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Allensbach-Studie zur Familienpolitik Die Angst vor der Rabenmutter

Der Mann arbeitet, die Frau kümmert sich um die Kinder: Dieses alte Familienbild gehört, wie eine Studie zeigt, noch nicht der Vergangenheit an. Besonders im Westen nicht. Dabei wünschen sich auch Väter neue Wege.

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56 Prozent der befragten Mütter und Väter in den alten Bundesländern der Meinung, dass es besser ist, wenn die Mutter zugunsten der Betreuung des Kindes im Beruf kürzer tritt. Quelle: dpa

Berlin In Westdeutschland dominiert auch 25 Jahre nach der Einheit noch das traditionelle Familienbild, nachdem der Mann Vollzeit arbeitet und für den Unterhalt der Familie sorgt und sich die Frau überwiegend um die Kinder kümmert. Das ist das überraschende Ergebnis einer Allensbach-Studie, die das Familienministerium in Auftrag gegeben hat.

Demnach sind 56 Prozent der befragten Mütter und Väter in den alten Bundesländern der Meinung, dass es besser ist, wenn die Mutter zugunsten der Betreuung des Kindes im Beruf kürzer tritt. Dagegen plädierten 66 Prozent der Paare in Ostdeutschland dafür, dass beide Elternteile berufstätig bleiben und die Kinder möglichst früh in Krippe und Kindergarten betreut werden.

Und genau so wird’s auch gemacht: Fast drei Viertel der Mütter und Väter arbeiten vor der Geburt des ersten Kindes Vollzeit. Nach der Geburt des ersten Kinds schrumpfen diese Quoten auf elf Prozent in Westdeutschland, aber nur 34 Prozent in den neuen Bundesländern.

Die jungen Väter arbeiten vor der Geburt des ersten Kindes 42 (Ost) und 43 (West) Stunden im Durchschnitt. Bei den Ostfrauen schrumpft die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit zwar auch nach der Geburt des ersten Kindes, aber nur auf 31 Stunden. Bei den Westfrauen sind es nur noch 21. Hier dominiert die Halbzeitstelle oder der Minijob.

„Die alten traditionellen Leitbilder sind noch sehr mächtig“, kommentiert Allensbach-Chefin Renate Köcher die Ergebnisse. „Ich hätte nie gedacht, dass der Unterschied ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung noch so groß ist.“

Das alte falsche Bild von der Rabenmutter, dass auch von der Familienpolitik der alten Bundesrepublik lange gepflegt wurde, sei offenbar bei vielem immer noch nicht überwunden, kommentierte Familienministerin Manuela Schwesig (SPD).


Wunsch und Wirklichkeit stimmen überein

Dass diese Unterschiede nicht nur daran liegen, dass das Betreuungsangebot im Westen durchweg schlechter ist, belegt die Studie auch. Denn die Entscheidung für den Verzicht der Frau zumindest auf einen Teil der Berufstätigkeit fällt zu 87 Prozent ohne längere strittige Debatte, und dass obwohl die Jobzufriedenheit bei den Frauen deutlich höher ist als bei den Männern. Während 79 Prozent von ihnen sagen, ihr Beruf habe ihnen Spaß gemacht, meinen dass nur 72 Prozent der Männer.

Wie sehr Wunsch und Wirklichkeit übereinstimmen, zeigen auch folgende Ergebnisse der Studie: Bei den Eltern, die sich entschieden haben, dass die Frau für das Kind ganz zu Hause bleibt, sind fast 90 Prozent der Meinung, dass Kinder nur zu Hause von den Eltern betreut werden oder allenfalls halbe Tage in die Kinderkrippe oder die Kita gehen sollten. Bei den Eltern, wo die Mutter mehr als 25 Stunden in der Woche oder Vollzeit weiter arbeitet, halten nur 13 Prozent die Betreuung zu Hause für wichtig.

