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20 Jahre Mauerfall Zwei Billionen für den Osten

Seite 2/5

Zukunftsforscher Horst Quelle: dpa/dpaweb

Heute herrscht zumindest in einer Frage Klarheit: Das Megaprojekt der deutschen Einheit ist nicht nur beispiellos, sondern auch beispiellos teuer. Sozialtransfers sowie der Aufbau der ostdeutschen Wirtschaft und Infrastruktur haben eine gigantische Summe verschlungen. „Zwei Billionen Euro brutto werden von 1990 bis Ende dieses Jahres in die neuen Länder geflossen sein“, schätzt Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbunds SED-Staat an der Freien Universität Berlin. Abzüglich der Rückflüsse in Form von transferbedingten Steuereinnahmen und Sozialbeiträgen bleibt laut Schroeder immer noch ein Kostenblock von 1,6 Billionen Euro. Damit sind die Nettokosten der Einheit etwa so hoch wie der gesamtdeutsche Schuldenberg von Bund, Ländern und Gemeinden.

Die astronomische Summe hat dem Osten ohne Zweifel bei seiner wirtschaftlichen Aufholjagd geholfen. Der Wohlstand der Ostdeutschen ist explodiert, die Infrastruktur heute mancherorts moderner als im Westen. Während die Werktätigen der Ostzone 1989 etwa für ein Kilo Kaffee mehr als elf Stunden schuften mussten (sofern es ihn gab), brauchten Westler damals für die gleiche Menge nur knapp eine Arbeitsstunde. Ein gutes Jahrzehnt später mussten die Bürger des wiedervereinigten Deutschlands dem Kaffeegenuss nur noch einen halben Stundenlohn opfern.

Rund ein Drittel der Ostdeutschen hält sich für arm

Doch macht der neu gewonnene Reichtum alle glücklich? „Er weckt vor allem neue Ansprüche“, sagt Horst Opaschowski von der Stiftung für Zukunftsfragen. Der Forscher hatte 1990, wenige Monate vor der Wiedervereinigung, DDR-Bürger befragt, ob sie sich für arm halten. Nur sechs Prozent antworteten mit ja. Seitdem ist Opaschowski zufolge der Anteil der Ostdeutschen, die unter gefühlter Armut leiden, auf ein Drittel gestiegen – trotz des höheren Wohlstands. Andererseits haben die Ostbürger mittlerweile offenbar an Lebenslust gewonnen: Die extrem hohe Selbstmordrate in der DDR war berüchtigt – in manchen Jahren doppelt so hoch wie die der Bundesrepublik. Doch nach der Einheit sank die ostdeutsche Suizidquote schnell auf das im Westen übliche Niveau.

Schwer aber tut sich das vereinigte Land mit der Angleichung der Wirtschaftskraft. Trotz der gewaltigen Transfers leiden die neuen Länder unter hoher Arbeitslosigkeit und verfügen über nur wenige international wettbewerbsfähige Industrieunternehmen; die Exportquote liegt bei 33 Prozent, weit unter der des Westens von 46 Prozent. Ein zentrales Problem ist die kleinteilige Wirtschaftsstruktur. „Es gibt im Osten kaum große, expansionsfähige Mittelständler – und keine einzige Konzernzentrale“, sagt Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle. „Wenn in einer Region überwiegend verlängerte Werkbänke stehen, fehlt es an nachhaltigen Jobs und Innovationskraft“, so Blum.

Aufbaus Ost sorgt für Überangebot an Biosprit

Wachsender Wohlstand: Bruttoinlandsprodukt pro Kopf

Gleichwohl haben die üppigen Geldspritzen neue Branchencluster im Osten entstehen lassen, vor allem im Bereich der erneuerbaren Energien. Beispiel Biosprit: In den vergangenen zehn Jahren zogen Investoren in den neuen Ländern eine Reihe von Produktionsanlagen hoch, in denen sie aus Mais, Weizen oder Raps Kraftstoff herstellen. Ihre Neubauten ließen sie mit Ostfördermitteln sponsern. Sie rechneten auch damit, dass die EU die Erdölkonzerne per Gesetz zwingen würde, Benzin und Diesel mit Biosprit zu mischen. Das geschah tatsächlich.

Auf diesen Zug sprang auch der heute 43-jährige Claus Sauter, Chef des Pflanzendieselherstellers Verbio. Mit seinem Bruder Bernd hatte der Biobaron den familieneigenen Landwirtschaftshandel in Obenhausen bei Neu-Ulm übernommen. 2001 baute er die erste Ölmühle, fünf Jahre später brachte er die Vereinigte Bioenergie an die Börse – Firmensitz: Zörbig in Sachsen-Anhalt.

Im Oktober 2006 sammelte Verbio für 29 Prozent der Aktien 264 Millionen Euro ein, ermöglicht auch durch üppige Hilfen für den Aufbau Ost. Bis zum Debüt auf dem Frankfurter Parkett hatte das Unternehmen 55 Millionen Euro öffentlicher Fördermittel nach dem Investitionszulagengesetz erhalten, wie der Börsenprospekt verriet. Doch heute, drei Jahre danach, sind die Aktien weniger als 120 Millionen Euro wert. Grund sind die gestiegenen Getreide- und Rapspreise, vor allem aber das Überangebot an Biosprit, zu dem der Aufbau Ost gehörig beigetragen hat. Neben Verbio operieren auch die Konkurrenten Biopetrol und Cropenergies in den neuen Ländern.

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