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Zucker Süße Sünde

Zucker ist ungesund, macht dick und schlechte Zähne. Und ist in immer mehr Lebensmitteln enthalten. Prominente wie Starkoch Jamie Oliver fordern für England eine Sündensteuer auf das süße Gift – doch die Regierung ziert sich.

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Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, dass weniger als zehn Prozent der Nahrung freier Zucker sein sollen Quelle: dpa

London Wie ist das mit Jamie Olivers Rezept für „Eton Mess“? Kann es mit rechten Dingen zugehen, dass der Starkoch für den englischen Traditionsnachtisch mehr Zucker vorschreibt als in einer Dose Coca-Cola ist? „38,7 Gramm oder 9,5 Teelöffel pro Portion“, schrieb ein Leser der „Times“ und ließ offen, ob sein Sarkasmus dem hohen Zuckergehalt des Rezepts oder der Scheinheiligkeit des Kochs galt.

Denn Jamie Oliver und die „Times“ stehen ganz vorn in der Front im Kampf gegen den Zucker und für die Einführung einer Sündensteuer auf das süße Zeug. Oliver ist mehr noch als für seine Restaurants und seinen globalen Rezeptvertrieb in allen Medienkanälen für den missionarischen Eifer berühmt, mit dem er die Briten durch den Magen zu besseren Menschen machen will. Nach Kampagnen für gesundes „mediterranes Super-Essen“, mehr Gemüse in Schulkantinen ist er nun auf den Zucker als Grund allen Übels gekommen.

„Sugar Rush“ hieß Olivers Dokumentation der vielen Gesundheitsschäden, die der Zucker auslöst, im September wurde sie von Channel 4 ausstrahlt, sozusagen als Kampagnenstart. Oliver trat damit in die Fußstapfen des Australiers Damon Gameau, dessen Dokumentarfilm „That Sugar Film“ der vor über einem Jahr Premiere hatte, jetzt auch in die deutschen Kinos kommt.

Gameau, eigentlich ein Zuckerabstinenzler, nahm im Dienst der Aufklärung im Selbstversuch zwei Monate lang den Gegenwert von 40 Teelöffel Zucker täglich zu sich – und aß sich in kürzester Zeit eine Fettleber an. Gameau sah es dabei auf den versteckten Zucker abgesehen, mit denen die Industrie in unsere Lebensmittel „schmackhafter“ macht – ohne das wir es richtig merken. Denn das süße Gift ist nicht nur in Fruchtsäften und Limonaden, wie häufen es auch mit fettarmem Gesundheitsjoghurt, Frühstücksflocken, Dosensuppen, Ketchup, Krautsalat, Würsten, Essiggurken und Soßenpulver in uns an. Und immer in Mengen, die uns gar nicht richtig klar gemacht werden.

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    Oliver macht es in seinen Restaurants schon vor, wie er sich die gewünschte Zuckersteuer vorstellt. Zehn Pence extra kosten „Fizzy Drinks“ bei ihm, wie sie die Kinder mögen, weil sie so süß sind, dass sie nicht nur die Zähne ruinieren und dick machen, sondern auch Lust auf mehr machen. Seine private Zuckersteuer mache Schule, behauptet Oliver; in seinen Restaurants sei der Absatz der Süßgetränke um sieben Prozent zurückgegangen. Kritiker sagen jedoch, der Rückgang wäre 100 Prozent, wenn Oliver die Getränke erst gar nicht anbieten würde.

    Überall in England hat Oliver schon Jünger gefunden. Die Stadt Brighton will als erste britische Stadt eine „freiwillige Zuckerabgabe“ einführen. Der Einzelhandel soll sie auf alle süßen Getränke erheben und der Gewinn dann zur Gesundheitserziehung von Kindern verwendet werden. Brent, eine Londoner Stadtgemeinde, will der Zuckerlust mit einer Kampagne „Smash Sugar“ beikommen. Die Stadtbewohner sind aufgerufen, einen Tag pro Woche „Zucker zu boykottieren“. Krankenhäuser auf und ab im Land haben begonnen, süße Snacks, Schokoriegel und dergleichen in Automaten und Cafeterien teurer zu verkaufen. Mehr als 150.000 Briten haben eine von Oliver gestartete Petition unterzeichnet, in der die Einführung der Zuckersteuer gefordert wird.