42 Prozent votieren für die Ganztagsbetreuung in der Krippe oder dem Kindergarten. Bei diesen Paaren herrscht in 71 Prozent der Fälle auch Einigkeit darüber, dass beide Partner, auch wenn Kinder da sind, eine gute berufliche Perspektive haben sollten. Dies glaubt nur jedes zweite Paar, bei dem die Mutter Teilzeit arbeitet und nur jedes dritte Paar, bei dem die Mutter ganz zu Hause bleibt.

Neben der Überzeugung, dass es besser für das Kind ist, wenn zumindest am Anfang die Mutter und nicht der Vater zu Hause bleiben, spielt allerdings auch das Geld eine Rolle. Wer wie viel Geld verdient, war immerhin für 60 Prozent ausschlaggebend dafür, dass in der Regel die Partnerin ganz oder teilweise auf den Job verzichtet. 70 Prozent nannten den Wunsch der Mutter, Zeit mit dem Kind zu verbringen, als Hauptgrund.

Schwesig findet die Ergebnisse der Studie in diesem Punkt fatal. „Die Politik hat sicher nicht die Aufgabe, Eltern vorzuschreiben, wie sie leben sollen“, sagt sie. Frauen, die sich entscheiden, auf eine mögliche Berufskarriere zu verzichten, sollten sich aber bewusst sein, dass das Konsequenzen hat. „Sie verfügten im Fall der Scheidung über kein oder nur ein geringes eigenständiges Einkommen, das sich mangels Berufskarriere auch nicht so leicht erhöhen lässt“, sagte Schwesig.


Neue Familienarbeitszeit nötig

Und sie hätten vor allem eine sehr schlechte Alterssicherung. Köcher wies darauf hin, dass die Zählebigkeit der traditionellen Leitbilder in der westdeutschen Gesellschaft auch damit zu tun habe, dass die Familienpolitik der alten Bundesrepublik über Jahrzehnte vom traditionellen Leitbild der Einverdiener-Ehe geprägt gewesen sei.

Auch glaubt sie nicht, dass die Familienpolitik die Aufgabe habe, Eltern als modern geltende partnerschaftliche Rollenbilder aufzuzwingen. „Politik hat aber die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass junge Eltern entsprechende Optionen haben.“

Und das in Deutschland trotz Krippenausbau und Elterngeld noch einiges im Argen liegt, bestätigt die Studie auch: So möchten viele Väter ihre Arbeitszeit gerne reduzieren, um mehr Zeit für die Kinder zu haben. Jeder Zweite wäre sogar bereit die Hälfte der Kinderbetreuung zu übernehmen. Schaffen tun das aber nur 18 Prozent.

Fast jeder fünfte Vater wäre gerne in Elternzeit gegangenen, hat dann aber darauf verzichtet: Aus Angst vor Einkommensverlust, aber auch aus Sorge um die Sicherheit des Arbeitsplatzes und das berufliche Fortkommen.

Für Schwesig sind die Ergebnisse auch eine Bestätigung für ihre Familienpolitik. „Die Väterwünsche zeigen, dass wir eine neue Familienarbeitszeit brauchen, damit Eltern nicht an den Rahmenbedingungen scheitern, die sie vorfinden.“ Sie bräuchten gute und flexible Angebote der Arbeitszeitgestaltung, damit Frauen nicht in der Teilzeitfalle und Väter nicht in der Vollzeitfalle stecken. Auch an ihrem Vorschlag eines 24-Stunden-Kindergartens hält sie fest.

Den Kritikern aus der CSU warf Schwesig vor, mit Polemik die alten Vorurteile von der bösen Rabenmutter zu schüren. Diesen Begriff gäbe es nicht von ungefähr nur in Deutschland. Zugleich wehrt sie sich auch gegen eine Verherrlichung der ostdeutschen Rollenbilder. „Die alte DDR hat die Erwerbsarbeit der Frauen aus ökonomischen Gründen forciert, nicht, weil sie eine Vorkämpferin der partnerschaftlichen Ehe war“, sagt die gebürtige Ostdeutsche.

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