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Agentur für Sprunginnovationen „So entsteht keine radikale Innovation“

Exklusiv
Roboterhand Quelle: imago images

Das Schaulaufen der Top-Kandidaten für die Innovationsagentur des Bundes beginnt, viel deutet auf einen etablierten Wissenschaftler an der Spitze hin. Die FDP fürchtet, dass die Wirkung der Agentur verpuffen könnte.

Deutschland sucht einen Vordenker, einen Mann oder eine Frau, die der Konkurrenz immer ein wenig voraus sind. Technikkonzerne nennen solche Leute gern den Chefevangelisten. Am 3. und 4. Juli stellen sich nun vier Männer und eine Frau vor, die Interesse am des Chefevangelisten der Bundesrepublik haben. Nur ihr offizieller Jobtitel würde weit weniger klangvoll ausfallen: Bekämen sie die Stelle, würden sie Gründungsdirektor.

Bundeswirtschafts- und Bundesforschungsministerium wollen eine Agentur für Sprunginnovationen gründen und suchen dafür einen Chef. Die Agentur soll künftig Neuerungen ausfindig machen, die Branchen ähnlich durcheinanderwirbeln wie Apple oder Amazon – nur eben diesmal von Deutschland aus. Ginge dieser Plan auf, könnte Deutschland zu den USA und China mit ihren führenden Technikkonzernen aufschließen.

Für die Spitze gesucht wird daher eine Person mit besonderem Können und Biografie: am besten sollte er oder sie schon einmal selbst ein Unternehmen gegründet haben, das technisch einiges umgeworfen hat; jemand, der in der weltweiten Gründer- und Investorenszene bekannt ist.

Doch der Findungsprozess war eher auf Deutschland ausgerichtet denn auf Internationalität, eher auf die Wissenschaftsszene als auf Unternehmertypen. Das zeigt die Antwort des Forschungsministeriums auf eine Kleine Anfrage des FDP-Abgeordneten Thomas Sattelberger, die der WirtschaftsWoche vorliegt.

Demnach sind alle fünf Kandidaten, die sich bis zum 4. Juli der Gründungskommission mit einem Impulsvortrag vorstellen, Deutsche. Manche von ihnen, so steht es in der Antwort, haben in den vergangenen Jahren im Ausland gelebt und gearbeitet. Aktive Bewerbungen gab es nicht, die Mitglieder der Gründungskommission haben die Kandidaten und die Kandidatin vorgeschlagen, sie wurden dann angesprochen.

Es wäre Interessierten auch schwergefallen, sich der Kommission anzutragen, denn die Aufgabenbeschreibung – das geht aus dem Schreiben hervor – war öffentlich gar nicht zugänglich und außerdem nur auf Deutsch formuliert. „International, zum Beispiel in Skandinavien, Israel oder den USA, wurde nicht systematisch gesucht“, kritisiert Sattelberger – und das, obwohl das Ministerium selbst internationale Erfahrung als Voraussetzung nenne. Ein Ausländer als Agenturkopf sei nicht angestrebt worden, kritisiert der FDP-Politiker, „es sollte von Anfang an ein deutscher Kopf gefunden werden“.

Dass der Fokus eher auf der Wissenschaftsszene lag, zeigt vor allem die Personalberatung Leadership Advisors for Academia, die den Prozess unterstützt und die Kandidaten „vertieft und systematisch“ geprüft hat, wie es in der Antwort des Ministeriums heißt. Die Berater haben allerdings keine direkt auffindbare Internetseite. Auch in einer Wirtschaftsdatenbank taucht sie nicht auf. Lediglich beim Wissenschaftsverlag Springer Gabler findet sich ein Buch, dessen Autorenbeschreibung den Gründer der Leadership Advisors for Academia nennt: Norbert Sack.

Sack sei „einer der führenden Experten zum Thema Leadership in akademischen Einrichtungen“, hat der Verlag da notiert, war früher Partner beim Headhunter Egon Zehnder und etablierte die Beratung im Wissenschaftsbereich. Darauf ist nun auch sein eigenes Unternehmen spezialisiert. Das Thema von Sacks Buch: Leadership in der Wissenschaft. Untertitel: „Die Zukunft der Führung von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen“.

Welchen Beitrag die Beratung in dem Prozess jedoch überhaupt geliefert hat, bleibt in der Antwort ohnehin vage: Denn die Kandidaten wurden ja von den Mitgliedern der Gründungskommission vorgeschlagen.

Auch Günther Schuh, nach Informationen der WirtschaftsWoche einer der Kandidaten für den Chefposten der Innovationsagentur, ist Professor an der RWTH Aachen und stark in der Wissenschaftsszene vernetzt. Das Elektroauto Streetscooter gründete er mit Mitstreitern an der Hochschule. „All das deutet nicht darauf hin, dass hier eine Agentur für radikale Innovationen entsteht“, fürchtet Sattelberger. Das Vorgehen sei zu akademisch, der benötigte Vordenker „sollte auf keinen Fall aus dem System stammen, das seit langem kaum radikale Innovation geliefert hat“.

Auch über die Frage des Standorts wird in der kommenden Sitzung beraten. Ein Vorschlag sei ein Standort in Brandenburg, bestätigt das Ministerium in der Antwort. Das Saarland und Sachsen-Anhalt haben ebenfalls ihr Interesse bekundet. Nach ihrem Treffen sollen die Mitglieder der Gründungskommission Kandidaten empfehlen. Die Entscheidung liegt dann bei den Zuständigen im Wirtschafts- und im Forschungsministerium.

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