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Zweite Amtszeit beginnt Maduro feiert sich, während sein Volk hungert

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Der Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung bleibt nicht ohne Folgen

Selbst für Angehörige der oberen Mittelschicht wird Hunger zu einem ernsthaften Problem. So berichtet Glass von einer befreundeten Stationsärztin, die ihre Kinder nicht mehr zur Schule schickt. Obwohl sie für venezolanische Verhältnisse gut verdient, kann sie sich nicht beides leisten, Nahrungsmittel und Schulutensilien. Andere Bekannte hätten ihre Nahrungszufuhr auf eine Mahlzeit pro Tag beschränkt, um über die Runden zu kommen.

Wer nicht zuvorderst vom Tauschhandel leben kann, ist auf Unterstützung von Freunden und Bekannten aus dem Ausland angewiesen. Der Vorteil: Deren Zuwendungen kommen meist in Dollar, gerne auf ausländische Konten – und sind damit nicht der Hyperinflation unterworfen.

Auch der Staat benötigt dringend Devisen. Wegen der eingebrochenen Ölpreise und der Misswirtschaft nimmt er jedoch kaum noch welche ein – mit desaströsen Folgen. Venezuela muss viele Güter importieren, Nahrungsmittel etwa oder Haushaltsartikel, aber auch Medikamente. Ohne Devisen sind diese Lieferungen weitestgehend zusammengebrochen – und mit ihnen neben der Nahrungsmittel- auch die medizinische Versorgung im Land. Berichten zufolge ist die Zahl der Teenagerschwangerschaften sowie die von Erkrankungen wie HIV in den vergangenen Monaten exponentiell angestiegen.

Der Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung bleibt nicht ohne Folgen. Caracas ist einer mexikanischen Untersuchung zufolge der zweitgefährlichste Ort der Welt, direkt nach Los Cabos in Mexiko, wo die Verhaftung des Drogenbarons El Chapo zu einem Krieg der Drogenkartelle um die Nachfolge geführt hat. Immerhin: 2016 hatte Caracas noch den unrühmlichen Spitzenplatz belegt. „Abends und nachts gehört Caracas den Gangstern“, berichtet Glass, „da verlässt niemand freiwillig sein Haus“.

Noch lassen die meisten Venezolaner sich diese Zustände gefallen, von der Ausreisewelle und Demonstrationen einmal abgesehen. Oder, wie Glass es formuliert: Bislang warteten seine Landsleute „duldsam, auf den Sieg demokratischer Grundwerte setzend, auf ein friedliches und gewaltfreies Ende dieses Albtraums“. Die Frage sei nur, wie lange noch. Umstürze, oft auch blutige, hätten in Lateinamerika schließlich Tradition.

In dem Gastbeitrag, in dem er im Mai um Wähler warb, hatte Maduro noch die Einheit des Landes beschworen und das Bild seines hellen Venezuelas gemalt. „Für mich stehen die Menschen an erster Stelle“, beteuerte er damals. „Für uns bedeutet Wirtschaft Gerechtigkeit und Demokratie bedeutet Schutz.“

Doch jetzt schlägt er ganz andere Töne an. Sollte es Widerstand gegen seine zweite Amtszeit geben, will er hart gegen seine Kritiker vorgehen. „Wir werden nicht die Augen verschließen, wenn gegen uns konspiriert wird“, sagte er am Mittwoch. „Wer auch immer Umsturzpläne hegt, sollte wissen, dass er es mit der Justiz, der Verfassung und der zivil-militärischen Macht zu tun bekommt.“

Scheint, als würde selbst Maduro anerkennen, dass es da draußen doch nur ein Venezuela gibt – und sich fragen, ob es wirklich das Seine sein kann.

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