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Albtraum Transparenz Es lebe das Geheimnis!

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Kann es eine Welt ohne Geheimnisse geben?

Kontoauszüge Quelle: dpa

Verschämt melden sich bisweilen Datenschutzbeauftragte zu Wort. Doch bezeichnenderweise reklamieren sie ausschließlich den Schutz der Daten von Einzelpersonen. Für das Recht von Staaten und Regierungen, aber auch von Unternehmen und Kirchen auf Geheimnisse gründen sich keine Bürgerinitiativen. Selbst deren Vertreter trauen sich kaum mehr öffentlich zu verteidigen, dass diese Institutionen überhaupt nur als Black Boxes mit ihren elementaren Geheimnissen bestehen können.
Einer der ersten Politiker, die das Geheimnis aus der Welt schaffen wollten, oder besser: es zu wollen behauptete, war der amerikanische Präsident Woodrow Wilson mit seinem 14-Punkte-Plan zur Beendigung des Ersten Weltkriegs. Die erste seiner Forderungen für eine Friedensordnung lautet: „Offene, öffentlich abgeschlossene Friedensverträge. Danach sollen keinerlei geheime internationale Abmachungen mehr bestehen, sondern die Diplomatie soll immer aufrichtig und vor aller Welt getrieben werden.“ Daraus wurde bekanntlich nichts. Und man kann froh darüber sein, dass Diplomaten bis heute ihr Geschäft auch im Geheimen betreiben. Der Weltöffentlichkeit ist dadurch viel Heuchelei erspart geblieben.

Weil es eine Welt ohne Geheimnisse nicht geben kann und der Anspruch auf totale Transparenz stets die Gefahr des totalitären Überwachungsregimes in sich birgt, gehört es zu den wichtigsten Errungenschaften eines Rechtsstaates, dass zwischen öffentlichen und geheimen Angelegenheiten auf der Basis von Gesetzen unterschieden wird. Nur Organisationen, die dem Geheimnis seinen Platz einräumen und seine Existenz nicht leugnen, können sich Vertrauen verdienen. Je lauter Staaten oder Unternehmen ihre angebliche Transparenz verkünden, desto mehr sind sie gezwungen, ihre überlebenswichtigen oder machtrelevanten Geheimnisse zu verschleiern. Und umso größer ist der Vertrauensverlust, wenn ihre Existenz doch ans Tageslicht kommt.

Vermutlich ist Transparenz auch deswegen ein solcher Superstar der Begriffe, weil die Forderung nach der Aufdeckung von Geheimnissen sich heute immer gegen Behörden und Unternehmen richtet. Man glaubt daher, dass die heute geforderte Transparenz keine Gefahren für den Einzelnen birgt. Die totalitäre Überwachungsgesellschaft, die die kommunistischen Transparenzträumer in der Sowjetunion und anderen Ländern installierten scheint nicht mit der geforderten Transparenz zu tun zu haben.

Der geheimnislose Arbeitsplatz

Doch das Misstrauen, das der Anspruch des totalen Durchblicks verursacht, fällt als Bumerang immer auch auf den Menschen zurück. Auf den Arbeitnehmer vor allem. In der Arbeitswelt ist der Transparenztraum bereits für Millionen Menschen Wirklichkeit geworden. Und mit ihm ein Klima des dauernden Misstrauens. In vielen heutigen Unternehmen herrscht ein Kult der Kontrolle. Hochqualifizierte und vermutlich hoch motivierte Angestellte müssen in Großraumbüros mit gläsernen Wänden und Türen arbeiten, wo jeder verträumte Blick aus dem Fenster, jedes Nasebohren, jeder Anruf des Ehepartners transparent ist. Keine Sekunde kann der Großrauminsasse sicher sein, unbeobachtet zu bleiben. Selbst von der Straße aus sind viele Bürogebäude durchschaubar.

Deutschland



Geheimnisse haben zu dürfen, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen von Freiheit. Und Freiheit ist Voraussetzung für jede kreative Arbeit. Die türlosen, gläsernen Büromonster unserer Tage stehen in der Tradition des antiken Steinbruchs, der so angelegt war, dass die darin schuftenden Sklaven, deren Motivation zu Recht bezweifelt werden konnte, stets von Aufsehern beobachtet werden konnten. Angesichts des offenen und jederzeit spürbaren Misstrauens, das solche Arbeitsbedingungen offenbaren, muss sich niemand wundern, dass ein wachsender Teil der Büroangestellten längst innerlich gekündigt hat und für seine Aufpasser nur das unbedingt notwendige und sichtbare tut.

Eine Welt ohne Geheimnis, so Hartmut Böhme, wäre nicht nur eine „Welt ohne Liebe“ und „den Zauber der Attraktion“, sondern auch eine „Wüste der Langeweile“ und der „Verlust aller Spannkraft“. Das kann sich eigentlich auch kein Unternehmen wünschen, das letztlich auf nichts so sehr angewiesen ist, wie auf die Kreativität und Arbeitsfreude seiner Mitarbeiter.

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