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AfD im Ruhrgebiet Guido Reils Rachefeldzug gegen die SPD

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Eigentlich noch immer Sozialdemokrat?

Der Sozialdemokrat, den Guido Reil vor allem jagen will, sitzt im Foyer des Düsseldorfer Landtages und legt ein selbstgewisses Lächeln auf. Bis vor ein paar Minuten hat Thomas Kutschaty als Justizminister im Plenum gesessen und Fachdiskussionen gelauscht. Jetzt will er als Essener SPD-Chef die Sorge zerstreuen, die AfD könne seiner Partei im Ruhrgebiet gefährlich werden. Und eine Geschichte über Guido Reil erzählen, das will er auch.

Zuerst die AfD: Die sei ein normaler Mitbewerber, so wie jede andere Partei. Es stimme: die AfD habe der SPD in einigen Landtagswahlen Stimmen abgenommen. In Wahrheit aber sei die AfD eine Gefahr für die ländliche CDU - nicht für seine SPD. Schon gar nicht im Ruhrgebiet. Sein Pressesprecher hat ihm für diese These ein paar hübsche Zahlen herausgesucht. In Karnap liegt Kutschaty vorne. Er lächelt: "Mein Vorsprung ist okay."

Während Guido Reil in seiner Sprache Wörter wie "dat" oder "wat" verwendet und "so eine Krawatte" hat, wenn er sauer ist, wirken die Sätze von Kutschaty wie auf Hochglanz poliert. Er läuft damit Gefahr, abgehoben zu wirken, genau so wie Reil es ihm vorwirft. Genossen aus der Essener SPD aber sagen, dass Kutschaty die zerstrittene Partei befriedet habe. Elitäres Gehabe wirft ihm kaum jemand vor. Für Kutschaty ist Reils Wechsel zur AfD vor allem durch Rachegelüste getrieben, durch persönliches Karrierestreben - und durch Unzufriedenheit mit sich selbst. Das belege spätestens der peinliche Auftritt Reils auf dem SPD-Parteitag.

Reil sagt heute, er wisse selbst nicht mehr, was ihn damals auf die Bühne getrieben habe. Er würde den Auftritt am liebsten vergessen. Vielleicht legt er sich deswegen so ins Zeug.

Als er Ende März 2017 im saarländischen Wahlkampf auftritt, trägt er ein schwarzes Hemd mit schwarzem Sakko, dazu Brille mit schwarzem Rand. Es ist kein rebellisches Outfit, eher eines wie es linke Intellektuelle gerne tragen. Als erstes sagt Reil, dass er stolz sei auf derselben Bühne reden zu dürfen wie Frauke Petry und Albrecht Glaser, das seien ja ganz andere Persönlichkeiten als er.

Es ist eine leidenschaftliche Rede. Reil eifert gegen Schulz, gegen die Regierung, gegen Migranten. Er sagt, man dürfe Schulz nicht wegen seiner Jugendsünden abkanzeln, das mache ihn ja gerade symphytisch, sondern wegen seiner Zeit in der EU. Dann spricht er über die Axt-Attacke eines psychisch gestörten Mannes im Düsseldorfer Hauptbahnhof: „Da haben sich wohl ein paar kanadische Holzfäller unter die Flüchtlinge gemischt.“ Der Saal johlt.

Ein paar Wochen vor Reils Rede tritt Thomas Kutschaty in Essen-Altenessen auf. Seine SPD hat zum politischen Aschermittwoch in die Stauder-Brauerei geladen. Vorne auf der Bühne trällern die "All in Voices" alte Klassiker, hinter der Theke fließt Bier. Dunkles Holz, vertäfelte Wände, Wimpel an den Wänden. Auf den Tellern liegen Frikadellen mit Kartoffelsalat. Es ist eine Welt, in der sich auch Guido Reil wohlfühlen könnte.

Kutschaty wartet an der Eingangstür. Jeder der sich heute Abend sein Freibier abholen will, muss an ihm vorbei – und wird mit einem Handschlag begrüßt. Als der Raum voll ist, schlängelt er sich durch die Reihen. Händeschütteln hier, fürs Foto aufstellen dort, Smalltalk mit dem Stauder-Chef, Politiker-Alltag. Irgendwann schlendert er auf die Bühne, Eröffnungsrede, ein bisschen das SPD-Herz aufwärmen.

An den Stehtischen diskutieren die Genossen nach der Rede über Martin Schulz, das Wahljahr und die AfD. Eine der Genossinnen ist seit mehr als zwei Jahrzehnten in der SPD – und möchte beim Thema Guido Reil lieber anonym bleiben. Sie ist eine der wenigen, die noch Kontakt zu ihm hält.

Der Guido, sagt sie, sei vielleicht nicht die hellste Leuchte auf Gottes Christbaum. Aber er sei ein ehrlicher Typ, hilfsbereit, das Herz am richtigen Platz, eigentlich noch immer Sozialdemokrat. Die Genossin hat ihre eigene These zu Reil aufgestellt. Sie glaubt, dass sie ihn "verarschen" bei der AfD. "Denen kann doch nichts Besseres passieren", sagt sie. "Und hier bei uns, in der SPD, da fehlen so Leute wie er."

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