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Zins und Wirtschaft Warum die EZB die Zinsen erhöht

Trotz Schuldenkrise und Atomkatastrophe will die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins erhöhen. Damit will die EZB Stärke demonstrieren. Aber wie wirkt eine Leitzinserhöhung eigentlich auf die Wirtschaft?

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Jean-Claude Trichet, Quelle: REUTERS

Die Europäische Zentralbank (EZB) ist fest entschlossen: Trotz Euro-Schuldenkrise und japanischer Atomkatastrophe wird sie am 7. April aller Voraussicht nach die Leitzinsen erhöhen. Selten sind EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und seine Direktoriumskollegen so klar und einmütig gewesen. „Die EZB will demonstrieren, dass sie nicht nur bellen, sondern auch beißen kann“, sagt Commerzbank-Ökonom Michael Schubert. Die historisch niedrigen Zinsen, die das Entstehen neuer Finanzblasen begünstigen, sind den Währungshütern schon lange ein Dorn im Auge. Hinzu kommen steigende Inflationsrisiken.

Vor allem aber gilt es, in der Euro-Krise gegenüber der Politik Unabhängigkeit zu demonstrieren. Weitere Zinsschritte dürften bis zum Jahresende folgen und den Leitzins von ein auf rund zwei Prozent nach oben schleusen.

Zentrale Fragen

Doch wie wirken Zinserhöhungen tatsächlich? Wie reagieren Banken, Unternehmen und Verbraucher auf sie? Lassen sich die Effekte zeitlich und quantitativ beziffern? Und welche Konsequenzen sind hieraus für die Geldpolitik zu ziehen? Immer wieder haben Wissenschaftler diese zentralen Fragen untersucht. Schließlich geht es um das Kerngeschäft einer Zentralbank – die Wirksamkeit ihrer Geldpolitik. Doch die Ergebnisse bleiben spärlich.

Einig sind sich die Forscher, dass die Geldpolitik über verschiedene Wege wirkt: den Zinskanal, den Wechselkurskanal, den Kredit- und den Einkommenskanal. Einig ist man auch, dass der Zinskanal der entscheidende ist. Gut drei Viertel der Reaktion laufen über ihn: Erhöht die EZB die Leitzinsen, verteuert sich für die Banken der Geldzufluss (siehe Grafik auf Seite 2). Diese geben die höheren Zinsen an ihre Kunden weiter. Unternehmen investieren weniger, Verbraucher schränken ihren Konsum ein. Sparen dagegen lohnt sich wieder mehr. Insgesamt sinkt so die Nachfrage nach Produkten, was bei (zunächst) gleichbleibendem Angebot auf die Preise drückt. Wachstum und Inflation erhalten einen Dämpfer.

Hinzu kommt: Banken sorgen sich um die Bonität ihrer Schuldner. Sie verlangen höhere Sicherheiten oder schränken ihr Kreditangebot ein. Daneben ergeben sich auch Wechselkurseffekte, weil höhere Zinsen tendenziell mehr Kapital in den Euro-Raum fließen lassen. Dies wiederum stärkt den Euro-Kurs, senkt die Importpreise und dämpft die Inflation zusätzlich.

Schaut man sich die Effekte einer Zinserhöhung nun genauer an, kommt man je nach Modell und Annahmen zu unterschiedlichen Ergebnissen: Eine überraschende Zinserhöhung um 100 Basispunkte – alle anderen Faktoren bleiben konstant – dämpft die reale Wirtschaftsleistung (BIP) im Euro-Raum im ersten Jahr um 0,2 bis 0,4 Prozent und im zweiten und dritten Jahr um jeweils 0,3 bis 0,7 Prozent. Fünf bis sieben Jahre später ist der alte Stand wieder erreicht. Auffallend ist, dass die Investitionen mit 60 bis 75 Prozent des BIP-Rückgangs am stärksten reagieren. Ein Blick auf die Statistiken zeigt, warum: Kredite an Unternehmen und Häuslebauer machen mit jeweils rund 40 Prozent den Löwenanteil des Kreditgeschäfts im Euro-Raum aus. Verteuern sich diese, belastet das vor allem die Wirtschaft.

So wirkt eine Leitzinserhöhung der Zentralbank

Interessant sind auch die nationalen Unterschiede: Während in Deutschland und Frankreich zumindest temporär feste Hypothekenzinsen gelten, werden sie in Spanien, Portugal, Griechenland und Irland variabel angepasst. „Die Südländer werden deswegen von Zinserhöhungen am schnellsten und härtesten getroffen“, sagt Klaus Baader, Volkswirt bei der Société Générale – obwohl sie es derzeit am wenigsten gebrauchen können. Studien für Deutschland fanden zudem heraus, dass die Investitionen nach einer 100-Basispunkt-Zinserhöhung im ersten Jahr um vier Prozent sinken.

Viele Variablen

Die Preise im Euro-Raum reagieren im 100-Basispunkte-Szenario schwächer als der Output, dafür aber dauerhafter: Nach drei Jahren liegt die Inflation nur 0,2 bis 0,4 Prozentpunkte tiefer, doch sie hält sich dort. Beachten sollte man bei diesen Schätzungen jedoch, dass sie von einem überraschenden Zinsschritt ausgehen, der nicht der Praxis der EZB entspricht. Welche Folgen der jetzt beginnende Zinserhöhungszyklus in der Wirtschaft konkret nach sich ziehen wird, lässt sich daher schwer voraussagen. Tatsächlich lassen sich Zinsbewegungen kaum isoliert betrachten, sondern nur im Kontext zahlreicher anderer Variablen und Wirkungsketten.

Für die EZB ist entscheidend, dass grundsätzlich ein klarer Wirkungszusammenhang zwischen Zinsen, Wachstum und Inflation besteht. Nur so bleibt ihre Geldpolitik wirksam. Die Welle der Deregulierung und Innovationen an den Finanzmärkten hat daran in den letzten Jahrzehnten wenig geändert – wenigstens eine gute Nachricht in der Finanzkrise für die Währungshüter.

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