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500 Jahre Reinheitsgebot Die Freude des Steuerstaats am Bier

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Keine Biersteuer auf alkoholfreies Bier

In Berlin sind belgische Biere seit einigen Jahren „der Renner“, räumt Rochus Hubertus Amerongen von der Privatbrauerei Lemke ein. Im kleinen Nachbarland experimentieren die Brauer seit Jahrhunderten und brachten dabei Spezialitäten wie Lambic (Spontangärung), Geuze (Flaschengärung), Kriek (Kirschbier) oder mehrfach vergorene Starkbiere hervor. In Deutschland war vieles verboten – eben wegen des Reinheitsgebots, das Kritiker ein „Einheitsgebot“ schimpfen. Ganz so bierernst geht es heute nicht mehr zu. Inzwischen gibt es die Möglichkeit, abweichend vom Reinheitsgebot „besondere Biere“ herzustellen.

Diese Nährstoffe stecken in hellem Bier (Pils)

Und inzwischen ist eine rege Craftbeer-Szene entstanden, die mit so mancher Zutat früher gegen die Brauvorschriften verstoßen hätte.

Den Anfang machten vor gut 30 Jahren Mikrobrauer in den USA, wo allerdings die geschmackliche Not angesichts von eisgekühltem Light Beer auch besonders groß war. Die Gegenbewegung zu Bud und Miller Lite setzt auf Aromahopfen und Whiskyfässer. Sie zelebriert sich selbst und hievt das einstige Prollgetränk auf das Niveau von Weinkultur, mit Sommeliers, Verkostungen und fantasievoller Lyrik.

Die Berliner Brauerei Lemke zum Beispiel preist vis-à-vis vom Schloss Charlottenburg ihr India Pale Ale mit 6,5 Prozent Alkohol, 16,5 Prozent Stammwürze, 60 Bittereinheiten und 25 EBC/Bernstein-Kupfer-Farbe an: „Erfrischender Duft nach Mango, Grapefruit mit Pinien-artigen Momenten ...“. Wer eine Verkostungslage bestellt, darf sich durch sechs Biere vom Bohemian Pilsner (5,0 Prozent Alkohol) bis zum Imperial Stout (11 Prozent) durchtrinken.

Geschmackliche Erlebnisse sind garantiert. Bier habe doppelt so viele Aromen wie Wein, sagt Biersommelier Amerongen. Es gebe ja auch mehr Zutaten, und der Geschmack lasse sich je nach Darr- und Sudzeiten beträchtlich beeinflussen. Mit der blumigen Vielfalt erschließt sich die Brauwirtschaft neue, exklusivere Konsumenten, die bereit sind, auch schon mal zehn oder zwanzig Euro für eine Pulle hinzulegen. Craftbeer füllt jedoch nicht viel mehr als eine genüssliche Nische aus.

Das sind die ungewöhnlichsten Biere der Welt
Hvalur Þorrabjór SteðjaDie isländische Brauerei Stedji hat neben Erdbeerbier und Lakritzbier auch ein ganz spezielles Gebräu im Angebot. "What makes this beer special is that its ingredients is Pure icelandic water, malted barley, hops and sheep shit-smoked whale balls", heißt es auf der Homepage. Das Bier mit geräuchertem Finnwal-Hoden zog - wenig überraschend - den Groll von Tierschützern auf sich. Das Brauhaus Stedji hatte schon 2014 Aufsehen erregt, als es ein Bier aus Walmehl auf den Markt gebracht hatte. Wie damals soll das Getränk mit einem Alkoholgehalt von 5,1 Prozent für das isländische Winter-Fest Thorrablot produziert werden, bei dem die Inselbewohner traditionelle Gerichte wie Schafköpfe oder -hoden verspeisen. Die Walschutzorganisation „Whale and Dolphin Conservation“ in München verurteilte das Vorhaben. 2014 habe die Walfangfirma „Hvalur hf“, mit der die Mini-Brauerei zusammenarbeitet, 137 bedrohte Finnwale getötet, hieß es in einer Mitteilung. „Stedji“ betonte auf seiner Internetseite, alle nötigen Erlaubnisse für Produktion und Verkauf des Bieres eingeholt zu haben. Quelle: Screenshot
Cave Creek Chili BeerAnhand seiner Inhaltsstoffe schon deutlich exotischer ist da Cave Creek Chili Beer. Anders als bei vielen alkoholischen Getränken mit Chiliaroma schwimmt hier die Peperoni in der Flasche. Quelle: Screenshot
McOrkneyMcOrkney schmeckt dagegen bloß nach Whisky. Für den besonderen Geschmack nutzen die Brauer Malz, das in einem Torfofen geräuchert wird. Ganz so wie bei der Whiskyherstellung. Quelle: Screenshot
Samuel Adams Triple BockIm "Triple Bock" der Brauerei Samuel Adams Beer Company kommt Ahornsirup zum Einsatz. Das beschert dem Bier einen Alkoholgehalt von 17,5 Prozent sowie einen süßlichen Geschmack. Quelle: Screenshot
Pink PantherTatsächlich in Deutschland beheimatet ist dagegen "Pink Panther". Das Biermischgetränk mit Hibiskus stammt aus einer kleinen Kölner Brauerei mit dem Namen "Braustelle". Quelle: Screenshot
Flying Fox LagerDas im Himalaja beheimateten "Flying Fox" kommt zwar ohne Blüten aus, dafür wird es aus Gerstenmalz und Reis gebraut. Quelle: Screenshot
Fraoch - Heather AleEine kleine Brauerei nordwestlich von Edinburgh braut das Fraoch/Heather Ale nach historischem Rezept aus dem 16. Jahrhundert. In den Sud des Bieres kommt anstatt Hopfen Gagelstrauch sowie Heidekraut. Quelle: Screenshot

„Sehr modern, sehr interessant“, sagt Dietmar Bartsch von der Linken und fügt hinzu, nach einer solchen Probe „erst mal ein richtiges Bier“ trinken gegangen zu sein. Viel mehr zur Renaissance verhilft dem Bier ein Getränk, das nach althergebrachten Maßstäben eigentlich keines ist, das alkoholfreie Bier. Rund sieben Prozent Marktanteil hat es sich bereits in Deutschland erobert. Kaum eine größere Brauerei kommt noch ohne Null-Prozent-Bier aus, geschmacklich gibt es kaum noch Unterschiede, und Auto fahren kann man danach noch.

Zwei Herstellungsverfahren haben sich durchgesetzt: das Abbrechen des Gärprozesses bei einem Alkoholgehalt von 0,5 Prozent oder das nachträgliche Entfernen von Ethanol. Allein Finanzminister Schäuble und seine Länderkollegen mögen darüber ein wenig traurig sein, denn: kein Alkohol, keine Biersteuer. Die Lockerung des Reinheitsgebots sorgt am Ende für eine Belebung des Biermarktes, vergleichbar mit der Deregulierung bei der Telekommunikation. Früher gehörten Wählscheibentelefon und billiges Fernsehbier zur Grundausstattung im Haushalt. Heute findet man Smartphone, Tablet, Einfach- und Edelbölkstoff in bunter Vielfalt auf dem Küchentisch. Und der Pro-Kopf-Verbrauch scheint sich inzwischen auch zu stabilisieren – nachdem es zuvor von 145 Litern um 1980 mit zunehmendem Wohlstand und schrumpfender Arbeiterschaft ständig nur abwärts ging.

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