WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

AKW-Laufzeiten Wie Röttgen und Brüderle beim Atomstreit tricksten

Seite 3/4

Hammer vor Quelle: dpa

Hans-Josef Allelein, Professor an der TH Aachen, empfiehlt stattdessen „halb im Spaß“, gefährdete Anlagen mit einem Schutzschild aus Windrädern zu umgeben, die es Terroristen unmöglich machen, ein Flugzeug auf ein Reaktorgebäude zu lenken.

Was Röttgen nicht sagt: Die rot-grüne Bundesregierung hatte durchaus reagiert. Die Kernkraftwerke erhielten Vernebelungsanlagen, mit denen der Standort getarnt werden könnte. Zudem hatte selbst das Duo Schröder-Trittin nicht darauf bestanden, die vorhandenen Anlagen mit neuen Betonhüllen zu überziehen, die der Wucht einer abstürzenden Maschine standhalten könnten. „So konkret hat es diese Forderung aus dem Ministerium nie gegeben“, sagt Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie- Agentur (Dena). „Unter Rot-Grün und der großen Koalition wurde die Vernebelung als ausreichend akzeptiert.“ Röttgen sei hier „radikaler als Rot-Grün“. In der Tat schrieb Rainer Baake, Staatssekretär unter Trittin, im September 2005 der E.On, durch die Vernebelung sänke die Gefahr eines Terroranschlags „drastisch“.

Der Experte in Bundesdiensten sieht die zusätzliche Betonhülle als „wirtschaftliches K.-o.-Kriterium. Ein bestehendes Kraftwerk mit einem Containment nachzurüsten, um es vor Flugzeugabstürzen zu sichern, das kann ich mir nicht vorstellen.“ In der Branche heißt es allerdings, jeder abgeschriebene Meiler werfe selbst dann noch genug Profit ab. Besondere Belastungen durch Investitionen in einzelne Atomkraftwerke „werden durch Strompreiserhöhungen“ aufgefangen, sagt ein EnBW-Manager.

Offen ist allerdings, ob im Falle des wirtschaftlichen Totalschadens die Reststrommengen des jeweiligen Meilers immer noch auf andere Anlagen übertragen werden dürften. Dann könnte es attraktiver sein, bei einzelnen Anlagen auf Nachrüstung zu verzichten und dafür die Laufzeit moderner Standorte deutlich über den angepeilten Termin auszudehnen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Ausbau des Leitungsnetzes als größte Hürde

    Das schwierigste langfristige Problem ist der Ausbau des deutschen Leitungsnetzes. „Aus den Energieszenarien ergibt sich, dass wir in jedem Fall eine große Zahl neuer Trassen brauchen, um den Strom von der Küste in die Industriezentren zu leiten“, sagt Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur in Bonn. Natürlich lassen sich später die Leitungen, die bisher den Strom von den norddeutschen Atomkraftwerken ins Netz bringen, nach deren Ende für den Transport von Windstrom nutzen. „Aber das reicht bei Weitem nicht aus“, weiß der Netzwächter. „Denn heute stehen die meisten Kraftwerke auch dort, wo der meiste Verbrauch stattfindet. Und das ist in Nordrhein-Westfalen, in Bayern und Baden-Württemberg.“

    Das Problem: „Wir bekommen den Strom an Land, aber dahinter wird es schwierig“, moniert Walter Döring, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Windreich AG. Zwei Windparks hat er in der Projektierung. Neben öffentlichen Bürgschaften, um die Finanzierung sicherzustellen, verlangt der frühere Wirtschaftsminister von Baden-Württemberg vor allem, dass die Verkabelung „nicht als norddeutsches Problem, sondern als Thema für das ganze Land gesehen wird“.

    Inhalt
    Artikel auf einer Seite lesen
    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%