28, 30, 35 Stunden – oder mehr? Kampf um flexible Arbeitszeiten

IG Metall und Arbeitgeber streiten über neue Arbeitszeiten. Die Gewerkschaftsführer fordern die Möglichkeit einer 28-Stunden-Woche. Dabei zeigt ein Beispielbetrieb: Fast alle Mitarbeiter wollen lieber länger arbeiten.

Tarifstreit: IG Metall und Arbeitgeber streiten um Arbeitszeiten Quelle: dpa

BerlinDer Tarifstreit geht in die nächste Runde: In Böblingen streiten die Vertreter von IG Metall und Arbeitgeber im Pilotbezirk Baden-Württemberg über mehr Geld und flexiblere Arbeitszeiten. Die größte deutsche Gewerkschaft fordert für die 3,9 Millionen Beschäftigten eine Lohnerhöhung um sechs Prozent und ein individuelles Recht auf eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf bis zu 28 Stunden. Kommt es wieder zu keiner Einigung, sind selbst unbefristete Streiks nicht ausgeschlossen.

Gerhard Stroppel verfolgt den Tarifstreit ganz gelassen. Stroppel ist Chirugiemechaniker. Seine Arbeit erfordert eine ruhige Hand: Er schleift, biegt und lötet kleinste Clips aus Titan – zumeist unter dem Mikroskop. Diese Gehirnklammern werden später bei neurochirurgischen Operationen benötigt und sollen Blutungen im Kopf des Patienten verhindern. Jahrelang hat Stroppel das 35 Stunden pro Woche gemacht – so wie es in der Metall- und Elektroindustrie üblich ist.

Seit ein paar Monaten aber arbeitet er zwei Stunden weniger, verbringt stattdessen mehr Zeit mit seiner Frau und den drei Kindern. „Ich genieße die zusätzliche Freizeit“, erzählt der 52-Jährige. Zwar hat er am Monatsende rund 150 Euro brutto weniger, doch das nimmt er in Kauf. „Das Haus ist abbezahlt, das geht schon.“

Ganz anders bei seinem Kollegen Mario Heinemann. Der Ingenieur hat erst vor sechs Jahren neu gebaut und ist vor einem Jahr Vater geworden, weshalb seine Frau nur noch in Teilzeit arbeitet. „Da hat man der Familie gegenüber schon gewisse finanzielle Verpflichtungen“, sagt der 37-Jährige. Heinemann hat seine Arbeitszeit deshalb erhöht, er arbeitet jetzt 40 Stunden pro Woche. „Es gibt genug zu tun. Deshalb spricht nichts dagegen mehr zu arbeiten.“ Auch finanziell nicht: Heinemann verdient 15 Prozent mehr.

Stroppel und Heinemann sind zwei von rund 3500 Mitarbeitern der Aesculap AG. Der Hersteller von Medizinprodukten und -technik hat schon 2016 das eingeführt, worüber Gewerkschaften und Arbeitnehmervertreter bereits seit Wochen streiten, nämlich flexible Arbeitszeiten. Für einen Zeitraum von zwei Jahren können die Angestellten entscheiden, wie lange sie arbeiten wollen – und zwar in einem Rahmen von 30 bis 40 Stunden. In den laufenden Tarifverhandlungen will die IG Metall erstmals seit 15 Jahren auch kürzere Arbeitszeiten durchsetzen. Metaller sollen ihre Arbeitszeit für zwei Jahre auf bis zu 28 Wochenstunden absenken können.

Eine zeitgemäße Forderung? Zumindest hat sich die Einstellung insbesondere vieler junger Beschäftigter zum Arbeitsleben geändert, beobachtet Hilmar Schneider, Leiter des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). „Für die heutige Generation hat Familie und Freizeit eine ganz andere Bedeutung als früher. Vor 20 Jahren hätten die Mitarbeiter nicht gewagt, solche Forderungen zu stellen, heute ist das normal.“ Arbeitsmarktexperte Alexander Spermann, der an der Universität Freiburg lehrt, bewertet die Forderungen der IG Metall auch als Marketingaktion. „Mit solchen Angeboten sollen gerade junge Mitglieder gelockt werden.“ Denn der Gewerkschaft droht die Überalterung. Da 30 Prozent der IG-Metall-Mitglieder befinden sich inzwischen im Ruhestand.

