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60 Jahre Bundesrepublik Deutschland "Gelobt sei, was hart macht"

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Alfred Herrhausen, ehemaliger Quelle: dpa/dpaweb

Das Heranziehen des Elite-Nachwuchses führt zu einem neuen Typus Wirtschaftsführer, dem Typus der leitenden Angestellten. „Wir waren fantastische zweite Männer“, sagt ein anderer ehemaliger Napola-Schüler: Nicht zu den im Rampenlicht stehenden Vorzeigeführern seien sie erzogen worden, sondern zu den Strippenziehern im Hintergrund. Und in der Tat: Viele ihrer Namen kennt man jenseits ihres beruflichen Umfelds oft nicht, aber sie hatten Schlüsselpositionen inne.

Deutsche-Bank-Chef Herrhausen vertritt Zeit seines Lebens ähnliche Ansichten von „gutem Führungsstil“. Nur die Formulierung der „fantastischen zweiten Männer“ könnte unmöglich von ihm stammen. Er selbst hat so wenig Scheu, Gesicht zu zeigen, wie Probleme damit, den Elitegedanken in der neuen Gesellschaft zu verankern. Auch wenn er einräumt, dass die Bedingungen für die Bildung von Eliten „in einer Demokratie nicht immer einfach“ seien. Herrhausen steht zwar im Ruf, ein überzeugter Demokrat zu sein. Sein Demokratieverständnis indes ist ein korporatistisches, bestückt mit Ausnahmebedingungen und Vorbehaltsklauseln.

1971, gewissermaßen als Antwort auf Willy Brandts Regierungserklärung „Mehr Demokratie wagen“, spricht er unverblümt von der „Gefahr (...), dass die Forderung nach totaler Demokratisierung sich grenzenlos ausbreitet. Kein Zweifel – in der Politik ist Demokratie das beste Mittel, die Rechte des Einzelnen zu gewährleisten. Für andere Bereiche unserer Gesellschaft aber müssen wir doch wohl andere Strukturen entwickeln, Strukturen, in denen es nicht um Gleichmacherei des natürlicherweise Ungleichen, sondern um sinnvolle gegenseitige Ergänzung der Verschiedenheiten geht.“ Zu diesen „anderen Bereichen“ gehörten für ihn Armee, Unternehmen, Universität und Familie – dort „gibt es nun einmal eine Kompetenzverteilung“.

Ein anderer Ex-Napolaner, Hans Worpitz, schreibt 1991 ein Buch über Führungsmethoden und Führungsmodelle. Worpitz hatte es 1940, mit zwölf Jahren, auf die Napola im oberschlesischen Loben geschafft, als einer von 60 unter 360 Bewerbern. Fünf Jahre später verteidigte er seine Heimat Schlesien nicht nur vergebens, sondern irrtümlicher Weise auch noch bis zum 12. Mai 1945 – dass der Krieg längst aus und verloren war, drang erst mit Verspätung in die östlichen Teile des zusammenbrechenden Reichs vor. Für fast fünf Jahre geriet er in russische Gefangenschaft, die er – anders als fast vier Fünftel seiner Mitgefangenen – als zäher Ex-Napolaner überlebte. Zwei Tage nach seiner Heimkehr zur Familie, die in einem Flüchtlingslager im schwäbischen Tuttlingen gestrandet war, meldete sich der 21-jährige Worpitz am Realgymnasium an. Mit der antrainierten eisernen Selbstdisziplin holte er die verlorenen Schuljahre nach, machte Abitur , studierte in nur sechs Semestern Wirtschaftswissenschaften, promovierte 1959 und machte sich als Unternehmensberater selbstständig.

Zu den Ex-Napolanern, die nach dem Krieg in der Wirtschaft Karriere machen, gehörten auch Heinz Winkler, der bei IBM bald eine leitende Position innehatte, Klaus Montanus, der viele Jahre für die Unternehmenskommunikation bei Siemens zuständig war, und der Industriemanager Hans Günther Zempelin. Er war in den Siebzigerjahren Chef beim Stoffhersteller Enka, einer Tochter des niederländischen Chemiekonzerns Akzo Nobel.

Auf Seite vier erfahren Sie mehr zu der Napola-Vergangenheit des Top-Managers Heinz Dürr.

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