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16. Shell-Jugendstudie Shell versus Sarrazin

Die Shell-Studie bestätigt den seit etlichen Jahren bekannten Befund, dass sich die sozialen Unterschiede in Deutschland verschärfen. Was das mit Thilo Sarrazin zu tun hat. Eine Kolumne von WirtschaftsWoche-Reporter Christopher Schwarz.

Jugendliche verfolgen am Quelle: dpa

Die neue Shell-Jugendstudie 2010 hat nach dem Optimismus der Jugendlichen gefragt.

Die gute Nachricht: Der Anteil der optimistischen Jugendlichen hat sich von 50 Prozent im Jahr 2006 auf 59 Prozent erhöht. Die schlechte Nachricht: Die Zuversicht der Jugendlichen aus "sozial schwachen Haushalten" ist auf 33 Prozent gesunken.

Nur 40 Prozent von ihnen sind "im Allgemeinen" mit ihrem Leben zufrieden. Die Zahlen sähen womöglich anders aus, wenn es um die Bildungs- und Aufstiegschancen von Jugendlichen aus Unterschichten in Deutschland besser stünde.

Doch der Schulabschluss, so die Studie unter der Überschrift "Bildung bleibt der Schlüssel in der Biographie", hängt "so stark wie in keinem anderen Land von der jeweiligen sozialen Herkunft der Jugendlichen ab“. Kein Wunder, dass nur 41 Prozent der Jugendlichen "aus sozial schwierigen Verhältnissen" glauben, ihre beruflichen Wünsche erfüllen zu können.

Die Shell-Studie bestätigt den seit etlichen Jahren bekannten Befund, dass sich die sozialen Unterschiede in Deutschland verschärfen. Zuletzt hat der Historiker Hans-Ulrich Wehler im fünften Band seiner "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" eindrucksvoll dargelegt, mit welch erstaunlicher Kontinuität sich seit Gründung der Bundesrepublik die traditionellen Ungleichheits- und Klassenstrukturen festigen und verstärken konnten.

Von einer Aufstiegsgesellschaft, so Wehler, könne in Deutschland nicht gesprochen werden.

Was das mit Thilo Sarrazin zu tun hat?

Im Gegenteil: Klassen, Schichten und Milieus schotten sich erfolgreich voneinander ab. Die Einkommensverteilung polarisiert die deutsche Gesellschaft - zu ungunsten der Unterschichten, trotz sozialstaatlicher Interventionen: „Zwar hat der Sozialstaat dafür gesorgt, dass die Transferleistungen in absoluter Höhe spürbar zugenommen haben. Doch die Schere zwischen den an der Armutsgrenze lebenden Personen und den Erwerbstätigen mit weiter wachsendem Durchschnittseinkommen hat sich in den selben Jahren kontinuierlich geöffnet, so dass die Armutskluft, der Abstand der verschiedenen Lebensstandards, stetig größer geworden ist.“

Was das mit Thilo Sarrazin zu tun hat? Zu den Pointen seines Bestsellers "Deutschland schafft sich ab" gehört nicht zuletzt die Vermutung, dass der geringe Anteil von Arbeiter- und Unterschichtenkindern in den deutschen Gymnasien und Hochschulen die Folge eines "bereits vollzogenen Aufstiegs" sei.

Bildung, so Sarrazin, führt bei vorausgesetzter Chancengleichheit unvermeidlich zu sozialen Unterschieden – und hinterlässt einen Bodensatz genetisch benachteiligter Menschen, bei dem „das Mantra Bildung, Bildung, Bildung“ nicht mehr weiterhilft.

Das aber widerspricht nicht nur den Befunden Wehlers (der die Integration übrigens auch für gescheitert erklärt), sondern ebenso klassisch-sozialdemokratischer Programmatik, die seit den Tagen der Arbeiterbildungsvereine den Aufstieg durch Bildung gepredigt hat.

Thilo Sarrazin braucht sich also nicht zu wundern, wenn die SPD, der er in der Hochzeit der Bildungsreformen, Anfang der Siebzigerjahre beigetreten ist, ihn jetzt nicht mehr in ihren Reihen dulden will.    

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