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Zollstreit Trumps größter Denkfehler

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Kapital: Treibstoff des Wirtschaftswachstums

Die Ansicht, die Vorteilhaftigkeit des Außenhandels ließe sich am Vorzeichen der Außenhandels- oder Leistungsbilanzsalden ablesen, ist ebenso weitverbreitet wie falsch. Die mit den amerikanischen Leistungsbilanzdefiziten einhergehenden Nettokapitalzuflüsse erhöhen das Produktionspotenzial der US-Wirtschaft.

Kapital ist der Treibstoff des Wachstums. Der irreführende Begriff des Außenhandelsdefizits (der übrigens erst mit dem Keynesianismus aufkam) schaut nur auf die Zahlungsseite im Außenwirtschaftsverkehr. Güterwirtschaftlich entspricht ein solches Defizit einem Überschuss: Im Außenhandel fließen den USA mehr Güter zu als ab. Und mit diesen Gütern können Konsumenten und Unternehmer disponieren – und zwar zusätzlich zum heimischen Produktionsergebnis.

Insbesondere lässt sich so der Kapitalstock in den USA stärker ausweiten als wenn das Land nur auf die inländische Ersparnis beschränkt wäre. Eine höhere Kapitalintensität (Kapitalausstattung je Arbeitsplatz) steigert die Produktivität der amerikanischen Arbeitskräfte, so dass die Mehrproduktion (höheres Bruttoinlandsprodukt, BIP) auch bei den Einkommen der Arbeitnehmer in den USA ankommt (höheres Bruttonationaleinkommen, BNE). Umgekehrt wachsen die Nettokapitalexportländer wie Deutschland nicht auf Kosten des Auslands, sondern mit dem Ausland. Die Nettokapitalexporte vermindern sogar den Anstieg des heimischen Produktionspotenzials (gedämpftes BIP-Wachstum), dies wird aber durch ein stärkeres BNE-Wachstum (Einkommensgewinne der Investoren) überkompensiert. Global betrachtet wird dieses BNE-Positivsummenspiel dadurch möglich, dass weltweit mobiles Kapital effizienter wirken kann, als wenn es in den jeweiligen Ländern eingesperrt wird.

Da der Konsum der finale Zweck allen Wirtschaftens ist und das jeweilige BNE, nicht aber das nationale BIP, über die Konsummöglichkeiten der Bevölkerung entscheidet, sollte es darüber keinen zwischenstaatlichen Konflikt geben (Weltproduktion und Welteinkommen sind selbstverständlich identisch). Dies müsste insbesondere die US-Regierung beherzigen, die bei ihrem derzeitigen fiskalischen Kurs umso mehr auf ausländische Kapitalzuflüsse angewiesen ist. Die Vorteile der internationalen Kapitalflüsse setzen freilich voraus, dass diese nicht durch eine unsachgemäße Geldpolitik oder ein Aufweichen des Haftungsprinzips fehlgelenkt werden. Sofern in dieser Hinsicht Defizite bestehen (hier ist der Begriff tatsächlich angebracht), müssen diese aber direkt adressiert werden, anstatt die Symptome durch untaugliche Eingriffe auf Seiten der Handelsströme zu überdecken und so eine unbeherrschbare Interventionsspirale in Gang zu setzen.

Die EU sollte lieber Zölle abbauen

Im Ergebnis sollte die EU der ruppigen Zollpolitik der amtierenden US-Regierung durch das Angebot eines weitreichenden transatlantischen Zollabbaus begegnen und ihr so den Wind aus den Segeln nehmen. Stößt sie damit auf Granit oder gibt es hierzu keinen Konsens innerhalb der EU (auch diesseits des Atlantiks gibt es ja keineswegs nur überzeugte Freihändler), kann sie es auch nur bei einer WTO-Klage belassen und auf Vergeltungsmaßnahmen verzichten – diese wären zwar zulässig, aber nicht klug (es genügt, wenn sich auf dem transatlantischen Tandem einer ins Knie schießt).

Die bizarren Winkelzüge der mit wenig Sachverstand agierenden Trump-Regierung sitzt man am besten aus, ohne Porzellan zu zerschlagen, das dann mit der Nachfolgeregierung wieder mühsam zusammengesetzt werden müsste. Auch der Multilateralismus ist nicht am Ende, wenn die USA derzeit nur zuschauen. Deren Gewicht in der Welt nimmt ab, und früher oder später werden die USA ihre Isolation aufgeben. In der Zwischenzeit lohnt es sich, die WTO zu stärken. Dies beinhaltet auch, die Obstruktionspolitik der derzeitigen US-Regierung bei wichtigen WTO-Gremien nicht länger zu dulden. Zur Not gäbe es auch eine WTO ohne die USA – 87 Prozent der Weltimportmärkte machen die übrigen Länder unter sich aus.

Natürlich sollte auch dann die Tür für die Vereinigten Staaten offen bleiben, sofern sie nicht ohnehin vorher erkennen, dass es besser ist, Regeln mitzugestalten, als an der Seitenlinie zu stehen. Die EU könnte sich ihrerseits als Pionier profilieren und unilateral mutige Schritte zur weiteren Öffnung ihres Binnenmarktes für die übrige Welt in Gang setzen. Auf diese Weise würde aus dem freien Binnenmarkt ein freier Markt – nicht die schlechteste Vorausaussetzung, um zum „wettbewerbsfähigsten“ Wirtschaftsraum der Welt aufzusteigen. Wer hingegen im Reziprozitätsdenken gefangen bleibt, wird nur im Schneckentempo vorankommen. Pioniere gehen voran und warten nicht auf das langsamste Kamel in der Karawane. Und weil die EU damit auch als Investitionsstandort attraktiver wird, zöge sie so auch weltweit mehr Kapital an. Auch solches, das sonst in die USA geflossen wäre.

Der wirksamste Gegendruck erwächst der Trump-Regierung von innen

Bislang handelt es sich bei den höheren Zöllen auf Stahl und Aluminium makroökonomisch um Nadelstiche. Aber auch für den Fall, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht sein sollte, ist die Vergeltungslogik ein schlechter Ratgeber.

Politisch wirksamer als Drohgebärden von außen dürfte der interne Widerstand aus den USA selbst sein. Hierzu gehören nicht zuletzt auch amerikanische Investoren im europäischen Binnenmarkt, in den bislang die Hälfte aller US-amerikanischen Direktinvestitionen geflossen sind. Die hiesigen Tochterunternehmen erwirtschaften für ihre US-Mütter Umsätze, die die Exporte der USA in die EU um den Faktor fünf übersteigen. Streut die US-Zollpolitik Sand ins wirtschaftliche Getriebe der EU, so sind über diesen Kanal auch vitale Interessen der US-Wirtschaft betroffen, die dann ihren Einfluss geltend machen werden. Dieser Gegendruck ist nicht nur überzeugender, sondern birgt zudem den großen Vorteil, den Handelskonflikt nicht zu eskalieren.

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