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20 Jahre Mauerfall Zwei Billionen für den Osten

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BMW-Werk in Leipzig: Heute Quelle: dpa

300 Kilometer östlich von Eisenach liegt das zweite große Zentrum der ostdeutschen Autoindustrie. Sachsen war schon vor 100 Jahren eine Hochburg des Fahrzeugbaus; in Zwickau wurden von 1957 bis 1991 drei Millionen Exemplare des legendären Trabants gefertigt. Heute produzieren in Sachsen 73 Autohersteller und -zulieferer. In den VW-Werken in Zwickau, Chemnitz und Dresden, bei Porsche und BMW in Leipzig, beim Bushersteller Neoplan in Plauen und den vielen Zulieferern arbeiten über 23.000 Menschen – ein Plus von 8000 Arbeitsplätzen in zehn Jahren. Der Gesamtumsatz der sächsischen Autoindustrie stieg gleichzeitig um über 160 Prozent auf rund zwölf Milliarden Euro. Doch dieses Wachstum hatte seinen Preis: Mit 947 Millionen Euro aus der Wirtschaftsstrukturförderung wurden die Unternehmen seit 1990 subventioniert, hinzu kamen 186 Millionen Euro Technologieförderung.

Aufbauhilfen für die Chipbranche haben sich rentiert

Ebenfalls stark subventioniert haben die Sachsen ihre Halbleiterindustrie. Obwohl mit dem insolventen Speicherchiphersteller Qimonda gerade einer der Leuchttürme des „Silicon Saxony“ eingestürzt ist, haben sich die Aufbauhilfen für die Chipbranche rentiert. Da dem Freistaat immer wieder vorgeworfen wurde, zu viel Geld in die Dresdener Standorte gepumpt zu haben, bestellten die sächsischen Politiker schon 2002 beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ein Gutachten.

Das Ergebnis war ermutigend: Die Steuereinnahmen in der Gesamtrechnung ab 1994 würden 2006 erstmals die Summe der überwiesenen Fördermittel übersteigen, errechneten die Forscher. Seit 1994 hatte der Staat den Halbleiterstandort mit 1,2 Milliarden Euro gefördert. Berücksichtige man außerdem, dass die Sozialversicherung Geld spart, wenn weniger Menschen arbeitslos sind, hätten sich die staatlichen Mittel der Berechnung zufolge schon 2003 rentiert. Forscher von Prognos aus Basel ermittelten auch für die zwischen 2002 und 2008 gezahlten Subventionen einen positiven Saldo. Den 1,7 Milliarden Euro Hilfen für die Halbleiterhersteller standen 3 Milliarden Euro gegenüber, die der Staat in Form von Sozialversicherungsbeiträgen, Körperschaft-, Lohn-, Gewerbe- und anderen Steuern eingenommen oder gespart hat.

"Silicon Saxony" sorgt weiter für Innovationen

Bruttolöhne/-gehälter je Arbeitnehmer im Vergleich

Nach der Wende hatten die Sachsen große Hoffnungen in die Mikroelektronik gesetzt. Fachkräfte gab es reichlich, weil zu DDR-Zeiten der Robotron-Konzern in Dresden an Computerchips bastelte. Der Westpolitiker Kurt Biedenkopf (CDU), erster Ministerpräsident des wiedergegründeten Freistaates, wollte gezielt an die vorhandenen industriellen Strukturen anknüpfen, um den Anschluss zum Westen zu schaffen. Die Dresdner Mikroelektronik wurde darum neben der Automobilbranche besonders gefördert.

Fragen müssen sich die Offiziellen in Sachsen allerdings, ob die Hilfen überall sinnvoll waren – etwa bei Qimonda. Speicherchips sind ein weitgehend standardisiertes Massenprodukt, das kaum Rückkopplungen zur lokalen Industrie hat – anders als beispielsweise Halbleiterbauteile für Autos und Industrieanlagen, wie sie Infineon fertigt. Zudem liegen bei den Speicherchips asiatische Länder weltweit vorne, und besonders die Regierungen in Taiwan und Südkorea zahlen ihren Unternehmen so hohe Subventionen, dass Sachsen nicht mithalten konnte.

Zu DDR-Zeiten beschäftigte die Chipindustrie in Dresden rund 3000 Mitarbeiter, im 40 Kilometer entfernten Freiberg 1600. Heute, rund drei Milliarden Euro Fördermittel später, sind es 5000 in Dresden und 2500 in Freiberg. Zudem lockt „Silicon Saxony“ weiter Hersteller an. Zum Beispiel Plastic Logic, eine Ausgründung der Universität Cambridge: Das Unternehmen will 2010 ein einzigartiges Lesegerät für E-Books auf den Markt bringen, das anders als die Geräte der Konkurrenz ein flexibles Display hat. Produzieren werden die Briten das Gerät in einem neuen Werk in Dresden.

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