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60 Jahre Bundesrepublik Deutschland "Gelobt sei, was hart macht"

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Heinz Dürr, ehemaliger Quelle: dpa/dpaweb

Ein weiterer Top-Manager der Bundesrepublik, der auf einer Napola war, ist Heinz Dürr. Dürr war erst zwölf Jahre alt, als der Krieg zu Ende ging, und er glaubte immer noch an die Wunderwaffen des Führers, als sein Vater ihn in der Napola in Rottweil im April 1945 abholen kam. „Eine Zeit des militärischen Drills in schwarzen Uniformen mit Geländespielen im winterlichen Schwarzwald, wo wir Iglus bauten, in denen wir tagelang schliefen und uns dabei wie Helden fühlten“, erinnerte sich Dürr später.

Er hatte Glück: Sein Vater, der Fabrikant Otto Dürr, wurde von den Amerikanern nur der Mitläuferschaft beschuldigt und durfte sein Unternehmen weiterführen. Sohn Heinz beschäftigte sich derweil mit Existentialismus, trug schwarze Kleider, machte 1953 das Abitur – und startete danach eine der steilsten Karrieren der Bundesrepublik: Er wurde Chef von AEG, Vorstand bei Daimler und schließlich Chef der Bahn, deren Privatisierung und Zusammenlegung mit der DDR-Reichsbahn er nach der Wende übernahm. Über seine Napola-Erfahrung schrieb er mehr als 50 Jahre später: „Eine Zeit, die ich 1954 in meiner Bewerbung für eine Schlosserlehrstelle glatt unterschlug, weil es damals noch überhaupt nicht opportun war, so etwas zu erwähnen. Ganz im Gegensatz zu heute, wo die Napola in fast keinem Nachkriegsgrößen-Lebenslauf fehlen darf.“ Nazi-Drill als Zierde?

Preußentum statt NS-Ideologie

Für Menschen wie Herrhausen bleibt der Bereich des Politischen letztlich in eine Art Reservat verbannt. Sie findet in einem eingefriedeten Extrabereich, nicht im wirklichen Leben statt. Bei vielen Ehemaligen endet Demokratie an den Toren ihrer Betriebe oder vor der eigenen Haustür. Diese Trennung des Politischen vom restlichen Leben ist typisch für viele ehemalige Elite-Zöglinge, die im Nachhinein alle Hände voll damit zu tun hatten, für sich eine politisch-weltanschauliche Prägung durch den Nazismus auszuschließen.

Zwar hatte Herrhausen durchaus begriffen, dass sein Feldafinger Drill für ihn ein Leben lang prägend geblieben war. Trotzdem meinte er wie viele Schicksalsgenossen eine „besondere ideologische Indoktrination“ in seiner Schule nicht wahrgenommen zu haben. Die wenigsten haben verstanden, dass das Anstaltsleben mit seinen autoritären, antidemokratischen Strukturen selbst die Indoktrination und politische Prägung darstellte – der weltanschauliche Unterricht, den es zusätzlich gab, wäre gar nicht nötig gewesen. Herrhausen: „Ich habe aus diesen Jahren keinen Schaden, sondern eine Menge an preußischen Tugenden mitgenommen, die mir im Leben weitergeholfen haben.“ Diese Wendung freilich ist typisch für viele ehemalige NS-Eliteschüler: „Schaden? – Nein.“

Die Ausrichtung auf die NS-Ideologie, das klar definierte Ziel ihrer Erziehung, wird schlicht verleugnet – zurück bleibt ein unanstößiges „Preußentum“ von Pflichterfüllung, Pünktlichkeit, dem Vermögen, sich gegen andere zu behaupten und sich selbst zu überwinden. Wohl deshalb machte sich die Napola auf einmal gut im Lebenslauf, war die Vergangenheit erst einmal weit genug weggerückt und offiziell aufgearbeitet, auch hatten die Achtundsechziger an Einfluss verloren. „Die Erziehung in der Napola hat mir später in der freien Marktwirtschaft geholfen, mich durchzusetzen“, sagt Graf Nayhauß und braucht sich dafür nicht mehr verstecken. Denn er spricht für viele.

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