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30 Jahre danach Bei der Kaufkraft ist die Deutsche Einheit fast vollendet

Natürlich ist der „Aufbau Ost“ auch nach 30 Jahren Einheit noch nicht abgeschlossen, sagt Ifo-Ökonom Joachim Ragnitz. Quelle: imago images

Wirtschaftliche Abstände zum Westen gibt es immer noch. Dennoch ging es den Ostdeutschen in der Breite noch nie so gut wie heute. Ein Gastbeitrag

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Der Autor dieses Gastbeitrags ist der Ifo-Ökonom Joachim Ragnitz. Er ist stellvertretender Leiter der Ifo-Niederlassung Dresden. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen unter anderem die Ostdeutschlandforschung: Regionale Entwicklung und der sektorale Strukturwandel.

40 Jahre lang waren Ost- und Westdeutschland geteilt, seit 30 Jahren sind die beiden Landesteile wiedervereinigt. Das Erbe der sozialistischen Planwirtschaft ist jedoch bis heute spürbar: In der divergierenden Bevölkerungsentwicklung zwischen Ost und West, bei der Wirtschaftskraft und davon abgeleitet bei den Löhnen, in dem Gefühl vieler Menschen in Ostdeutschland, nicht wirklich dazuzugehören. Was dabei aber völlig unterzugehen droht, ist die Tatsache, dass es den Ostdeutschen in der Breite noch nie so gut ging, wie heute und dass auch die Unterschiede in den materiellen Lebensverhältnissen zwischen Ost- und Westdeutschland inzwischen recht klein sind. Natürlich gibt es diese Unterschiede noch – aber regionale Wohlstandsunterschiede gibt es auch im Westen, und dort sind sie kleinräumig sogar noch viel größer als jene zwischen Ost und West.

Nur auf den ersten Blick scheint dies widersprüchlich: Zwar liegen die Stundenlöhne in Ostdeutschland um rund 20 Prozent unter jenen in Westdeutschland (jeweils ohne Berlin), denn die vielen kleinen Unternehmen dort können sich höhere Lohnkosten einfach nicht leisten. Löhne sind aber nicht identisch mit dem materiellen Wohlstandsniveau: Dieses sollte eher am verfügbaren Einkommen der Bevölkerung gemessen werden, und dies ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Markteinkommen, staatlichen Transfers und Progression des Steuertarifs: Wer ein niedriges Bruttoeinkommen erzielt, zahlt auch weniger Steuern und hat in vielen Fällen auch Anspruch auf ergänzende Sozialleistungen. Während die Nettosteuerlast der Primäreinkommen im Westen bei 20 Prozent liegt, sind es im Osten nur 5 Prozent. Im Ergebnis führt dies dazu, dass die nominalen verfügbaren Einkommen je Einwohner im Osten schon bei 85 Prozent des westdeutschen Durchschnitts liegen. Und nimmt man schließlich hinzu, dass viele Preise nur regional gehandelter Güter im Osten niedriger sind als im Westen (insbesondere die geringeren Mieten schlagen hier zu Buche). So beträgt der Angleichungsstand bei den Realeinkommen schon 92 Prozent.

Die Einkommen in Brandenburg und Sachsen liegen sogar bereits über dem Niveau des schwächsten westdeutschen Bundeslandes (dem Saarland), und auch die Unterschiede zu anderen strukturschwächeren Westländern sind nicht mehr groß – man darf sich halt nur nicht immer mit Bayern, Baden-Württemberg oder Hessen vergleichen. Das Ziel der deutschen Vereinigungspolitik von Anfang an, nämlich die „Angleichung der Lebensverhältnisse“ zwischen Ost und West, ist damit in greifbare Nähe gerückt. Das in Ostdeutschland weit verbreitete Gefühl (materieller) Benachteiligung ist insoweit durch die Fakten nicht gedeckt.

Richtet man den Blick in die Zukunft, so muss man aber wohl konstatieren, dass eine vollständige Angleichung der Wirtschaftskraft in absehbarer Zeit nicht erreichbar ist. Zum einen werden sich die bestehenden strukturellen Besonderheiten des Ostens wie die Kleinteiligkeit des Unternehmenssektors und die in Teilen ungünstige Siedlungs- und Branchenstruktur gar nicht oder zumindest nicht so schnell überwinden lassen. Zudem kann das stärkere Engagement der Unternehmen in Forschung und Innovation in vielen westdeutschen Ländern dort zu einem beschleunigten Wachstum führen, was ein Aufholen des Ostens zusätzlich erschwert.

Und zum anderen dämpft die demographische Entwicklung die wirtschaftliche Dynamik in Ostdeutschland: Aufgrund des Geburtendefizits der frühen 1990er Jahre, aber auch aufgrund der Abwanderung in der Vergangenheit werden in den kommenden Jahren deutlich mehr Arbeitskräfte aus dem Erwerbsleben ausscheiden als nachrückende Kohorten zur Verfügung stehen. Um dies auszugleichen, müssten die Produktivitätssteigerungen (zum Beispiel durch Rationalisierung oder Digitalisierung) deutlich höher ausfallen als in Westdeutschland, was nicht sehr plausibel erscheint. Eher ist damit zu rechnen, dass die Unterschiede in der Wirtschaftskraft in ganz Deutschland in den kommenden Jahren zunehmen werden.


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Bei den (realen) Einkommen hingegen muss man nicht so pessimistisch sein, denn bei zunehmender Arbeitskräfteknappheit in Ostdeutschland dürften auch die Löhne hier überproportional steigen. Ob es zu einer vollständigen Angleichung der Löhne und der Einkommen kommt, ist dabei zwar nicht ausgemacht; dennoch: Den Menschen wird es aber auf jeden Fall besser gehen als heute. Zu hoffen ist, dass sich dies dann auch in entsprechend höherer Zufriedenheit der Bevölkerung widerspiegelt.

Natürlich ist der „Aufbau Ost“ auch nach 30 Jahren Einheit noch nicht abgeschlossen. Aber gefordert sind dabei vor allem die Kommunen und die Länder, denn diesen ist die Verantwortung für die viel zitierte „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ übertragen. Nur nach noch mehr Unterstützung von Bund und EU zu rufen, reicht deshalb nicht aus; man muss vielmehr die vorhandenen Mittel auch vernünftig einsetzen und die Freiräume nutzen, die das föderale System bietet. Die Kompetenzen für eine Verbesserung wachstumsrelevanter Rahmenbedingungen sind ja gerade deshalb primär auf den nachgelagerten föderalen Ebenen angesiedelt. Vielleicht ist es 30 Jahre nach der Vereinigung auch an der Zeit, hieran zu erinnern.

Mehr zum Thema: Der 30. Jahrestag der Deutschen Einheit markiert einen Wendepunkt: Der Osten gewinnt nicht nur an Dynamik und wirtschaftlicher Stärke – sondern auch an Optimismus und Selbstbewusstsein.

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