WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

20 Jahre Deutsche Einheit: Welke Landschaften, blühende Inseln

Seite 4/4

Studenten bleiben aus

Gründungen

Hinzu kommt, dass der Osten zwar weiterhin mit Zuwendungen des Westens rechnen kann, nicht aber mit dessen Zuwendung. Die Bereitschaft, den Blick nach Osten zu richten, ist ausgerechnet unter Studenten besonders gering. Der Abiturient aus dem Westen, der seine akademische Zukunft im Osten sucht, ist ein „Randphänomen“, heißt es bei den Wissenschaftlern des Hochschul-Informations-Systems, aber man kann es auch drastischer ausdrücken: In den Köpfen der 18-Jährigen steht die Mauer noch. Gerade einmal neun Prozent der West-Abiturienten können sich Ostdeutschland (ohne Berlin) überhaupt als Studienort vorstellen. Und nicht einmal fünf Prozent schreiben sich am Ende tatsächlich in Greifswald, Rostock oder Frankfurt/Oder ein.

Das Desinteresse ist ein Verlust für beide Seiten. Alleine zwischen 1991 und 2000 wurden 126 Milliarden Euro investiert, um sozialistische Kaderschmieden in die wissenschaftliche Marktwirtschaft zu überführen. Der Gegenwert von fast 60 Exzellenzinitiativen bildet heute die sehens- wie lebenswerte Substanz des gelehrten Ostens. Als das Centrum für Hochschulentwicklung zuletzt Studierende nach ihrer Meinung über Bibliotheken, Laborausstattung und Mensen fragte, rangierten nicht die südwestdeutschen Bildungshochburgen vorne.

Stattdessen auf Platz eins bis vier: Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Die Vorzüge dort – geringere Lebenshaltungskosten, kleine Mieten, intensive Betreuung, moderne Ausstattung – sind deutschlandweit bekannt. Allein an Wessi-Arroganz und Imageproblemen haben sie kaum etwas ändern können.

Florian Wendt hat daher bereits vor sechs Jahren begonnen, die Leimrute auszuwerfen – so nennt er das, wenn er als Geschäftsführer von ACTech, einem hoch spezialisierten Metallbetrieb mit 300 Mitarbeitern im sächsischen Freiberg, mal wieder zur Schule oder zur Uni geht. Wendt hat es auf die neunten Klassen abgesehen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Er möchte Jugendlichen eine Ausbildung zum Facharbeiter schmackhaft machen und preist die Karrierechancen in seinem jungen Unternehmen. Zwei-, dreimal im Jahr geht er auch an die Bergakademie, die örtliche Universität, hält eine Vorlesung und wirbt um Ingenieure, lockt sie mit kostenlosen Kita-Plätzen, mit hübschen preiswerten Wohnungen und Aufstiegschancen in seinem kleinen Unternehmen – gerade so, als sei er Immobilienmakler, Stadtwerber und Personalchef in einer Person.

    Wendt ist in Freiberg ein Vorbild. Er hat die Firma nach der Wende aus dem Nichts aufgebaut, er wohnt im Ort, will bleiben, wachsen, investieren. Doch die Abwanderung der Qualifizierten (rund 1,5 Millionen Ostdeutsche haben ihrer Heimat dauerhaft den Rücken gekehrt) und der Geburtenknick zu Beginn der Neunzigerjahre, als die Ungewissheit im Osten groß war und der Kinderwunsch in vielen Familien vertagt wurde, beschäftigt Wendt heute fast noch stärker als die Wirtschaftskrise. „Der Arbeitsmarkt ist wie leer gefegt“, sagt er und: „Ich hoffe, dass wir die nächsten 15 Jahre irgendwie überstehen, dass wir Abwanderung und Arbeitslosigkeit hinter uns lassen, dass das Lohnniveau sich weiter angleicht, dass wir als Arbeitgeber attraktiver werden – und dass wir es dann endlich geschafft haben.“

    Bis dahin ist es ein weiter Weg – und aus Sicht der Unternehmen steht der ostdeutschen Wirtschaft die vielleicht schwierigste Strecke unmittelbar bevor. Nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) gab es voriges Jahr in Leipzig nur noch 5000 Jugendliche, die eine Lehrstelle suchten; fünf Jahre zuvor waren es noch doppelt so viele. Vor allem in ländlichen Gebieten gebe es kaum mehr genügend Bewerber – die Lage sei „hochdramatisch“, sagt Christiane Dienel vom Forschungsinstitut Nexus, der Druck enorm, der derzeit auf dem Management der ostdeutschen Betriebe laste.

    Immerhin, so Dienel: Die Firmen, die in den nächsten 20 Jahren durchkommen, werden 2030 gesamtdeutsche Avantgarde sein. Weiterbildung, Qualifizierung, Umschulung, eine hohe Frauenerwerbsquote – wo diese Fragen existenziell seien, dort würden sie auch beantwortet. 

    Inhalt
    Artikel auf einer Seite lesen
    Zur Startseite
    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%