    Grund des Streits: Die Gesundheitsbehörde „Public Health England“ hat ihrem neusten Bericht zur Volksgesundheit den Zuckerkonsum ins Visier genommen und als eine von 23 möglichen Zuckerbekämpfungsmaßnahmen auch eine Zuckersteuer empfohlen. „Wir essen zu viel Zucker und es ist schlecht für unsere Gesundheit“, heißt der erste Satz des Berichts „Reducing Sugar“. Die Briten sind zu dick und dem Zucker wird dabei eine Schlüsselrolle zugeschrieben. Zehn Prozent der vier bis fünf-Jährigen sind bereits übergewichtig, bei den zehn bis elf-Jährigen sind schon 19 Prozent, bei den Erwachsenen 25 Prozent.

    Die Kosten dieser Einlagerung von Hüftspeck für den staatlichen Gesundheitsdienst: 5,1 Milliarden Pfund im Jahr. Würden die Briten nur die empfohlenen fünf Prozent ihrer Energieaufnahme in Form von Zucker zu sich nehmen, statt zwölf bis 15 Prozent, wäre alles billiger, so die Gesundheitsanalyse. Jährlich würden 4.700 Menschenleben „gerettet“ und 576 Millionen Pfund gespart.


    Zehn Prozent der vier bis fünf-Jährigen sind übergewichtig

    Politik und Gesundheit sind bei den Briten ein Dauerthema. Der staatliche Gesundheitsdienst wird direkt aus der Steuer finanziert und zentral organisiert, da ist der Bezug zwischen Staatshaushalt, Steuern und Volksgesundheit unmittelbar nachvollziehbar. Volksgesundheit ist Sparaufgabe, denn es gibt kein effektiveres Mittel, den Jahr zu Jahr wachsenden Gesundheitshaushalt in Schach zu halten, als ein breitangelegte Gesundheitserziehung.

    Der staatlichen Gesundheitsdienst NHS ist nicht zimperlich mit Diät- und Lebensvorschriften: Über 50-jährigen wird die Einnahme von Statinen gegen Colesterol oder vorbeugenden Blutdrucksenkern empfohlen, Alkoholeinnahme ist auf „21 Alkoholeinheiten pro Woche“ zu beschränken, das Rauchen so oder so verpönt, Industriell verarbeitetes Fleisch sollte man nicht mehr als 70 Gramm am Tag zu sich nehmen und der alte Spruch „An apple a day keeps the Doctor away“ (Einen Apfel pro Tag hält den Arzt fern) fällt nun der Kampagne gegen den Zucker zum Opfer.

    Nur fünf Prozent der Energieaufnahme sollte aus Zucker bestehen, empfiehlt PHE, das sind circa 25 Gramm oder sechs Teelöffel am Tag. Der Konsum der Briten liegt bei 93 Gramm pro Tag – fast 35 Kilo im Jahr – dabei sind sie gar nicht die schlimmsten Zuckeresser: In Deutschland liegt der Zuckerkonsum laut Euromonitor mit mit 100 Gramm an der europäischen Spitze. Das entspricht rund 22 Prozent der Nahrung.

    Was tun? Rätselraten erregte, warum Gesundheitsminister Jeremy Hunt den PHE Bericht monatelang unter Verschluss hielt. Übte die Cola Lobby Druck aus? Oder befürchtete die Regierung Cameron unliebsamen Gegenwind, weil sie sich gegen eine Zuckersteuer stemmt? „Sodasteuern“, wie sie auch heißen, sind in vielen Ländern politischer Zündstoff geworden. Downing Street sagte, man habe keine Pläne für die Einführung einer Zuckersteuer, es gäbe „effektivere Wege, die Fettleibigkeitskrise anzugehen“. Einer konservativen Regierung mit libertären Instinkten sind „Ammenstaat“-Methoden zuwider – im vergangenen Jahr ließ die Regierung Premier David Cameron unter ähnlichem publizistischem Gegenfeuer eine Kampagne für die Einführung eines Mindestpreises für Alkohol abblitzen.

