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Abhängigkeit von Russland Der Ausstieg aus Kohle und Atom treibt uns in Putins Arme

Wladimir Putin, Präsident von Russland. Im Hintergrund ist das Gazprom-Logo zu sehen. Quelle: REUTERS

Da hilft keine Scheindebatte. Der Ausstieg aus Atom und Kohlekraft treibt die Deutschen auf Jahre in die Abhängigkeit von Russland. Das sollte eine Lehre sein für den Kampf um den grünen Wasserstoff. Ein Kommentar.

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Und? Kommt da was? Und wie viel? Mit Hochspannung, fast minütlich, beobachten Gasmarkt-Beobachter derzeit wie viel Erdgas Russland, das heißt: Gazprom, in diesen Tagen gen Westen liefert, wie viel genau etwa an der Verdichterstation in Mallnow in Brandenburg ankommt, über die Jamal-Pipeline. Puh, endlich! Das Aufatmen wird über den ganzen Kontinent zu hören sein, wenn, wie von Wladimir Putin versprochen, in den nächsten Tagen mehr geliefert wird. Endlich! Der russische Gasmann im Kreml hat den Daumen gehoben, die Preise gehen runter, der Winter ist gerettet. Halleluja.

Wie erbärmlich. Deutlicher als in den vergangenen Wochen kann der russische Präsident den Deutschen ihre Abhängigkeit von seinem Gas gar nicht demonstrieren. Klar, gut findet das in Berlin niemand, schon gar kein Politiker und keine Politikerin. Klar auch, dass alle diese Abhängigkeit jetzt unbedingt und sofort beenden wollen, vor allem die Grünen. Recht so. Tatsächlich ist das aber eine Scheindebatte. Stimmt zwar: Wenn wir erst genug Windräder aufgestellt haben und genug Solarzellen ins Licht halten, dann, ja dann, wird uns Wladimir Putin gernhaben können.

Pah. Gone with the wind. Aber bis dahin dauert es eben noch ein paar Jahre. Und in diesen Jahren des Übergangs wird Deutschland nichts dringender benötigen als genau Putins Erdgas – und zwar immer mehr davon. Das ist der große Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit in der deutschen Energiepolitik. Gas ist in Deutschland der fossile Energieträger der Wahl, jener Stoff, der die Transformation ins Grüne ermöglichen soll. Ist ja auch logisch. Anders als etwa Frankreich verzichten wir auf die Atomkraft und auf die Kohle noch dazu. Und so bleiben für die Zwischenzeit nur das Gas als Energieträger und Gaskraftwerke als Brückentechnologie. Anders werden Blackouts nicht zu verhindern sein. Atom- und Kohleausstieg treiben uns so bis mindestens Ende des Jahrzehnts immer weiter in die eiserne Umarmung des russischen Präsidenten. Bye, bye Atom! Tschüss, Kohle! Hello, Wladimir! Aus französischer Sicht ist das: Incroyable.

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Noch unglaublicher wäre es allerdings, wenn die deutsche Politik zumindest für die nächste Runde nichts lernen würde: Das Erdgas der Zukunft wird nämlich der Grüne Wasserstoff sein. Und schon jetzt ist klar, dass Deutschland auch bei diesem grünen Gold von Importen abhängig sein wird, aus Wasserstoff-Nationen, von jenen Ländern vor allem in Afrika und im arabischen Raum, die genug grünen Strom haben, um diesen Wasserstoff günstig herstellen zu können. Sie werden die Mächtigen der Zukunft sein. Deutschland muss schon jetzt dafür sorgen, sich auch in der grünen Ära nie mehr auf Gedeih und Verderb an nur einen Herrscher ketten zu müssen. Und? Tut sich jetzt was in Mallnow?

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