quartal erreicht wird und das US-BIP 2021 womöglich mit 6,4 Prozent oder mehr das offizielle Wachstumsziel Chinas übertreffen wird.

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Die Frage der Dauer der Rezession ist damit bereits ein Blick in den konjunkturellen Rückspiegel: Wann die Experten vom NBER das Geheimnis lüften, ist noch unklar. In den bislang drei Rezessionen seit Anfang der 1990er Jahre dauerte die Entscheidungsfindung der als um- und vorsichtig geltenden Ökonomen mindestens 16 Monate. Demnach könnte im Sommer weißer Rauch aufsteigen – und die kürzeste Rezession aller Zeiten in den Vereinigten Staaten amtlich bestätigt sein.

Mehr zum Thema: Schnelle Impfungen, ein Billionen-Hilfspaket, ehrgeizige Klimaziele: In den ersten 100 Tagen im Amt hat US-Präsident Joe Biden ein beachtliches Tempo vorgelegt. Der schwere Teil seiner Amtszeit liegt aber noch vor ihm. Ein Kommentar.

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