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20 Jahre Mauerfall Zwei Billionen für den Osten

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Uhrenherstellung in Quelle: dpa/dpaweb

Die Uhrenhersteller in Glashütte bekamen laut Sächsischer Aufbaubank (SAB) 15,4 Millionen Euro aus dem Fördertopf „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ und 1,2 Millionen Euro „Technologieförderung“. Hinzu kamen 1,4 Millionen Hochwasserhilfen, nachdem sich 2002 die kleine Müglitz als reißender Strom durch die Gebäude der Luxusuhrenbauer gewälzt hatte. Insgesamt sind das 18 Millionen Euro. Nimmt man an, dass ein Beschäftigter in der Branche im Durchschnitt 6000 Euro Lohnsteuer im Jahr zahlt, haben allein die 1000 Mitarbeiter der Uhrenindustrie in Glashütte nach drei Jahren die Summe wieder eingebracht. Nomos-Chef Uwe Ahrendt weiß die Subventionen zu schätzen, sagt aber auch: „Mit seinem Nimbus als Mekka der Feinuhrmacherei hätte es Glashütte vielleicht auch ohne Staatshilfen geschafft.“

Deutlich weniger erfolgreich als der Süden der Ex-DDR steht Mecklenburg-Vorpommern da. Dem Land gelang es nach der Wende nicht, an die alte Schiffbautradition anzuknüpfen. Rund 51.600 Mitarbeiter beschäftigte Ostdeutschlands maritime Wirtschaft im Sommer 1990, heute sind es noch 12.500, davon fast 4000 auf den fünf großen Werften an der Ostsee. In der Produktivität erreichten die ostdeutschen Schiffbauer zur Zeit der Wende nur 60 Prozent des Westniveaus. Dennoch bescheinigte ihnen die staatliche KfW Bankengruppe 1990 „Überlebensfähigkeit“: In drei bis vier Jahren seien sie so leistungsfähig wie die westdeutsche Konkurrenz. Rund zwei Milliarden Euro flossen seither an Staatshilfen in den ostdeutschen Schiffbau.

Ostdeutscher Schiffbau leidet Not

Not leidet er trotzdem. Das liegt nicht nur an der Wirtschaftskrise, die auch westdeutsche Werften trifft. Politische Fehlentscheidungen und Missmanagement sind greifbar. Jeder neue Investor reichte die ostdeutschen Schiffbauunternehmen schnell an den nächsten weiter, um das Risiko wieder los zu werden.

Nach der Wiedervereinigung bündelte die Treuhand die Werften zunächst in der staatseigenen Deutschen Maschinen- und Schiffbau AG (DMS), verkaufte sie aber später einzeln. Das Interesse an ihnen war gering. Der Bremer Werftenverbund Vulkan übernahm 1992 die Betriebe in Wismar und Stralsund. Eine Privatisierung der besonderen Art, denn größter Vulkan-Aktionär war das Land Bremen, das so seinen wichtigsten industriellen Arbeitgeber stärken wollte. Doch der Plan misslang. 1995 warfen Betriebsräte der Osttöchter der Bremer Konzernzentrale vor, sie habe Fördergeld für die Ostwerften zweckentfremdet und in ihre Westbetriebe geleitet. 1996 brach Vulkan zusammen, der Bund nahm die beiden Ostwerften zurück und verkaufte sie erneut.

Krise bremst Innovationsbereitschaft

Arbeitslosenquote Ost/West im Vergleich

Der vorerst letzte Retter erschien im August dieses Jahres: Dreieinhalb Stunden lang erläuterte Witalij Jussufow im Wismarer Chefbüro der Nordic-Yards-Werft ausführlich seine Pläne. Das Programm des 29-jährigen Russen: Spezialschiffe statt Containerfrachter, Zubehör für Offshore-Projekte und Kooperationen mit russischen Unternehmen. Neue Aufträge kann er aber noch nicht .

Langfristig helfen wird Mecklenburg-Vorpommern wie dem gesamten Osten nur ein Technologiesprung. Doch in Sachen Innovation hat die ostdeutsche Wirtschaft Probleme. Auch die Autoindustrie: Nach einer Studie des Interessenverbands Automotive Cluster Ostdeutschland (ACOD), die am 2. November in Leipzig vorgestellt wird, hat durch die Krise die Investitionsbereitschaft der Unternehmen deutlich abgenommen. Nur 13 Prozent planen 2010 höhere Investitionen, 23 Prozent wollen weniger investieren. Die größten Defizite zeigen sich jedoch in der Forschung: Nur ein Viertel der Unternehmen hat in den letzten drei Jahren wenigstens ein Patent angemeldet. Mit 2,7 Prozent des Umsatzes investieren ostdeutsche Autofirmen außerdem nur halb so viel in Forschung und Entwicklung wie die westdeutsche Autoindustrie.

Ob dagegen erneuerbare Energien oder Biotechnologie den ostdeutschen Bundesländern zu einem nachhaltigen Aufschwung verhelfen, wird sich zeigen. Mit Zeppelinen und Spaßbädern hat es jedenfalls noch nicht geklappt.

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