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150 Jahre SPD Die SPD feiert ihre Größe von gestern

In Leipzig blickt die SPD stolz auf ihre 150-jährige Geschichte. Doch die Partei flieht vor der Gegenwart: Vor dem gestörten Selbstverständnis nach den Agenda-Jahren und einem Wahlkampf, der perspektivlos daher dümpelt.

Stolz blickt Parteichef Sigmar Gabriel auf die 150-jährige Parteigeschichte der SPD zurück. Quelle: dpa

Sigmar Gabriel hat ein fast untrügliches Gespür für politische Stimmungen, und er hat einen kaum zu bändigenden Hang zur Überhöhung. Der SPD-Parteichef ist der letzte Redner, aber er hat sich offenbar vorgenommen, auch den letzten im Leipziger Gewandhaus von der Bedeutung des Momentes noch einmal persönlich überzeugen zu müssen.

Die SPD könne auf eine einzigartige Leistung zurückblicken, sagt Gabriel, sie könne vor allem stolz sein. Die Partei sei "zum stabilen Anker unseres Landes" geworden. "Die SPD ist seit 150 Jahren das Rückgrat der deutschen Demokratie." Den Kniefall Willy Brandts macht Gabriel gar zur "eindrucksvollsten Handlung der deutschen Geschichte".

Zehn legendäre Sozialdemokraten
Willy Brandt Quelle: AP
Herbert Wehner Quelle: AP
Carlo Schmid Quelle: Bundesarchiv
Kurt Schumacher Quelle: AP
Friedrich Ebert Quelle: Bundesarchiv
Rosa Luxemburg Quelle: gemeinfrei
Karl Liebknecht (1871-1919)Der Sozialismus als Lebensaufgabe war dem dritten Sohn von Wilhelm Liebknecht in die Wiege gelegt. Seine Taufpaten waren Karl Marx und Friedrich Engels. Ab 1900 in den Reichstag gewählt, war der Sohn aber radikaler als sein Vater und gehörte bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu den wenigen Sozialdemokraten, die der kaiserlichen Regierung die Zustimmung verweigerten.  Liebknecht wurde als Kriegsgegner inhaftiert. Nach Kriegsende organisierte er den Spartakus-Aufstand  gegen die SPD-Regierung und wurde dann gemeinsam mit Rosa Luxemburg von Regierungstruppen ermordet.

Nun sind Pathos, Würde, eine gewisse Selbstberauschung und auch brustfüllender Stolz angesichts der Historie der deutschen Sozialdemokratie durchaus angebracht. Und der SPD gelingt in Leipzig - genau anderthalb Jahrhunderte nachdem Ferdinand Lasalle im Wirtshaus Pantheon den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gründete - eine angemessene Feierstunde.

Die Geschichte der SPD

Otto Wels wird gewürdigt, jener Gastwirts-Sohn und Tapezierer, der 1933 zusammen mit seiner Fraktion im Reichstag isoliert gegen das Ermächtigungsgesetz stimmt. Marie Juchacz wird zitiert, die in der Weimarer Republik als erste Frau im Parlament redet. Friedrich Ebert, Willy Brandt, Helmut Schmidt - auch an ihnen richtet sich die Partei auf.

Und doch liegt über all dem Glanz ein ernüchternder Schleier der Gegenwart, das Schicksal der Opposition, ein gestörtes Selbstverständnis nach den Agenda-Jahren, und zu allem Überfluss ein Wahlkampf, der ziel-, kraft- und perspektivlos daher dümpelt.

Es ist an diesem Tag sehr viel von Freiheit die Rede, Freiheit als Emanzipation der Arbeiterschaft, als Glück der Bildung, als allgemeines Wahlrecht. Aber vielleicht ist in Leipzig auch etwas mehr von Freiheit die Rede, als der SPD von heute lieb sein kann. Denn als Möglichkeit zu etwas spielt sie in der gegenwärtigen Programmatik kaum eine Rolle. Die bestehenden Zustände drängen sich den Genossen zumeist als Zumutungen auf, die es zu bekämpfen gilt.

Vielen Bürgern jedoch geht es offenbar anders, besser nämlich.

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Bundespräsident Joachim Gauck ist es, der ohne Nennung der Agenda 2010 jene "unpopulären Entscheidungen" lobt, die Verantwortung für das ganze Land bewiesen hätten.  Frankreichs Staatspräsident François Hollande würdigt Ex-Kanzler Gerhard Schröder sogar explizit: dank ihm habe Deutschland "die Nase vorn". Dank ihm aber schleppt die SPD auch noch immer ein Reformtrauma mit sich: Das Land hat man vielleicht modernisiert, aber die Macht hat man verloren. Es schwingt die Frage mit: Bekommen wir sie jemals wieder?

Die Sozialdemokraten widerstehen an diesem Tag glücklicherweise der Versuchung, mit ihrer stolzen Geschichte Wahlkampf zu machen. Dass Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in Leipzig aber nur als Randfigur zu besichtigen ist: eigenartig. Sigmar Gabriel sagt in seiner Rede noch, die SPD habe stets vom "Hoffnungsüberschuss" gelebt. Ob das auch noch den Kanzlerkandidaten einschließt?

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