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Zeichnung einer Flussinsel im Kanton Guangzhou aus dem Jahr 1843: Den ersten Opium-Krieg zwischen 1839 und 1842 gewann eine technisch überlegene englische Marine-Expedition. Mit dem Vertrag von Nanking 1843 war China nicht nur zu Entschädigungsleistungen gezwungen, sondern musste fünf Häfen für europäische Händler öffnen. Quelle: imago images

China will das Trauma des Handelsimperialismus um jeden Preis verhindern

Als China den Übergang in den Industriekapitalismus verpasste, stand das Land ab dem 19. Jahrhundert unter dem Joch der europäischen Seemächte. Viele Jahre der Opium-Kriege und Konflikte mit Japan brachten nichts als Demütigungen. Diese Geschichte ist es, die China nicht wiederholen will.

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China gibt der Welt im Moment zahlreiche Rätsel auf. Nach einer Phase der Öffnung und der gleichzeitig dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung, die das Land – zumindest in kaufkraftbereinigten Werten – an die Spitze der Weltwirtschaft gebracht hat, jetzt dies: Es kündigt sich an eine neue Zeit der Selbstisolation und der Konzentrierung auf die wirtschaftliche Entwicklung im eigenen Land, zu der die massiven Investitionen in den Ausbau der „neuen Seidenstraße“ nicht recht zu passen scheinen.

Diese unklare Nachrichtenlage versetzt manche Beobachter in Erstaunen. Sie gibt regen Anlass für Spekulationen, die nicht selten den Blick auf die Einstellung des chinesischen Hochseehandels im 15. Jahrhundert lenken. Damals reduzierte China seine Präsenz auf den Weltmeeren deutlich und konzentrierte sich auf die innere Stabilisierung, die man durch äußere Einflüsse gefährdet sah.

Ob diese weite historische Perspektive hilfreich ist, wird sich zeigen müssen. Wahrscheinlich ist es nicht, denn die chinesische Wirtschaft ist global derart verflochten, dass ein Ausstieg aus dem Welthandel kaum zu erwarten ist. Allerdings ist eine stärkere Gewichtung der binnenwirtschaftlichen Entwicklung aus vielerlei Gründen naheliegend. Nicht zuletzt aus den massiven Spannungen in dem regional sehr unterschiedlich und sozial sehr ungleich entwickelten Land, dessen Pro-Kopf-Einkommen im Jahr 2020 immer noch weniger als ein Drittel des US-amerikanischen Werts erreichte. Grund genug, die binnenwirtschaftliche Entwicklung in den Vordergrund zu stellen, gibt aber nicht nur das noch geringe Pro-Kopf-Einkommen; auch die starken wirtschaftlichen Spannungen mit den USA und der Wettlauf in der technologischen Entwicklung verweisen das Land auf eine Mobilisierung seiner nationalen Ressourcen. Denn China kann nicht, wie etwa im Moment noch die USA, auf den Zuzug internationaler technisch-naturwissenschaftlicher Eliten setzen.

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Zugleich waren die Wohlstandssteigerungen in den vergangenen dreißig Jahren, wenn auch von niedrigem Niveau ausgehend, gewaltig: Das Pro-Kopf-Einkommen stieg von 1980 auf 2020 von etwa 300 auf rund 14.000 US-Dollar nominal. Die Lebenswelt vor allem der sich rasch entfaltenden Mittelschichten der chinesischen Ostküste änderte sich so fundamental, dass die Bedingungen, unter denen die kommunistische Partei Chinas ihre Herrschaft behaupten muss, heute vollständig andere sind als noch vor wenigen Jahrzehnten. Offenbar macht sich deshalb eine gewisse Verunsicherung breit, die auf eine straffere Führung hinauslaufen kann. Ob diese sich freilich behaupten kann, ist umso unwahrscheinlicher, je weiter sich das Land entwickelt und die Mentalität seiner Menschen sich ändert. Die Konstellation in China erinnert insofern ein wenig an das Erschrecken Ludwig Erhards Anfang der 1960er-Jahre über den Erfolg seiner Wirtschaftspolitik, seine Maßhalteappelle und die Politik der „formierten Gesellschaft“. Es mag sein, dass in China eine „formierte Gesellschaft“ unter kommunistischem Vorzeichen beabsichtigt ist. Aber damit machte ja bereits die frühe Bundesrepublik gemischte Erfahrungen.

Sicher ist, dass auch nationalistische Gründe eine Rolle spielen, die mit der jüngeren Geschichte des Landes sehr viel zu tun haben. Der Verzicht auf die Hochseeschifffahrt und die vorherrschende Selbstbezüglichkeit der späten Ming-Dynastie führte das Land nebenher keineswegs in eine wirtschaftliche Katastrophe. In der frühen Qing-Dynastie, die der Ming-Dynastie folgte, erlebte China eine Phase der wirtschaftlichen Blüte. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts dürfte auf China etwa ein Drittel des Weltprodukts entfallen sein. Das Zurückfallen Chinas setzte erst im späten 18. und dann im 19. Jahrhundert ein, als das Land den Übergang zum Industriekapitalismus verpasste und gemessen an den sich früh kapitalistisch entfaltenden Staaten deutlich zurückfiel, die Great Divergence.

