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Abschied als Parteichefin Was von Merkel bleiben wird

Angela Merkel auf dem CDU-Parteitag in Hamburg Quelle: REUTERS

Im Abgang gefeiert, von der Geschichte bekrittelt. Angela Merkel könnte es genau anders herum ergehen als ihrem Vorgänger im Kanzleramt, Gerhard Schröder.

Vielleicht hat Angela Merkel in ihrer allerletzten Rede als Parteivorsitzende doch noch eine Sehnsucht gestillt – die Sehnsucht nach einer Antwort auf die Frage, was diese Frau überhaupt antreibt. „Konservativ“, sagte die scheidende CDU-Chefin also beim Bundesparteitag in Hamburg, „konservativ kommt nicht von Konserve“. Es bedeute vielmehr, zu bewahren, was einen stark mache und zu verändern, was einen hindere.

Das war ein ebenso schönes wie klar gefasstes Motiv, das in seiner Mischung aus Schnoddrigkeit und mildem Pathos sehr gut zu ihr passte. Allein – es stimmte nur so halb.

Dass Angela Merkel in achtzehn Jahren an der Spitze der CDU und in dreizehn als Kanzlerin alles bewahrt und konserviert habe, das kann man wahrlich nicht behaupten. Man muss dazu nur die Begeisterung registrieren, mit der die alte Andenpakt-Männer-CDU in Person von Friedrich Merz noch einmal die Kraftprobe wagt. Doch dass Merkel eines Tages von Historikern als Regierungschefin gezeichnet wird, die voller Kraft und Hingabe veränderte, was sie und das Land am Vorankommen hinderte – nein, auch das will man heute nicht glauben.

Fast typisch Merkel

Wahrscheinlich wird Merkel in ihren kommenden letzten Jahren als Regierungschefin – so es noch Jahre sind – große Wertschätzung, beste persönliche Umfragewerte und eine Menge Sympathie genießen können. Doch eines fernen Tages wird man dann wägen müssen, was übrig blieb für das Land und den Standort. Ihr Vorgänger Gerhard Schröder wurde von den Bürgern abgewählt und von Teilen der SPD verdammt – die Kränze als tatkräftiger Reformer, der sich mit der Agenda ums Land verdient gemacht hat, wurden ihm erst später geflochten. Und Schröder wäre nicht Schröder, wenn er nicht auch ein bisschen daran mitgeflochten hätte.

Was aber bleibt von Merkel? Welcher Eindruck überdauert, wenn sie nicht mehr im Kanzleramt regieren, wenn die große Welle der Abschiedsgefühle abgeebbt sein wird? Erstens: Verdienter Respekt für eine Staatsführung, die das Land stoisch durch Finanz- und Eurokrise brachte und der heraufziehenden Ära des Autoritären Haltung und Charakter entgegenzusetzen hatte. Zweitens: Das beim Wähler höchst erfolgreiche Konzept einer Union der flexiblen Mitte, die je nach Bedarf sozial-liberal oder konservativ, christlich-grün-ökologisch oder reaktionär schillern konnte. Aber eben auch drittens: Eine große Irritation darüber, dass aus der umsichtigen Regierungschefin nie eine große Reformerin werden sollte.

Angela Merkel genoss das Glück von fast zehn Jahren Aufschwung, sie erntete üppig die Früchte der SPD-Agenda und schob ihre Partei in Richtung der gesellschaftlichen Mehrheit (Elterngeld, Kitaausbau, Energiewende). Vor allem aber verfügte sie über einen geradezu sezierenden, klaren Blick auf globale Herausforderungen, technologische Trends und bundesrepublikanische Versäumnisse. Ein Rätsel, das daraus nie Tatkraft und Reformmut erwuchsen.

Merkel könnte es also eines Tages genau anders herum ergehen als ihrem Vorgänger Schröder: Im Abgang gefeiert, aber von der Nachwelt bekrittelt und bezweifelt. Gegenwart ist eben etwas anderes als Geschichte.

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