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13,5 Milliarden Euro Ölreserven in Merkels Heimat spalten Politik

Der Wahlbezirk von Kanzlerin Angela Merkel sitzt auf Ölvorkommen. Einst war das Öl streng geheim - nun versprechen Probebohrungen einem der ärmsten Bundesländer einen warmen Regen von 13,5 Milliarden Euro.

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Deutschland importierte 2012 Öl im Wert von fast 60 Milliarden Euro, so Daten des Statistischen Bundesamts. Quelle: dpa

Frankfurt Central European Petroleum GmbH (CEP), ein deutsch-kanadisches Gemeinschaftsunternehmen, verfügt über acht Lizenzen für die Öl-Erkundung in einem Gebiet von mehr als 14.000 Quadratkilometern in Mecklenburg-Vorpommern, wo sich Merkels Wahlbezirk befindet, und in Brandenburg, wo die Kanzlerin ein Wochenendhaus besitzt. Goldman Sachs Group Inc. gehört zu den Investoren, die das Projekt unterstützen.

„Wir haben vier Probebohrungen gemacht und bei allen Öl gefunden“, sagte CEP-Geschäftsführer Thomas Schröter am 10. Juni bei einem Interview in Berlin. „Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Teile von Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg auf Öl schwimmen.“

Die Aussicht auf einen Ölrausch in Merkels Heimatregion rührt an dem Konflikt zwischen der von der Kanzlerin propagierten Energiewende und Klagen der Industrie, dass die Kosten für erneuerbare Energien in Zeiten billigen Schieferöls aus den USA ihre Wettbewerbsfähigkeit verschlechtern. Deutschland importierte 2012 Öl im Wert von fast 60 Milliarden Euro, so Daten des Statistischen Bundesamts.

Auch wenn das Öl Deutschland nicht zu einem zweiten Saudi- Arabien machen dürfte, bedeutet das Best-Case-Szenario von CEP von jährlich rund 500 Millionen Euro für Mecklenburg-Vorpommern Einnahmen von etwa sieben Prozent des Landeshaushalts.

Mit Blick auf die Bundestagswahlen am 22. September heben CDU-Politiker die Beschäftigungseffekte für die Region hervor, die die zweithöchste Arbeitslosenquote und das niedrigste Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland hat. Umweltschützer reagieren dagegen ablehnend auf die Ölförderpläne und verweisen auf die Gefahren für die Tourismusbranche an der Ostseeküste.

„Manche Leute in der Regierung sorgen sich, dass das Öl Mecklenburg-Vorpommerns Tourismus-Image beschädigen könnte, dabei sind wir ein Land mit zu vielen niedrigbezahlten Jobs im Tourismus“, sagt Benno Rüster, CDU-Bürgermeister von Grimmen, das rund 20 Kilometer von der Küste entfernt liegt. „Sehen Sie, wir werden hier keine Mercedes-Fabrik bekommen. Wir brauchen Öl.“

Die Energiewende ist eines der größten Wagnisse der Kanzlerin während ihrer inzwischen acht Jahre im Amt. Nun, da sie zum dritten Mal antreten will, werfen ihr politische Gegner und Branchenverbände vor, die Wende zu verpfuschen und die Stromkosten für Privathaushalte hochzutreiben. Die Strompreise für Verbraucher in Deutschland sind laut Eurostat die dritthöchsten in der EU, übertroffen nur von denen in Dänemark und Zypern.


40 Millionen Barrel Öl

Eine vorläufige CEP-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es in dem vom Unternehmen „Big Barth“ genannten Gebiet von 160 Quadratkilometern nahe der Küste 40 Millionen Barrel Öl geben könnte, die mit konventionellen Mitteln gefördert werden können. Dieses Öl hat Brent-Qualität: „Leichtes, süßes und schwefelarmes Rohöl“, sagt Geologe Schröter, der an Projekten in Texas, Libyen, Kuwait und Venezuela gearbeitet hat. „Das ist mein erstes Projekt in Deutschland, und als ich hierher kam, dachte ich: endlich mal Öl in einer Gegend, die nicht Kriegsgebiet ist.“

CEP, eine hundertprozentige Tochter von Central European Petroleum Ltd. in Calgary, erklärte, man hoffe auf eine endgültige Erlaubnis zur Ölförderung bis 2016. Erste Einschätzungen zeigten, dass sich der gesamtwirtschaftliche Nutzen durch Bohren, Anlagenbau, Unternehmenssteuern und Förderabgaben allein für das Küstengebiet innerhalb der nächsten 25 Jahre auf rund 2,25 Milliarden Euro belaufen würden. Die Summe würde sich für das ganze Bundesland auf 13,5 Milliarden Euro erhöhen, „wenn alle aktuellen Projekte erfolgreich sein sollten“, so Schröter.

Umweltschützer sind von den Argumenten nicht überzeugt. „Die Region ist von Tourismus, Fischerei und nachhaltiger Entwicklung abhängig“, sagte Max von Maltzahn, Koordinator des Greenpeace-Büros im nahen Greifswald, in einem Telefoninterview. „Wenn die Leute hierher kommen, wollen sie keine Bohrtürme sehen.“

Energieunternehmen „sollte es nicht gestattet werden, in die Entwicklung neuer Ölfelder zu investieren“, heißt es in einer Mitteilung von Greenpeace. „Das goldene Zeitalter des Öls ist vorbei, und die Zukunft gehört der erneuerbaren Energie.“

Angesichts geteilter Meinungen über den Nutzen der Ölförderung müsse die Landesregierung von Mecklenburg- Vorpommern, die die CDU als Juniorpartner zusammen mit der SPD stellt, noch eine Position finden, sagte Regierungssprecher Andreas Timm in einem Telefoninterview aus Schwerin. Weiter wollte er sich zum Thema nicht äußern. Auch eine Sprecherin der Bundesregierung in Berlin erklärte per E-Mail, sie könne keine Antwort auf die Frage geben, ob Merkel Ölförderung in ihrem Wahlbezirk unterstützt.

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