    Alison Tedstone, eine der Autorinnen des PHE Berichts, nannte vor einem Unterhausausschuss eine Zuckersteuer zwar „nützlich“, aber sie gab auch zu, dass sie keineswegs die einzige oder die effektivste der 23 vorgeschlagenen Methoden sei. Cameron und Gesundheitsminister Hunt wollen nun unter anderem mit Volldampf die Lebensmittelindustrie dazu bringen, den Zuckergehalt ihrer Produkte in klarer Sprache – vielleicht sogar mit dem verständlichen Maß des „Teelöffel Zuckers“ – auf den Packungen auszuweisen.


    „Wir haben diese Steuer doch längst“

    „Sündensteuern“ sind in ihrer Effektivität umstritten. Sie treffen die Armen überproportional, die es sich am wenigsten leisten können – die allerdings auch überproportional an den Folgen des Zuckers wie Diabetes leiden. Tabaksteuern hatten jahrzehntelang wenig Einfluss auf das Rauchverhalten und trugen weniger zur Eindämmung des Rauchens bei als Aufklärung oder klare Verbote. In Ländern, die „Sodasteuern“ eingeführt haben, sind die Erfahrungen nicht so eindeutig, wie Koch Oliver und seine Mitstreiter behaupten. In Mexiko soll der Konsum von süßen Sprudelgetränken um zehn Prozent zurückgegangen sein.

    Aber in Frankreich, Dänemark und Ungarn hat sich der Konsum von mit Sündensteuern belegten Lebensmittel nach einem ersten Rückgang wieder auf dem alten Niveau stabilisiert. Die dänische Fettsteuer war so unpopulär, verhasst und ineffektiv, dass sie von den Politikern wieder abgeschafft wurde. Finnen werden ihre Süßsteuer 2017 wieder abschaffen – auch, weil sie von der EU als wettbewerbsverzerrende Maßnahme gerügt.

    Noch komplizierter ist der politische Gesamtrahmen. Etwa, dass Zucker auf EU-Ebene subventioniert wird und in den vergangenen Jahren immer billiger geworden ist. Genuss- und Lebensmittelsteuern sind eine heikle Sache, wie der britische Schatzkanzler George Osborne lernen musste, als er Mehrwertsteuer auf Cornish Pasties erheben wollte, ein traditionelles Arbeitergebäck. Er löste einen Sturm aus, obwohl er nur ein bisschen logische Ordnung in das Durcheinander der Mehrwertsteuer Regelungen bringen wollte.

    Hier gäbe es noch manches zu tun – Florentiner etwa sind mehrwertsteuerpflichtig, weil sie einen Schokoladenguss haben, die zuckersüße Baiser aber nicht. Doch als die schottische Tory-Führerin Ruth Davidson – mit Boris Johnson unter den beliebtesten Tory Politikern im Land – zu dem Thema befragt wurde, wetterte sie „bloody hell, Ammenstaat“ und wies auf die Mehrwertsteuern. „Wir haben keine Mehrwertsteuer auf Brot, Fleisch, Fisch und Obst, aber auf Kuchen, Süßwaren, Sport-Drinks und den Rest. Und diese Steuern betragen 20 Prozent. Genau, was die Anhänger einer Zuckersteuer fordern. Wir haben diese Steuer doch längst.“

    Überraschendes förderte ein Pamphlet gegen Sündensteuern zu Tage, das die der neoliberalen Denkfabrik „Institute of Economic Affairs“ veröffentlichte: Der Zuckerverbrauch der Briten war vor Jahrzehnten viel höher als heute – vor hundert Jahren lag er bei über 50 Kilogramm im Jahr. „Die Zunahme von Fettleibigkeit und Diabetes folgt nicht dem Muster des Zuckerkonsums in der Bevölkerung“, konstatiert das Institut nüchtern.

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