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Zweifel im Krisenland Die Menschen in der Ukraine werden ungeduldig

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Das Überangebot schadet auch kleinen Bauern

Investitionen in die ukrainische Wirtschaft liegen dennoch brach. Zumal Unternehmen oft unter hohen Überkapazitäten leiden. So wie die Agrarholding IMC Agro von Alex Lissitsa: „Für Güter wie Milch und Fleisch bricht uns der russische Markt weg, wobei der EU-Markt für ausländische Erzeugnisse geschlossen ist“, sagt der Unternehmer. Zwar habe er vor Jahren begonnen, sich von Russland nach Europa umzuorientieren – „aber jetzt muss die EU uns helfen, indem sie ihre Märkte öffnet“. Wobei nicht nur Großbauern wie Lissitsa von diesem Problem betroffen sind: Das Überangebot von Produkten wie Milch verdirbt im Inland auch den Kleinbauern auf den Dörfern die Preise. Die müssen mit ihren Erlösen aus dem Milchverkauf keine Aktionäre befriedigen, sondern ihre Familien ernähren. Da den EU-Landwirten wegen Putins Gegen-Sanktionen aber selbst ein großer Markt wegbricht, ist an eine Marktöffnung für die Ukraine nicht zu denken.

Ausland



Derweil vermisst Lissitsa in der Ukraine eine klare Politik: Das Land brauche jetzt ein Investitionsprogramm und einen Plan, welche Rolle die Ukraine für sich in der europäischen Wirtschaft sieht – ob als Agrarland, Outsourcing-Standort oder Dienstleister für Europas IT-Wirtschaft. „Jetzt sind alle bereit, Opfer zu erbringen.“ Tatsächlich leiden aber Investoren in all den genannten Sektoren: Programmierer in Diensten westlicher Unternehmen haben ihre Kapazitäten heruntergefahren, da sie meist im Osten sitzen, wo Krieg herrscht. Autoteile-Lieferanten nutzen zwar die Billiglöhne im Westen, um für VW und Audi zu produzieren – aber immer mehr Auftraggeber betrachten die Ukraine insgesamt als Risikoland und bestellen anderswo, obwohl der Westen vom Krieg nicht betroffen ist.

Einzig Sven Henniger hat gut zu tun – mit Restrukturierungen. Er leitet Ukraine Consulting, ein deutsches Beratungsunternehmen in Kiew, das Steuer- und Rechtsdienstleistungen anbietet. „Viele Kunden ziehen sich zurück oder verkleinern ihr Team“, sagt Henniger. „Aber glauben Sie nicht, dass mir diese Aufgaben Freude machen.“ Schließlich sei er vor sechs Jahren in die Ukraine gekommen, um Investoren beim Markteintritt zu beraten. „Die Ukraine könnte über zehn Jahre um zehn Prozent wachsen wie früher Polen oder Tschechien“, so Henniger – aber nur, wenn die Rechtssicherheit verbessert und die Korruption bekämpft werde. Solange aber im Osten ein Krieg tobt, ist das Land von solch einem Boom Lichtjahre entfernt.

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