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25 Jahre Wiedervereinigung Der Osten ist kein blühendes Reservat

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Im Osten herrscht Stillstand

Eine Zeit lang hat die Wirtschaft im Osten stetig schneller zugenommen als im Westen. Seit einigen Jahren aber ist damit Schluss, der Osten holt nicht mehr auf, trotz aller Geldinjektionen. Müssen wir uns mit diesen Unterschieden endgültig abfinden?

Ragnitz: Sie können das Fragezeichen weglassen: Berlin hat sich damit abgefunden, dass große Teile Ostdeutschlands auf lange Sicht strukturschwach bleiben werden. Ebenso wie der Hunsrück oder der Bayerische Wald, nur eben auf noch bescheidenerem Niveau. Es gibt nun mal keine Dax-Konzerne im Osten, und erschaffen kann man sie mit dem politischen Zauberstab auch nicht. Wirtschaftspolitik kann solche Entwicklungen in Maßen forcieren, auch die demografische Entwicklung können wir versuchen zu beeinflussen. Aber die ganze Richtung verändern, das kann Politik nicht. Deshalb: Der Osten hat 25 Jahre Welpenschutz genossen, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, selbstständig zu werden.

Hillenbrand: Es ist ja auch nicht so, dass sich die Wirtschaft aus dem Westen hier nicht engagiert hätte. Aus Baden-Württemberg heraus hat es beispielsweise viele Ansiedlungen im Osten gegeben. Da ist im Stillen sehr viel passiert.

Woran mangelt es ganz konkret? Warum kann der Osten diese Dynamik selbst noch nicht entfachen?

Ragnitz: Das mag vage klingen, aber ich glaube tatsächlich, dass viele ostdeutsche Unternehmer ein Coaching bräuchten, das ihnen den Willen vermittelt, zu wachsen. Man hat sich hier jahrelang auf Förderperioden und Insolvenzvermeidung konzentriert, da ist vielen der Gedanke an Wachstum und Risiko verloren gegangen.

Schulze: Interessant, dass Sie das überhaupt als Problem betrachten. Warum stellen wir eigentlich nicht andere Fragen: Wollen wir überhaupt wachsen? Und wenn ja, wie? Der Osten muss nicht jeden Westfetisch übernehmen.

Dulig: Die Beobachtung stimmt aber zweifellos, Herr Ragnitz hat da einen Punkt. Ich beobachte immer wieder, dass Unternehmer, die ein tolles Produkt haben, sagen: Mir geht es doch gut in meiner Nische, warum soll ich denn immer größer werden? Diese Mentalität ist hier tatsächlich weiter verbreitet als im Westen. Vielleicht steckt darin die Angst, etwas zu verlieren, was man sich gerade erst aufgebaut hat.

Hillenbrand: Ich merke das ja an mir selbst, obwohl ich aus dem Westen bin. Wir sind in wenigen Jahren sehr schnell gewachsen, von drei Mitarbeitern auf fast 80. Und je größer sie werden, desto mehr müssen sie sich mit Dingen beschäftigen, die gar nichts mit ihrem Produkt zu tun haben. Besteuerung, Zulassungen und so weiter, sie entfremden sich von ihren Ursprüngen, wenn sie nicht gegensteuern. Ich habe dafür also ein gewisses Verständnis. Immerhin ist hier in Sachsen die Hochachtung für kleine, bewegliche, kreative Unternehmen wiederum sehr groß. 80, 100, 150 Mitarbeiter, das empfinde ich heute selbst als ein menschliches Maß.

Wie fallen Ihre persönlichen Erwartungen an die kommenden 25 Jahre vereinigtes Deutschland aus?

Ragnitz: Wir werden dann nicht mehr von „Ostdeutschland“ sprechen, als sei es ein Reservat. Und zwar, weil sich die Regionen hier weiter auseinander entwickeln werden. Die Wachstumszentren werden wohlhabender und attraktiver und noch mehr als heute mit den Städten im Westen mithalten können. Dresden zum Beispiel wird es dann ziemlich sicher mit Karlsruhe aufnehmen können.

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Dulig: Auch ich bin optimistisch. Mit der jetzt heranwachsenden und den kommenden Generationen werden die Unterschiede immer mehr verschwimmen, auch wirtschaftlich – das sehe ich genauso. Wir werden weiterhin Brüche haben, aber die werden weniger mit Ost und West zu tun haben, sondern vielmehr mit Stadt und Land. Außerdem glaube ich, dass wir die jetzt anstehende große Herausforderung mit der Integration von Flüchtlingen als Chance nutzen werden, um unser Land besser zu machen. Genau das ist eine große Chance für den Osten.

Ragnitz: Die Glücksforschung zeigt uns ja heute schon, dass die Lebenszufriedenheit nicht zwingend mit dem Einkommen zusammenhängt. Da schneiden auch Gegenden gut ab, in denen es wirtschaftlich wenig Positives gibt. Das ist das eine. Und das andere: In dem Moment, in dem diese große, historische Erzählung der deutschen Wiedervereinigung verblasst, werden auch weiter bestehende Unterschiede weniger darauf bezogen. Das wird helfen.

Hillenbrand: Wie wäre es damit: Hoffen wir doch einfach alle gemeinsam, dass wir ein solches Gespräch über Unterschiede zwischen Ost und West in 25 Jahren gar nicht mehr führen müssen.

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