Zukunft des Krieges Wie sich die Nato auf Cyber-Angriffe vorbereitet

Cyber-Angriffe werden in den Kriegen der Zukunft eine große Rolle spielen. In Estland bereitet sich die Nato in einem Zentrum darauf vor – doch das reicht nicht: Für den Informationskrieg, wie ihn Russland bereits führt, ist der Westen schlecht gerüstet.

Die wichtigsten ferngesteuerten Waffen
MQ-9-Reaper-Drohne Quelle: dpa
Minidrohne Prox Dynamics PH-100 Black Hornet Quelle: PR
Unbemannter Panzer Ripsaw Quelle: U.S. Army Public Domain
Tauchroboter

Für den Krieg der Zukunft rüstet sich der Westen am Stadtrand von Tallinn – in einem schmucken Gebäude mit unverputzten Backsteinmauern. In der Kaserne der estnischen Funker, die einst ein Bataillon der Roten Armee und zuvor gar eines des russischen Zaren beherbergte, residiert heute das wohl wichtigste Cyber-Abwehrzentrum in Europa.

Praktisch als Dienstleister der Nato analysieren und simulieren hier die besten IT-Leute aus über 18 Staaten Cyber-Attacken aller Couleur – vom Lahmlegen eines Servers bis hin zum Hacken der Navigation einer Drohne. Um daraus Trainingsprogramme für die Sicherheitsoffiziere in Armeen zu entwickeln. Der deutsche Oberstleutnant Jens van Laak dient im Moment als Stabschef und gibt zu: „Wir wissen, dass wir im weiten Feld der Cyber-Angriffe verletzlich sind.“ Und es sei noch ein weiter Weg, bis überall im westlichen Verteidigungsbündnis der nötige Schutz vor solchen Attacken aufgebaut sei.

Chronik: Die größten Datendiebstähle

Diese Verletzbarkeit zeigte sich ganz besonders hier in Estland: Als 2007 das Sowjetdenkmal des bronzenen Soldaten vom Zentrum an den Stadtrand verlegt werden sollte, legten russischsprachige Hacker die Server von Behörden und Banken jenes Landes lahm, dessen Dienstleistungen schon damals viel stärker digitalisiert waren als anderswo in Europa. So entbrannte ein hybrider Krieg aus Cyber-Attacken und medial aufgepeitschten Protesten der russischen Minderheit. Kein Wunder, dass die Esten seither sensibilisiert sind – und just neben dem neuen Ort für das Soldaten-Denkmal dieses Cyber-Zentrum eingerichtet haben.

Estland hat seither viel in die IT-Sicherheit von Behörden wie Unternehmen investiert. Was man von anderen Ländern in Europa weniger behaupten kann. Trotz kooperativer Pilotprojekte wie dem Cyber-Defense-Center sind westliche Staaten und mehr noch Unternehmen schwach gerüstet für den Krieg der Zukunft, warnt der Zukunftsforscher Michael Schmitt vom U.S. Naval War College in Newport: „Im Alltag der Zukunft haben wir es sicherheitspolitisch mit einem Krieg zu tun, der ganz subtil daherkommt.“

Die größten Hacker-Angriffe aller Zeiten
Telekom-Router gehackt Quelle: REUTERS
Yahoos Hackerangriff Quelle: dpa
Ashley Madison Quelle: AP
Ebay Quelle: AP
Mega-Hackerangriff auf JPMorganDie US-Großbank JPMorgan meldete im Oktober 2014, sie sei Opfer eines massiven Hackerangriffs geworden. Rund 76 Millionen Haushalte und sieben Millionen Unternehmen seien betroffen, teilte das Geldhaus mit. Demnach wurden Kundendaten wie Namen, Adressen, Telefonnummern und Email-Adressen von den Servern des Kreditinstituts entwendet. Doch gebe es keine Hinweise auf einen Diebstahl von Kontonummern, Geburtsdaten, Passwörtern oder Sozialversicherungsnummern. Zudem liege im Zusammenhang mit dem Leck kein ungewöhnlicher Kundenbetrug vor. In Zusammenarbeit mit der Polizei gehe die Bank dem Fall nach. Ins Visier wurden laut dem Finanzinstitut nur Nutzer der Webseiten Chase.com und JPMorganOnline sowie der Anwendungen ChaseMobile und JPMorgan Mobile genommen. Entdeckt wurde die Cyberattacke Mitte August, sagte die Sprecherin von JPMorgan, Patricia Wexler. Dabei stellte sich heraus, dass die Sicherheitslücken schon seit Juni bestünden. Inzwischen seien die Zugriffswege jedoch identifiziert und geschlossen worden. Gefährdete Konten seien zudem deaktiviert und die Passwörter aller IT-Techniker geändert worden, versicherte Wexler. Ob JPMorgan weiß, wer hinter dem Hackerangriff steckt, wollte sie nicht sagen. Quelle: REUTERS
Angriff auf Apple und Facebook Quelle: dapd
 Twitter Quelle: dpa

Neben Cyber-Attacken und Infrastruktur nennt er Informationskriege, Wirtschaftsspionage und die gezielte Destabilisierung von Gesellschaften als Methoden sogenannter „hybrider Kriege“. Worauf die Staaten mit immer raffinierteren Überwachungssystemen, Kampfdrohnen und ganz neuen Abwehrmechanismen reagieren müssen. „Wir brauchen in Deutschland eine Art Cyber-Force, zu der personell und technisch Polizei, Bundeswehr und Geheimdienste beitragen sollten“, sagt Roderich Kiesewetter, der für die CDU im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages sitzt.

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