Ums Anlocken geht es auch bei der Firma Aesculap. Sie sitzt in Tuttlingen, 30 Kilometer nordwestlich vom Bodensee. Für die wenigen Fachkräfte ist die Provinz nicht die erste Anlaufstation – der Konzern versucht mit seinem Wahlarbeitsmodell zu punkten. Zunächst war Firmenchef Joachim Schulz von der Idee seines Betriebsrates nicht überzeugt. Mittlerweile ist er anderer Meinung: Denn seitdem Aesculap das Modell eingeführt hat, kann Schulz sogar mehr Arbeitsstunden einplanen – 80 Prozent der 300 Mitarbeiter, die ihre Stundenzahl angepasst haben, arbeiten nun länger als vorher. Dass nur eine Minderheit ihre Arbeitszeit reduziert hat, davon war er überrascht.

Wegen dieser Erfahrung kritisiert Schulz, dass sich die IG Metall gegen eine Option zur Aufstockung der Arbeitszeit sperrt. „Die Wirtschaft brummt. Es kann nicht sein, dass die Gewerkschaft nur über Absenkungen nachdenkt“, sagt Schulz, der auch im Vorstand des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall ist. Auch Arbeitsmarktforscher Schneider sieht die Haltung der Gewerkschaft kritisch: „Wer Flexibilität fordert, muss das in beide Richtungen tun.“ Ansonsten könne ein Unternehmen nicht auf die Bedürfnisse seiner Mitarbeiter reagieren.

Und jene hat die IG Metall in einer im Sommer veröffentlichten Mitarbeiterbefragung zu identifizieren versucht. 680.000 Beschäftigte haben mitgemacht. Eine Zahl, die Gewerkschaftsvertreter daraus gerne zitieren: Jeder Fünfte wolle seine Arbeitszeit auf weniger als 35 Stunden reduzieren. Die Studie zeigt aber auch – und das kommuniziert die IG Metall weniger offensiv: Noch mehr Befragte, nämlich fast ein Drittel, wollen länger arbeiten als 35 Stunden.

Egal, wie sich die Mitarbeiter von Aesculap entscheiden: Sie bekommen anteilig entweder mehr oder weniger Geld. Ausgleichszahlungen, wie sie die IG Metall fordert, gibt es nicht. Die Gewerkschaft fordert, dass Schichtarbeiter und Angestellte, die wegen der Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen kürzer treten, den mit der Arbeitszeitverkürzung verbundenen Lohnausfall teilweise vom Arbeitgeber erstattet bekommen.

Arbeitsmarktkenner Schneider hält das für eine „groteske Forderung“. Bislang sei die IG Metall für den Grundsatz „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ eingetreten. Ein Vollzeit-Angestellter, der seine Arbeitszeit reduziert, kommt wegen der Kompensation auf einen höheren Stundenlohn als sein Vollzeit-Kollege. „Das widerspricht der bisherigen Linie eklatant.“

Kritik äußert auch sein Fachkollege Spermann. „Die Ausgleichzahlungen sind ein Kostenschock für die Unternehmen.“ Dadurch würde faktisch der Stundenlohn steigen und somit die Kosten für die Konzerne. Um diese zu reduzieren, könnten Mitarbeiter entlassen werden – die Arbeitslosigkeit könnte sogar ansteigen, befürchtet Sperman. Da ein Teil des Lohnausfalls kompensiert wird, würden Anreize geschaffen, weniger zu arbeiten. „Das ist ein potenzielles Aussteigerprogramm für Fachkräfte“, sagt der Ökonom. „Und das können wir gerade gar nicht gebrauchen.“

Auch ein gesetzliches Recht auf befristete Teilzeitarbeit, wie es Union und SPD in den Sondierungen für Unternehmen von mehr als 45 Mitarbeitern beschlossen haben, hält er für verfrüht. Der Forscher schlägt vor, dass einzelne Betriebe zunächst mit verschiedenen Arbeitszeitmodellen experimentieren sollten – so wie bei Aesculap. Noch bis zum kommenden Frühjahr wird in Tuttlingen getestet. Doch die Erfahrung von Chirurgiemechaniker Stroppel und Ingenieur Heinemann zeigen: Flexible Arbeitszeiten, und zwar in beide Richtungen, können von Vorteil sein – für Mitarbeiter und Konzerne.

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