Als „Objekt der Begierde“ blieb es freilich erhalten, denn der intensive Handel mit China (Seide, Porzellan, Tee) war für viele westliche Handelspartner hochattraktiv, die indes zunehmend darunter litten, dass China kaum Zugang zum eigenen Markt gewährte und fast ausschließlich Silber als Gegenwert seiner Exporte akzeptierte.

Die Finanzierung der negativen Leistungsbilanz war eine Herausforderung; die Verschlossenheit des chinesischen Marktes versuchte die englische East India Company, durch Opium-Lieferungen zu durchlöchern – Opium, das in Indien angebaut auf große chinesische Nachfrage traf und daher half, die Leistungsbilanzprobleme zu mildern. Das alles geschah nicht gerade zur Freude der chinesischen Regierung, die die Opium-Importe verbot Dieses Verbot hinderte die East India Company und später andere englische Handelshäuser indes nicht daran, den Opium-Import jenseits der Legalität weiter zu betreiben. Energische Versuche der Chinesen, sich dagegen zu wehren, mündeten in einem Krieg.

Diesen ersten Opium-Krieg zwischen 1839 und 1842 gewann eine technisch überlegene englische Marine-Expedition. Mit dem Vertrag von Nanking von 1843 war China nicht nur zu Entschädigungsleistungen gezwungen, sondern musste fünf Häfen für englische Händler öffnen. Dort konnten die Händler aus Europa ihre eigenen Rechtsbezirke gründen und damit nun erstmals offenen Zugang zum chinesischen Markt; Hongkong wurde britische Kronkolonie. Mit diesen für den Freihandelsimperialismus typischen ungleichen Verträgen wurde das Land offen gedemütigt, doch die Versuche sich zu wehren, resultierten im zweiten Opium-Krieg von 1856 bis 1860. Der Verlierer: China.

Ein erster Friedensschluss von 1858, mit dem China weitere elf Häfen für englische, französische, russische und nordamerikanische Händler öffnete, hielt nicht lange. Aber der chinesische Widerstand brach 1860 nach der Plünderung der kaiserlichen Paläste und der Besetzung Pekings durch englische und französische Truppen zusammen. Im abschließenden Friedensvertrag musste China daraufhin weitere Zugeständnisse machen (Botschaften in Peking, Eigentumsrechte, christliche Missionsrechte), die das Land nicht förmlich kolonisierten, aber seine Hoheitsrechte massiv beschränkten.

Das ebenfalls lange gegenüber dem Ausland abgeschlossene Japan zog vor allem aus diesen Demütigungen den Schluss, nur eine durchgreifende Selbstmodernisierung würde dem Inselstaat ein ähnliches Schicksal ersparen. Und in der Tat brachte die als Meiji-Restauration bezeichnete Modernisierung die gewünschten Erfolge: Japan wurde selbst in den Kreis der Staaten aufgenommen, die die „chinesische Beute“ beanspruchten. Im ersten chinesisch-japanischen Krieg setzte Japan 1895 seine Kontrolle über Taiwan durch und erreichte, dass China die Unabhängigkeit Koreas anerkannte. Zudem musste China gewaltige Kriegsentschädigungen zahlen. Im Boxer-Aufstand von 1899-1901 brach sich noch einmal chinesischer Widerstand gegen die faktische Bevormundung des Landes Bahn, doch eine von acht Ländern getragene Militärintervention brachte ihn zu Fall und zeigte der chinesischen Regierung zugleich, dass alle bisherigen Modernisierungsversuche nicht weit genug gegangen waren, um die Handlungsfähigkeit des Landes zu sichern.

Es ist wohl diese Serie von Demütigungen, die China hinnehmen musste und die den Boden für einen fast 50-jährigen Krieg bereitete, der in einer Mischung aus Bürgerkrieg und japanischer Aggression das Land bis zum Beginn der kommunistischen Ära 1949 prägte. Diese Demütigungen bestimmen maßgeblich den Hintergrund für das chinesische Streben nach Gleichberechtigung und „Augenhöhe“.

Dass sich diese Momente mit der kommunistischen Herrschaft vermischt haben, macht sie nicht weniger wirksam; es spricht kaum etwas für die Annahme, die nationalen Selbstbehauptungsimpulse verlören bei einem Schwinden des kommunistischen Einflusses an Gewicht. Sie sind da und sie bilden die Grundlage für die Vorstellung, nur eine durchgreifende Modernisierung des eigenen Landes werde ein erneutes Absinken in einen halbkolonialen Status verhindern, für den die Wegnahme Taiwans 1895 das schmerzhafteste Symbol war.

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Ein Streben nach Weltherrschaft ist das zumindest in direkter Hinsicht kaum, wie auch China historisch so etwas nie angestrebt hat. In gewisser Hinsicht war das Land sich stets selbst genug – so lange, bis der Freihandelsimperialismus Chinas Schwächen gnadenlos offenbarte. Dass so etwas wiederkehrt, wird man in China um jeden Preis verhindern wollen.

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