WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen
Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten der WirtschaftsWoche informieren? Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.wiwo.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten der WirtschaftsWoche auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Wiwo Web Push

Demografie Die Zeitbombe tickt immer lauter

Mehr Rentner, weniger Erwerbsfähige, kaum Nachwuchs - das Statistische Bundesamt zeichnet eine schwierige Zukunft für Deutschland. Abgesehen von den Herstellern von Produkten für Senioren dürften sich die Deutschen über die Bevölkerungsentwicklung wenig freuen.

Nach 2020 wird die Zahl der Alten in Deutschland stark ansteigen. Quelle: dpa Quelle: handelsblatt.com

BERLIN. Die Betreiber von Altenheimen und Hersteller von Treppenliften können sich über die Berechnungen des Statistischen Bundesamtes freuen: Die deutsche Bevölkerung wird immer älter. 2060 wird es fast so viele über 80-Jährige geben wie unter 20-Jährige. Über ein Drittel der Bevölkerung wird 65 Jahre und älter sein, heute liegt dieser Anteil bei 20 Prozent.

Außer den Herstellern von Produkten für Senioren dürften sich die Deutschen über die Entwicklung der Bevölkerung in Deutschland wenig freuen. Besonders die Belastung der Arbeitnehmer durch die Rentenzahlungen wird weiter zunehmen.

Der Anteil der Deutschen im erwerbsfähigen Alter wird von aktuell 61 Prozent auf gerade einmal 50 Prozent im Jahr 2060 zurückgehen. Der sogenannte Altenquotient, also das Verhältnis der Personen im Rentenalter zu 100 Personen im erwerbsfähigen Alter, wird steigen. Aktuell kommen auf 100 Personen im Erwerbsalter 34 Rentner. Im Jahr 2060 werden auf 100 potenziell Erwerbstätige fast doppelt so viele Rentner kommen, nämlich 56 bis 59. Die eine Hälfte der Bevölkerung, die Erbwerbsfähigen, muss zukünftig die andere Hälfte der Bevölkerung - Jugendliche, Kinder und Rentner - mit ihren Einkommen unterstützen.

Gegen diese Überlastung hilft auch die geplante Rente mit 67 wenig. Zwar wäre der Altenquotient mit früherem Renteneintrittsalter noch höher, in absoluten Zahlen betrachtet macht die Erhöhung des Renteneintrittalters allerdings wenig aus. "Eine Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre bedeutet für das Jahr 2060 eine um maximal zwei Millionen höhere Bevölkerung im Erwerbsalter", sagt Roderich Egeler, Präsident des Statistischen Bundesamtes. Laut den Berechnungen müsste das Rentenalter auf Mitte 70 hochgesetzt werden, damit ein annähernd ähnliches Verhältnis von Rentnern zu Erwerbsfähigen besteht wie heute.

Auch Arbeitgeber werden Probleme haben. Der Wettbewerb, gerade um junge Arbeitskräfte, wird steigen. "Eine besonders einschneidende Veränderung der Altersstruktur erwartet die deutsche Wirtschaft zum ersten Mal bereits in zehn Jahren, zwischen 2017 und 2024", so Egeler. In diesem Zeitraum werde die Gruppe der Menschen im erwerbsfähigen Alter jeweils zu 40 Prozent aus 30- bis unter 50-Jährigen und aus 50- bis 65-Jährigen bestehen. Zur Zeit gehören noch fast die Hälfte der Erwerbsfähigen zu den 30- bis unter 50-Jährigen und weniger als ein Drittel zu den 50- bis unter 65-Jährigen.

Weil der Anteil der Alten größer wird, wird auch die Sterblichkeitsrate in Deutschland steigen. Dem stehen zu wenige Geburten gegenüber. Das Statistische Bundesamt nimmt an, dass sich die durchschnittliche Kinderanzahl pro Frau in den kommenden Jahren auf 1,4 einpendeln wird. In den 50er- Jahren lag sie noch bei 2 bis 2,5 Kindern pro Frau.

Im Schnitt werden jedes Jahr 200 000 Menschen zuwandern

Das bereits heute bestehende Ungleichgewicht zwischen Geburten und Todesfällen wird in den kommenden Jahren noch deutlicher werden. Allein im Jahr 2060 werden über 500 000 Menschen mehr sterben, als Kinder geboren werden. Diese sogenannte Geburtendifferenz wird dazu führen, dass die Bevölkerung von heute 82 Millionen auf 65 bis 70 Millionen Menschen im Jahr 2060 schrumpfen wird.

