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63 Buchstaben Längstes Wort der deutschen Sprache abgeschafft

Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz ist das längste Wort der deutschen Sprache. Politiker haben es nun abgeschafft. Die Suche nach einem Nachfolger des Begriffs beginnt.

Deutsche Wörter in der weiten Welt
BH Quelle: REUTERS
Ski-Abfahrt von Benedikt Mayr Quelle: dpa
Stukas über Polen im September 1939 Quelle: Bundesarchiv Bild 183-1987-1210-502 Foto: Hoffmann, Heinrich September 1939
Autobahn Quelle: dpa
Knödel Quelle: dpa
Brille Quelle: Shvaygert - Fotolia
Mann Quelle: Zsolt Biczó - Fotolia

Selbst die glorreiche Donau-Dampfschifffahrtsgesellschaftskapitänswitwe sah neben ihm alt aus: Jetzt verschwindet das Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz aus dem mecklenburg-vorpommerischen Landesrecht - und aus den Herzen der Sprachwissenschaftler. Das Gesetz mit dem Kürzel „RkReÜAÜG“ galt jahrelang als längstes Wort der deutschen Sprache. Nun wird es nicht mehr gebraucht.
Der Schweriner Landtag beschloss vergangenen Mittwoch, das Gesetz mit dem vollen Namen „Rinderkennzeichnungs- und Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz“ aufzuheben. 1999 war es als Schutz der Verbraucher vor der Rinderseuche BSE eingeführt worden. Weil BSE-Tests für gesunde Rinder an Schlachthöfen auf Vorschlag der EU nun entfallen, fällt auch die Notwendigkeit für das lediglich sechs Paragrafen umfassende Gesetz mit den 63 Buchstaben weg. Es soll nun durch eine neue Verordnung ersetzt werden. Sie soll „Landesverordnung über die Zuständigkeiten für die Überwachung der Rind- und Kalbfleischetikettierung“ heißen, berichtet eine Sprecherin des Schweriner Landwirtschaftsministeriums.
Fernab der Seuche ist das Gesetz längst woanders zu einem Phänomen geworden: in der Sprachwissenschaft. „Das derzeit längste authentische Wort im deutschen Sprachgebrauch ist dieses Gesetz“, berichtete der Berliner Sprachforscher Professor Anatol Stefanowitsch noch vor wenigen Wochen. Sprachwissenschaftler berücksichtigen nur Wörter, die wirklich schon einmal in veröffentlichten Texten verwendet wurden - und das wurde „RkReÜAÜG“ bis zuletzt.

Deutsch für Besserwisser
Ein Daumen schwebt am (03.09.2010) auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin über dem roten Knopf einer Fernbedienung. Quelle: dpa
Falsch: Gang und gebe Richtig: Gang und gäbe Bei vielen ist es leider gang und gäbe, selbige Redewendung falsch zu schreiben. Vom Wortursprung bezieht sich "gang und gäbe" auf Zahlungsmittel, die weit verbreitet und damit gültig waren. So ist in Europa beispielsweise der Euro gang und gäbe, der Keks zum Kaffee ist dagegen bloß üblich. Quelle: Screenshot
Ein letzter roter Apfel hängt am 09.12.2012 unter einer Mütze aus Schnee an einem Apfelbaum in Eichwalde (Brandenburg) am Rande von Berlin. Quelle: dpa
Falsch: Der Erfolg kam dank Mund-zu-Mund-Propaganda Richtig: Der Erfolg kam dank Mundpropaganda Da niemand anderen Menschen etwas in den Mund sagt, müsste es - wenn überhaupt - Mund-zu-Ohr-Propaganda heißen. Wer darauf setzt, dass sich etwas herumspricht, vertraut auf Mundpropaganda. Quelle: gms
A radioactive specialist measures the level of radioactive contamination in the soil in Kopachi village Quelle: AP
Die neunfache Eisschnelllauf-Weltmeisterin Monique Garbrecht-Enfeldt Quelle: dpa/dpaweb
broccoli pasta Quelle: dapd

Durch die deutsche Liebe zu komplexen Verordnungen und Gesetzen entstehen Stefanowitsch zufolge immer neue solcher Bandwurmwörter. „Die meisten richtig langen Worte stammen meistens aus Gesetzestexten.“ Aber auch chemische Fachbegriffe seien manchmal von rekordverdächtiger Länge.

Das Gesetz zur Rindfleischetikettierung stand so exemplarisch für eine Besonderheit der deutschen Sprache: Theoretisch sind im Deutschen unendlich lange Begriffe erfindbar, ohne dass das Wort ein Ende findet. Um das zu zeigen, hat die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) einmal spaßeshalber den Begriff Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetzesentw urfsdebattierklubdiskussionsstandsberichterstattungsgeldantragsformular ins Leben gerufen.
Ähnlich geeignet für wahllose Wortverlängerungen sind auch das Finnische und Ungarische, erzählt GfdS-Geschäftsführerin Andrea-Eva Ewels. „Da wird jede grammatische Funktion einfach an das Wort angehängt.“ Anders ist es in Sprachen wie dem Türkischen oder Englischen. Dort werden zusammengesetzte Substantive meistens auseinandergeschrieben, erläutert Sprachforscher Stefanowitsch. Laut Oxford English Dictionary ist das längste Wort des Englischen nur 45 Buchstaben lang: pneumonoultramicroscopicsilicovolcanoconiosis ist der Begriff für eine in Deutschland als Quarzstaublunge bekannte Lungenkrankheit.
Weil man Schriftsysteme wie das Arabische und Hebräische nicht mit dem lateinischen Alphabet vergleichen könne, ist laut Stefanowitsch unklar, welches weltweit das buchstabenreichste Wort ist.
Dem Gesetz ergeht es nun wie seiner Vorgängerin: Die Grundstücksverkehrsgenehmigungszuständigkeitsübertragungsverordnung, sogar vier Buchstaben länger, wurde 2007 aufgehoben, erzählt Stefanowitsch. „RkReÜAÜG“ nahm den inoffiziellen Platz ein.

Jetzt beginnt die Suche nach einem neuen Rekordhalter. „Nun müssen sich andere Bundesländer um ein langes Wort bemühen“, sagt die Sprecherin des Landwirtschaftsministeriums. Die Fußstapfen des mecklenburg-vorpommerischen Gesetzes sind jedoch groß - und vor allen Dingen lang. 1999 hat es das Gesetz sogar unter die zehn Wörter des Jahres geschafft, berichtet Ewels. „Weil es eben so schön lang war.“
In den Duden schaffte es das Gesetz dagegen nie, berichtet Nicole Weiffen vom Duden-Verlag. Der Auswahl neuer Wörter gehe ein komplexes Prozedere voraus, in dem geprüft werde, ob ein Wort mit gewisser Häufigkeit im deutschen Sprachgebrauch auftauche. Duden-Spitzenreiter ist derzeit mit 36 Buchstaben die Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung. Das Gesetz aus Mecklenburg-Vorpommern habe es dagegen nie in den täglichen Sprachgebrauch geschafft - verständlich, findet Ewels: „Lange Wörter sind manchmal einfach unbequem.“

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