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20 Jahre Mauerfall Deutschland einig Flickenteppich

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Ehepaar Mieth: Günther Mieth, 80, und seine Frau Margarete: Ost-West-Odyssee mit Endstation Detmold Quelle: Johann Sebastian Hänel für WirtschaftsWoche

Margarete und Günter Mieth sind bereits vor 16 Jahren nach Detmold gezogen. Die beiden Rentner haben sich 1951 in Erlangen kennengelernt, drei Jahre später zog es sie nach Ostdeutschland; „wir hatten das Gefühl, dort gebraucht zu werden“. Vier Jahrzehnte arbeitete der Pfarrer mit seiner Frau gegen Kommunismus und Atheismus an, in Plauen, Zittau, Flöha, Dresden, zuletzt als Superintendent in Zwickau. Nie sind die Mieths in der DDR zur „Wahl“ gegangen, stets haben sie versucht, ihren drei Töchtern ein aufrechtes Vorbild zu sein, sie gelehrt, ein gerades Leben zu leben, ohne Jugendweihe, Halstuch, SED-Rhetorik.

Die Mieths waren das, was die Stasi einen „operativen Vorgang“ nannte, Deckname Geier, „vielleicht meiner ausgeprägten Nase wegen“, sagt Günter Mieth. Hätten die Mieths nicht gewusst, dass sie in höherem Auftrag in Sachsen sind – „wer weiß, vielleicht hätten wir es nicht durchgestanden“. Ständig wurde Günter Mieth in „dienstlichen Obliegenheiten“ zum Kreisratsvorsitzenden zitiert; die Älteste durfte kein Abitur machen, nicht studieren, musste sich mit einer Ausbildung zur Krankenschwester begnügen; „sie hat uns nie einen Vorwurf gemacht“. Nach der Wende haben die Mieths in Zwickau Runde Tische organisiert, die Stadtmission aufbauen geholfen, ein Altersheim, ein christliches Gymnasium. Zwei Tage nach seinem 65. Geburtstag aber sind sie nach Detmold gezogen, der Nähe zu Brüdern, Schwestern und Schwager wegen, vor allem aber, weil Detmold Detmold ist, sagen die Mieths: „Nach zwei Urlaubswochen auf Probe war klar: Das ist es.“

Das Ehepaar Klein: Michael Klein, 68, und seine Frau Eva Maria, 68: Ost-West-Odyssee mit Endstation Weimar Quelle: Johann Sebastian Hänel für WirtschaftsWoche

Eva Maria und Michael Klein sind den umgekehrten Weg gegangen. Vor fünfeinhalb Jahren zogen die beiden zurück in ihre Heimat, nach Weimar, in eine Stadt, „aus der man nicht verreisen muss, um etwas zu erleben“, sagt Michael Klein. Das kulturelle Angebot in Goethes bester aller Welten sei "schlicht phänomenal", bezogen auf die Einwohnerzahl sogar größer als in Berlin oder München, da seien das Nationaltheater und die Staatskapelle, beinahe täglich Gastspiele internationaler Stars und natürlich das alljährliche Kunstfest. Die Kleins bewohnen eine traumhaft geschnittene Altbauwohnung mit herrlichen Stilmöbeln, 160 Quadratmeter für 800 Euro kalt, fünf Gehminuten nur von Altstadt und Goethepark entfernt. Eva Maria malt, Michael spielt Klavier und Saxofon, beide pflegen sie ihr Latein oder widmen sich Bach-Kantaten – es ist  vielleicht ihr schönstes, ihr viertes Leben.

Das erste Leben der Kleins war Bildung, Arbeit und Erfolg. 1965 haben sie geheiratet, sie Ärztin, er katholischer Theologe; sie gründeten eine Familie mit drei Kindern, konzentrierten sich danach beide auf den Arztberuf, sie als Allgemeinmedizinerin, er als Facharzt für Inneres. Am 10. Dezember 1979 setzten die Kleins ihrem Erfolg selbst ein Ende, sie stellten einen Ausreiseantrag – und darin die „Erziehung unserer Kinder zu Intoleranz und Unduldsamkeit“ infrage. Fünf Jahre stellten sich die Kleins danach den Schikanen der Kollegen und Behörden; es war ihr zweites, ihr kürzestes, ihr hässlichstes Leben.

Am 22. Februar 1984 endlich durften sie ausreisen, es verschlug sie nach Bitburg in der Eifel, wo sie beruflich so erfolgreich waren wie ehedem, wo sie aber nie heimisch wurden. Bitburg war zu klein, zu eng, zu desinteressiert, „wir wohnten in Bitburg, weil wir in Bitburg Arbeit hatten“. Niemand soll den Kleins was von den Vorzügen Westdeutschlands erzählen, der nicht die „beschämende Armut“ in Eifeldörfern kennt. Und niemand soll ihnen was vorjammern im Osten, der nicht das Weimar vor und nach der Wende kennt. Am 18. Mai 2004, Punkt elf Uhr, waren sie zurück in ihrer Heimatstadt. Sie schlossen Frieden mit ihren drei bewegten Leben. Sie spürten Ruhe und Dankbarkeit. Und sie wussten: Jetzt ist es gut.

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