Den Rückgang der Bevölkerung werden auch die jährlich 200 000 Zuwanderer in Deutschland nicht ausgleichen können. Die Zahl von 200 000 Zuwanderern jährlich könne nur als Durchschnittswert interpretiert werden, sagte Egeler, schließlich bestimmten viele Faktoren das Ausmaß der Zuwanderung. Olga Pötzsch, Referentin in der Gruppe "Bevölkerungsentwicklung, Migration, Gebietsgliederung und Rechtspflege" wies auf die zukünftige Bedeutung des Klimawandels für Bevölkerungswanderungen hin. Es sei nicht auszuschließen, dass auch Deutschland davon betroffen sein wird.

Die Statistiker übermittelten jedoch auch gute Nachrichten. So werden Kinder, die 2060 geboren werden, im Durchschnitt sieben bis acht Jahre länger leben als heutige Neugeborene. 2060 wird ein in Deutschland neugeborener Junge eine Lebenserwartung von 85 Jahren haben und ein Mädchen im Durchschnitt 89,2 Jahre leben. Für 2006 bis 2008 geborene Kinder lag die Lebenserwartung noch bei 77,2 bis 82,4 Jahren.

Pflegebedürftigkeit: Jeder Zweite braucht später Hilfe

Immer mehr Alte bedeuten auch immer mehr Pflegebedürftige. Diese Gleichung geht allerdings nach einer aktuellen Studie der Uni Bremen im Auftrag der Gmünder Ersatzkasse nicht mehr eins zu eins auf. Der Grund ist, dass das altersspezifische Risiko, ein Pflegefall zu werden, dank des medizinischen Fortschritts und der Verbesserung der Lebensbedingungen sinkt. Bei den Männern ging es seit 2000 um acht, bei den Frauen um 25 Prozent zurück. Die Menschen leben also nicht nur länger, sie bleiben auch länger gesund.

Gleichwohl muss derzeit noch jeder zweite damit rechnen, im Alter ein Pflegefall zu werden. Damit wird mit zunehmender Alterung der Bevölkerung die Nachfrage nach Pflegeleistungen weiter wachsen. Seit 1999 stiegt die Zahl der Pflegebedürftigen deshalb trotz sinkenden Pflegerisikos um über 230 000 auf 2,4 Millionen.

Sie treffen auf ein sehr unterschiedliches Betreuungsangebot. Die Studie des Wissenschaftlerteams um Heinz Rothgang vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen stellt - trotz einheitlicher Leistungen der Pflegeversicherung - ein deutliches Ost-Westgefälle sowohl beim Leistungsangebot als auch bei den Pflegekosten fest. Während es in Rheinland-Pfalz ein Überangebot an Pflegeheimen gibt, herrscht in Thüringen und Sachsen Unterversorgung. Gleichzeitig ist die stationäre Pflege in den westlichen Bundesländern teurer als in Ostdeutschland.

Ähnliches gilt auch für ambulante Pflegeleistungen. In einigen Bundesländern wird hier für die selbe Leistung ein Vielfaches, von dem in den anderen gezahlt. So liegt die Preisspanne für das Zubereiten einer warmen Mahlzeit zwischen 7,39 Euro in Nordrhein-Westfalen und 20,90 Euro in Baden-Württemberg.

Auffällig auch das Gefälle zwischen Stadt und Land bei der fachärztlichen Versorgung. Dass im ländlichen Raum deutlich häufiger Psychopharmaka verordnet werden, sei, so Rothgang, ein Indiz dafür, dass auf dem Land die Hausärzte mit der Betreuung älterer Menschen überfordert sind und es an der notwendigen fachärztlichen Betreuung fehlt.

Vorübergehende Überkapazitäten

Die Studie bestätigt die Ergebnisse des jüngsten Pflegeratingreports des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung. Danach sind seit den 90er-Jahren vor allem in Westdeutschland mehr Pflegeheimplätze entstanden als derzeit tatsächlich gebraucht werden. Viele Pflegeheime kämpfen deshalb mit roten Zahlen. Langfristig, so das RWI, werde der Bedarf an Pflegeleistungen jedoch weiter wachsen. Das Institut rechnet damit, dass daher der Jahresumsatz der Branche bis 2020 von aktuell rund 27 Mrd. Euro auf 37 Mrd. Euro steigen wird.

Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%