800.000 Asylbewerber Mehr Flüchtlinge in den Osten? Schlechte Idee

Im Osten gibt es Wohnraum und ein demografisches Problem. Also mehr Flüchtlinge in die neuen Bundesländer? Eine Win-Win-Situation für alle? Warum Ökonomen und Arbeitsmarktexperten diese These bezweifeln.

Der Osten Deutschlands hat Kapazitäten Flüchtlinge aufzunehmen. Quelle: dpa Picture-Alliance

Der Vorschlag klingt einleuchtend. Flüchtlinge sollen dort untergebracht werden, wo Wohnraum zur Verfügung steht. Das hatte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann kürzlich gefordert. In den Großstädten gebe es schließlich Wohnungsmangel, während in Ostdeutschland ganze Straßenzüge abgerissen würden.

Immer wieder wird diese Idee aufgegriffen und diskutiert – auch vor dem Hintergrund der nun nach oben korrigierten Flüchtlingsprognose. Die Bundesregierung geht für das laufende Jahr davon aus, dass 800.000 Flüchtlinge nach Deutschland kommen werden. Bislang wurden 450.000 Menschen erwartet. Vergangenes Jahr waren es noch gut 200.000 gewesen, 2013 weniger als 130.000.

Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, will die Bundesrepublik nun bei der Verteilung von Flüchtlingen entlasten. „Wir müssen die Verantwortung auf mehr Schultern in Europa verteilen. Es ist langfristig nicht tragbar, dass nur zwei EU-Länder - Deutschland und Schweden - mit leistungsfähigen Asylstrukturen die Mehrheit der Flüchtlinge aufnehmen“, sagte Guterres der „Welt“.

Ein schnelles Umdenken innerhalb von Europa scheint aber nicht sehr wahrscheinlich. Die Frage, wie Asylbewerber innerhalb von Deutschland optimal verteilt werden können, stellt sich somit umso drängender. Aktuell werden Flüchtlinge nach dem „Königsteiner Schlüssel“ in Deutschland untergebracht. Dieser wird jedes Jahr entsprechend der Steuereinnahmen und der Bevölkerungszahl der Länder berechnet.

21 Prozent der Flüchtlinge gehen in diesem Jahr nach Nordrhein-Westfalen, 15 Prozent nach Bayern und 13 Prozent nach Baden-Württemberg. Die ostdeutschen Länder nehmen jeweils zwei bis drei Prozent der Flüchtlinge auf. Wären es mehr, würde das andere Bundesländer entlasten und käme dem Osten Deutschlands sogar zu gute. Sie könnten den Bevölkerungsrückgang mindern und die Wirtschaft ankurbeln - so ein Argumentationsansatz. Doch Experten sind skeptisch.

Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle, glaubt nicht, dass das demografische Problem im Osten durch mehr Flüchtlinge gelöst werden kann. Es bedürfe stattdessen einer gezielten Einwanderungspolitik. Viel dringlicher aus Sicht des Ökonomen: „In Ostdeutschland müssen die Rahmenbedingungen für Einwanderer verbessert werden, um die Chancen zu erhöhen, dass hervorragend ausgebildete junge Familien nach Ostdeutschland einwandern wollen.“

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