25 Jahre Einheit Deutschland wächst zusammen

Wie tickt Deutschland 25 Jahre nach der Wende? Eine Studie fand heraus: Ein Großteil Deutschen bewertet die Wiedervereinigung als Erfolgsgeschichte – auch wenn einiges noch besser laufen könnte.

Im geteilten Deutschland entschied sich der Kampf der gegensätzlichen Systeme. Quelle: dpa

Deutschland, einig Vaterland? Vergangenes Jahr feierte Berlin den Fall der Mauer, im Oktober jährt sich die Wiedervereinigung zum 25. Mal. Doch trotz aller Feierlichkeiten hinkt Ostdeutschland in vielen Bereichen noch hinterher und die Westdeutschen schimpfen über den Solidaritätszuschlag. Es stellt sich die Frage: Sind die Deutschen zufrieden mit der Wiedervereinigung?

Ja, das sind sie, sagt eine Studie des Zentrums für Sozialforschung Halle im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums: Vier Fünftel der Deutschen sehen das Ende der Teilung als vorteilhaft. „Die Studie liefert klare Belege dafür, dass Ost und West seit der Wiedervereinigung im Sinne Willy Brandts zusammenwachsen“, sagt die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke, es bleibe aber natürlich noch viel zu tun. Und auch viele der Befragten glauben, dass einiges noch falsch läuft im wiedervereinigten Deutschland.

Akteure der Wende - gestern und heute
Günter SchabowskiEin ernstes Gesicht macht Günter Schabowski auf der legendären Pressekonferenz: Der SED-Funktionär hatte fast beiläufig die Öffnung der Mauer verkündet. Nach dem Untergang der DDR brach er mit seiner Vergangenheit und bekannte sich zu moralischer Schuld. Heute ist der 85-Jährige schwer krank. „Mein Mann ist sehr, sehr geschwächt“, sagt seine Frau Irina Schabowski. Die Familie wollte an diesem 9. November zusammen sein und an den „sehr bewegenden Tag“ vor 25 Jahren denken. Quelle: dpa
Riccardo EhrmannDer Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur Ansa stellte Schabowski damals am 9. November die Frage, die die Welt veränderte: die nach dem Reisegesetz. Heute lebt der 84-Jährige mit seiner Frau in Madrid, wo auch seine letzte Station als Korrespondent war. Zum Mauerfall ist er diesmal nicht nach Berlin gekommen, die Ereignisse beschäftigten ihn aber immer noch. „Selbstverständlich!“, sagt er. „Das war keine kleine Sache.“ Quelle: dpa
Hans ModrowDer letzte DDR-Ministerpräsident aus den Reihen der SED hat sich schon vor Jahren aus der aktiven Politik zurückgezogen. 1989 galt er als Hoffnungsträger, im Oktober 1990 zog er für die PDS in den Bundestag ein, 1999 für die Linke ins Europaparlament. Seit 2004 hat er kein Parlamentsamt mehr. Trotzdem hat der 86-Jährige immer noch alle Hände voll zu tun. Als Vorsitzender des Ältestenrates der Linken geht er jeden Tag in sein Büro in der Parteizentrale in Berlin-Mitte. Zuletzt war er in Brasilien. Sein großer Traum? Eine Reise nach Indien. Quelle: dpa
Egon KrenzDer SED-Politiker, nach dem Sturz Erich Honeckers Mitte Oktober 1989 einige Wochen Staats- und Parteichef, wurde 1997 wegen der Mauertoten zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt. Heute lebt der 77-Jährige als Rentner im Ostseebad Dierhagen. Im dpa-Gespräch weist er darauf hin, dass er sich schon 1997 bei DDR-Bürgern entschuldigt habe, denen Unrecht angetan wurde. „Ich kenne aber leider auf der ganzen Welt keinen Staat, in dem es nicht auch Unrecht gibt.“ Quelle: dpa
Walter MomperDer damalige Regierende Bürgermeister von Berlin ist als Mann mit dem roten Schal in Erinnerung geblieben. Der SPD-Mann stand am 9. November 1989 genauso glücklich wie die Menschen um ihn herum am Grenzübergang Invalidenstraße. Nur nicht ganz so überrascht. Denn Schabowski hatte ihm schon Ende Oktober gesagt, dass die DDR Reisefreiheit gewähren werde. Momper zog sich 2011 aus der aktiven Politik zurück. Heute arbeitet der 69-Jährige noch immer in seiner Firma, die Grundstücke bis zur Baugenehmigung entwickelt. Quelle: dpa
Margot HoneckerDie langjährige Ministerin für Volksbildung der DDR lebt seit 1992 in Chile, wo auch ihre Tochter Sonja wohnt, die in der DDR einen Exil-Chilenen geheiratet hatte. Nach Einstellung seines Prozesses war ihr der schwer kranke Erich Honecker Anfang 1993 gefolgt. Er starb im Mai 1994. Die 87-Jährige lebt in Santiago im grünen Vorort La Reina, zu ihren Nachbarn zählt auch Staatschefin Michelle Bachelet, die einst in der DDR im Exil lebte. Margot Honecker pflegt zwar noch Kontakte zu ehemaligen Führungskräften der Kommunistischen Partei des Landes, lebt aber sehr zurückgezogen. Quelle: dpa

Vor allem die Bedingungen für soziale Gerechtigkeit, soziale Absicherung und den sozialen Zusammenhalt hätten sich nach 1990 verschlechtert, darin sind sich Ost- und Westdeutsche einig. Auch das Gesundheitswesen und der Schutz vor Verbrechen seien vor der Wende besser gewesen.

Doch trotzdem überwiegen für die meisten der Befragten die positiven Folgen des vereinigten Landes: 77 Prozent der Ostdeutschen sagen, persönlich von der Wende profitiert zu haben. So sehen das auch rund zwei Drittel der Westdeutschen.

 Die DDR kommt bei der Befragung eher schlecht weg: 70 Prozent der Ostdeutschen sind überzeugt, dass die DDR eine Diktatur war. Mit dem Begriff „Unrechtsstaat“ tun sich trotzdem immer noch viele schwer – nur knapp die Hälfte der Befragten aus den neuen Ländern teilt diese Bewertung.

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Bedenklich ist, dass viele Ostdeutsche in der Bundesrepublik nicht ihre politische Heimat sehen: Nur die Hälfte der Befragten aus den neuen Ländern fühlt sich im wiedervereinigten Deutschland „politisch zu Hause“, gegenüber drei Vierteln der Westdeutschen. Diese Einschätzung ist jedoch sozialisationsbedingt, wie ein Blick auf die Gruppe der 14- bis 29-Jährigen zeigt: Bei ihnen Meinungsbild mit 65 Prozent im Osten und 64 Prozent im Westen fast identisch.  „Hier hat ganz offenkundig der Generationenwechsel eine Annäherung der Einstellungen bewirkt“, sagt Ostbeauftragte Gleicke.

Auch bei der Bewertung der DDR sind sich die Jungen einig: Sie sehen das realsozialistische Strukturmodell kritischer als der Durchschnitt und das wiedervereinigte Deutschland positiver als die Alten. Die Wiedervereinigung wird also nicht nur als Erfolgsgeschichte gesehen - sie ist auch in den Köpfen der jungen Menschen angekommen.

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