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AKW-Laufzeiten Wie Röttgen und Brüderle beim Atomstreit tricksten

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Welcher Wert aber soll künftig in die Kalkulation einfließen? Nicht nur, dass mit Krümmel und Brunsbüttel zwei Kernkraftwerke nach Defekten seit nunmehr drei Jahren keinen Strom liefern. In den nächsten Jahrzehnten sollen die Kraftwerke viel häufiger nur mit verminderter Leistung fahren. Damit haben jedenfalls die Betreiber just für die nun festzulegenden längeren Laufzeiten geworben – und Schuld sind die Erneuerbaren, insbesondere Windkraft und Solarenergie.

Damit in Deutschland nicht die Lichter ausgehen, wenn Flaute herrscht oder die Sonne nicht scheint, braucht es sogenannte Schattenkraftwerke. Die werden hochgefahren, wenn das Angebot der Natur nicht ausreicht. Dafür eignen sich vor allem schnell reagierende Gaskraftwerke, aber auch Atommeiler. Mit dieser Nützlichkeit hatten die Betreiber auch für Laufzeitverlängerungen geworben: Je mehr Erneuerbare, desto besser wäre es auch, die Kernreaktoren als Schattenkraftwerke für die Grundlast beizube-halten.

Doch daraus folgt eine andere Nutzung der Nuklearmaschinen: Weil sie mit zunehmendem Ausbau von Naturenergien seltener mit Volllast fahren, sinkt die Auslastung. 95 Prozent der möglichen Leistung werden sie seltener liefern. Ein Meiler-Jahr der Neunzigerjahre brachte eine viel größere Strommenge, als es ein Meiler-Jahr in der nächsten Dekade liefern wird. Der Streit zwischen Umwelt- und Wirtschaftsministerium: Während die Ökonomen mit 95 Prozent in die Verhandlungen gingen, beharrten die Ökologen auf nur noch 80 Prozent.

Umstrittene Nachrüstung

Ebenfalls noch heiß umstritten ist die Sicherheitsnachrüstung, die bei einem Weiterbetrieb fällig wird. Dabei sind die Kernkraftwerke in Deutschland technisch wie neu, ganz gleich wie alt sie sind. Das Atomgesetz verpflichtet die Betreiber, alle neuen Erkenntnisse umzusetzen, also regelmäßig nachzurüsten. Maßgebend ist der Stand der Wissenschaft und der Technik, der höchste Anspruch, den es für technische Anlagen gibt. Würde man das gleiche Kriterium beispielsweise bei Tankschiffen anwenden, müssten alle mit einem doppelten Rumpf ausgestattet sein.

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    Umweltminister Röttgen verlangt zusätzlichen Aufwand, um die Meiler zu schützen. So sollen alle Anlagen einen Schutz gegen Flugzeugabstürze erhalten. Seine Begründung: Deutschland habe bislang keine Konsequenzen aus den Flugzeugattentaten vom 11. September 2001 gezogen. Terroristen könnten sich mit schweren Passagierflugzeugen in die Reaktoren stürzen. Und seit das Verfassungsgericht den präventiven Abschuss entführter Maschinen verboten habe, sei eine solche Attacke auch nicht mehr kurzfristig abwendbar, wenn sich die Täter schon im Anflug befänden. Flak-Geschütze auf dem Betriebsgelände dürften nicht zum Einsatz kommen.

    Von den 17 deutschen Kernkraftwerken sind vier kaum gegen Flugzeugabstürze oder Terrorangriffe mit Flugzeugen geschützt. Sieben überstehen nach einer Studie der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln selbst den Absturz eines Jumbojets (Boeing 747). Die sechs verbleibenden halten Abstürzen von Militärflugzeugen stand. Die Schutzhülle um den eigentlichen Reaktor, die aus Stahl und Stahlbeton besteht, ist auf eine Lebensdauer von 60 Jahren ausgelegt, ebenso wie die übrige Bausubstanz. Eine Ertüchtigung der nicht gegen Abstürze gefeiten Anlagen würde jeweils etwa eine Milliarde Euro kosten, vorausgesetzt, der Platz für den Bau einer neuen Hülle ist überhaupt vorhanden.

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